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„Der Menschenfeind“ am Deutschen Theater

Molière auf höchstem Niveau

Der Menschenfeind Alceste (Ulrich Matthes) in einer Szene mit Célimène (Franziska Machens).

Der Menschenfeind Alceste (Ulrich Matthes) in einer Szene mit Célimène (Franziska Machens).

Berlin. Anstand und Höflichkeit, gute Manieren und kleine Komplimente, süffisante Lügen und luftiges Geplauder: Alles, was Kommunikation erträglich macht und dafür sorgt, dass wir uns nicht ständig an die Gurgel gehen, kann Alceste (Ulrich Matthes) gestohlen bleiben. Er will unbedingte Wahrheit und kompromisslose Ehrlichkeit. Dass er sich damit überall Feinde macht und ständig wegen Beleidigung vor Gericht gezerrt wird, ist dem kauzigen „Menschenfeind“ völlig schnurz.

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Vermittlungsversuche seines besten Freundes, Philinte (Manuel Harder), lehnt er kategorisch ab. Die Avancen der schönen Éliante (Lisa Hrdina) quittiert er mit brüsker Zurückweisung. Die gefühlsduseligen Verse von Oronte (Timo Weisschnur) tritt er gnadenlos als dilettantischen Schund in die Tonne.

Nur Célimène (Franziska Machens), die schöne Witwe und verlogene Heuchlerin, die jeden Mann um den Finger wickelt und in den liebestollen Wahnsinn treibt, findet Gnade bei diesem besserwisserischen Berserker. Um ihre Liebe kämpft er, mit ihr will er glücklich werden. Doch warum sollte sich die lebenslustige junge Frau von dieser verbitterten Spaßbremse in die Einsamkeit der Ehe-Hölle sperren lassen?

Am Deutschen Theater in Berlin zeigt Regisseurin Anne Lenk Molières 350 Jahre alte Komödie „Der Menschenfeind“ als zeitlose Satire auf gesellschaftliche Maskerade und soziale Selbstinszenierung und betont lustvoll den nie zu lösenden Widerspruch zwischen hohem moralischen Anspruch und kläglich scheiternder Wirklichkeit. Sie löst Molières Figuren aus ihrer höfischen Etikette und wirft sie in eine Gefängniszelle, einen Schuhkarton aus grauen Gummibändern. Keine Möbel, keine Accessoires, kein Ausweg, kein Entkommen.

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Nur Sprache und Bewegung. Körper, die sich durch die den Raum begrenzenden Spaghetti-Gummibänder auf die Bühne zwängen. Schauspiel in Reinkultur und auf höchstem Niveau. Und eine Übersetzung des alten Textes, die geschickt zwischen poetischer Schönheit und modischem Kalauer jongliert.

Der (damalige) Star-Regisseur Jürgen Gosch und der (damalige) Kult-Dramaturg Wolfgang Wiens haben die Übersetzung für eine Theater-Neu-Definition Molières in den 1980er Jahren erdichtet und Reime gefunden, die jedes noch so herrische Gebrülle von Menschenfeind Alceste und jede kokette Lüge der um ihn versammelten Polit- und Kultur-Schickeria lächerlich erscheinen lässt.

Molières Komödie

Molière brachte 1666 „Der Menschenfeind“ als bissige Satire auf die Schmeichelei am französischen Hof heraus. Die Hauptrolle spielte er, wie oft in seinen Komödien, selbst.

Manche meinen, es sei das am meisten autobiografisch geprägte Stück des Autors. Denn als Hof-Dichter von Ludwig XIV. litt er nicht nur unter den Macht-Hierarchien und den Intrigen am Königshaus, er war auch – wie sein Alceste – den Verführungskünsten einer um 21 Jahre jüngeren Frau hoffnungslos erlegen, verhedderte sich im Strudel menschlicher Schwächen und machte sich zum Gegenstand spöttischer Kommentare.

Zum vorwitzigen Text gesellen sich wummernde musikalische Beats, schillernde Lichtspiele und fantasievolle Video-Effekte. Ein rundum stimmiges Bühnen-Paket, das die Darsteller zu Höchstleistungen antreibt. Mit mädchenhafter Koketterie zieht Franziska Machens (Célimène) die Fäden, mit dümmlichem Grinsen rezitiert Timo Weisschnur (Oronte) seine schleimigen Gedichte.

Alceste beißt sich die Zähne aus

Am ewig gut gelaunten jugendlichen Draufgängertum von Jeremy Mockridge (Acaste) und Elias Arens (Clitandre) muss der permanent pathetische und dauerhaft muffelige Ulrich Matthes (Alceste) sich die Zähne ausbeißen, den Schwanz einziehen und sich in die Einsiedelei verabschieden. Selten so gelacht. Sogar über einen Matthes, der in seiner unbedingten Ernsthaftigkeit ungemein komisch sein kann.

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Deutsches Theater, nächste Vorstellungen am 4., 16., 20. April, Karten unter 030/28441221, service@deutschestheater.de

Von Frank Dietschreit

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