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MAZ-Musiktipp

Neues von Muddy Gurdy, Beth Hart und BRTHR

Da werden die Vögelein neidisch: Das Trio D’ Virgilio, Morse & Jennings findet zu vokaler Schönheit.

Da werden die Vögelein neidisch: Das Trio D’ Virgilio, Morse & Jennings findet zu vokaler Schönheit.

Potsdam.Von dieser Seite des Rock-Multiversums hätte man wohl nicht erwartet, dass ausgerechnet Erz-Musikanten wie Nick D' Virgilio, Neal Morse & Ross Jennings so ein von Licht durchflutetes Album vorlegen. Das zudem ganz große Vokalkunst vom Amerikas Westküste aufruft. So wie es die unvergleichlichen David Crosby, Steven Stills und Graham Nash (CSN) vermochten, später genial erweitert um Neil Young. Sonst bekannt für ihre Prog-Rock-Akrobatik geht diesmal um die pure, erhebende Kraft des Gesangs. Und was soll man sagen? Morse liebäugelte schon eine Weile damit, endlich einmal eine Platte aufzunehmen, die genau das in den Mittelpunkt rückt. So versammelten sich D'Virgilio, Morse & Jennings für "Troika" (Inside Out Music/Sony) – und sangen sich eins. Und wie.

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Noch mehr Rock

Ihrem Debüt lassen Volcanova nun „Cosmic Bullshit“ (The Sign Records) folgen. Mitnichten handelt es sich um kosmischen Blödsinn. Vielmehr um die direktere und wuchtigere Fortsetzung des Albums mit fünf hart groovenden Stoner-Stücken. Die Isländer sorgen für viel erbaulichen Radau. Samt Kuhglocken. Toll. Traut sich nicht jeder.

Wer nur sich selbst kennt, wer nicht den Blick nach links und rechts richtet, wer nur von Gier getrieben handelt, dem ist ein böses Ende beschieden. Diese Einsicht prügeln die Metal-Extremisten Gutrectomy aus Weil am Rhein uns auf ihrer Platte „Manifestation Of Human Suffering“ (Amputed Vein Records/Blood Blast Distribution) mit einer brutalen, bitterbösen Attacke ein. Doch die Menschen lernen nicht dazu, oder?

In Göteborg werden gigantische Riff-Walzen zusammengeschraubt. Immer wieder. Die poltern los und bitte niemand sollte sich ihnen in Weg stellen. Das wäre überaus nutzlos. Wie „Dwell In The Fog“ (Riding Easy) von Firebreather zeigt. Sechs starke Stoner-Stücke.

Der dystopische Kurzfilm „A Darkened Sun“ (Sensory) würde viel an erzählerischer Kraft einbüßen, ließe man den die dazu komponierte dramatische Klangspur außer Acht. Sehen und Hören der Geschichte einer jungen Frau ohne Trost und in Nöten, die sich der Welt entfremdet hat, ihren Ort wie ihre existenzielle Bestimmung sucht, fallen eigentlich in eins. Und doch: Wolverine, Vertreter des Progressive Metal aus Schweden, legen dennoch ihre aus vier Teilen bestehende Musik getrennt vom Bild vor. Für Freunde des Kopfkinos.

Schon das Cover von „Fire It Up“ (Boonsdale Records/Alive) signalisiert, Thunderor drehen am Gasgriff und rasen auf ihrem chromblitzenden Feuerstuhl in die Achtziger. Vielleicht sogar noch ein Jahrzehnt weiter zurück in die Geschichte von Hard Rock und Metal. Eine Ära, die Schlagzeuger JJ Tartaglia offenkundig liebt. Mit Jonny Nesta, den er gleich von Skull Fist mitbringt, und dem Bassisten Oscar Rangel, der seinen Daumen zuvor für Annihilator donnern ließ. Trotz Trainings: Tartaglias schrille Stimme zerrt ziemlich an den Nerven.

Der Schlagzeuger, der Gitarrist und der Sänger. Ein Trio, das sich vornehmlich auf akustisch grundierte Leckerbissen kaprizierte und eben auf sehr fein getunten Gesang. Hatten D'Virgilio und Morse schon in ihrer Zeit bei Spock's Beard einiges in der Künstlergarderobe geschmettert, bestand für Jennings – er kommt von der englischen Band Haken – nicht der geringste Zweifel daran, einer Kooperation im Wege zu stehen, als er gefragt wurde. Und doch gibt es da diese Yes-Momente, wie ich sie nennen würde. Die Briten waren als Taufpaten des Progressive Rock schon unterwegs, als beispielsweise Morse noch seinen musikalischen Weg suchte. Gemeinsam mit Jon Anderson konnten sich die übrigen hochmögenden Instrumentalisten zur mehrstimmiger Höchstleistung steigern. Ein Weile baute die Band Akustik-Sets in ihre Live-Auftritte ein.

Beleben den Blues aus der Perspektive der Volkslied-Tradition ihrer französischen Heimat: Muddy Gurdy.

Beleben den Blues aus der Perspektive der Volkslied-Tradition ihrer französischen Heimat: Muddy Gurdy.

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Allein schon diese Anrufung sorgt für Gänsehaut: Herr, hilf den Armen und Bedrängten! Was als Gospel beginnt, wird von einer hypnotisch rotierenden Drehleiher, einem treibenden Schlagzeug und einer Gitarre mit dunklem Hall und Sixties-Feeling fortgesetzt. Muddy Gurdy beleben den Blues mal von einer anderen Seite. Verknüpfen ihn mit traditionellen Volksweisen der Auverne, mit verschleppten Trance-Sounds wie sie in Nordafrika zu finden sind und mit Cajun oder Country. Was Perkussionist Marc Glumeau, Tia Gouttebel (Gesang und Gitarre) und Drehleiher-Spieler Gilles Chabenat da fusionieren, findet mächtig Anklang. Zumal in Amerika. Dort haben die Franzosen sich bereits an die Quelle des ländlichen Blues gewagt. Und im Mississippi Hill County mit Nachkommen berühmter Delta-Musiker wie R.L. Burnside oder Otha Turner gespielt.

Auf der Suche nach Alternativen

Und dann kommt diese junge Frau aus dem Nordwesten Islands und nimmt dich einfach gefangen. Mit vier berückenden Liedern von „Intertwined“ (One Little Independend Records). Mit einem nachdenklichen, gewinnenden Gestus erzählt Árný Margrét von sich. Von dem, was ihr guttut und von dem, was sie im Inneren verletzt. Dabei kann sie ganz auf ihre bewegende zarte Stimme und ihr behutsames Gitarrenspiel verlassen. Bis auf wenig Ausschmückung. Dass sie sich einem Country-Song wie „Tall Buildings“ von John Hartford zuwendet, spricht für sich. Ein Versprechen auf mehr. Ihr Album ist in Arbeit.

Wer diese allerhöchst aufregende Platte 1986 verpasst hat, sei es aus Gründen des Lebensalters oder gar Unaufmerksamkeit, der erhält mit der Wiederveröffentlichung von Sussan Deynim & Richard Horowitz „Desert Equations: Azax Attra“ (Crammed Discs/Indigo) eine zweite Chance. Und kann die überragende, bis dahin nicht gekannte und damit wegweisende Verquickung traditioneller persischer Musik mit Elektronik und Avantgarde-Tönen aus New York. Mehrwert versprechen drei unveröffentlichte Stücke als Bonus und das Beiheft, das den Schaffensprozess vergegenwärtigt.

Ist es die Beschränkung, die den Meister macht? Jedenfalls kann man bei Bugge Wesseltoft nur zustimmend nicken. Zwar hatte sich der Norweger während des zweijährigen Schöpfungsprozesses für „Be Am“ (Jazzland Records) keine Regeln gesetzt, doch der Solist kam Ende wohl mit so wenig Noten wie noch nie aus. Wesseltoft ist gerade 50 Jahre alt geworden. Der Mann öffnete den Jazz schon früh für elektronische Abenteuer, spielte mit den namhaftesten Künstlern der Szene und hielt sich trotzdem nicht mit Genre-Zuschreibungen auf. Wesseltoft übt sich im Innenhalten, horcht tief in sich hinein und findet – in den meisten Fällen – zu einer Seelenruhe, die sein beeindruckendes Piano-Spiel leitet. Folk, Klassik oder Jazz? Egal. Eine Andacht. Lediglich ergänzt um ein Saxofon oder Vogelzwitschern.

BRTHR aus Stuttgart legen auf dem Kurzalbum „Be Alright“ (Backseat) die nächsten fünf Stücke vor. Allesamt Werke der Liebe, die tief und tiefen-entspannt in Amerika verankert sind. Die Bläser bringen den Soul vorbei, umgarnt von den Slides auf der Gitarre, Flöten und Reggae gehören dazu. Jemand spielt mit guten Freunden auf der Veranda. Vielleicht einen Country-Song. Und erfreut sich bei Whisky oder Wein des Sonnenuntergangs über – sagen wir – Tulsa. Mehr als einmal zeigen sich Philipp Eißler und Joscha Brettschneider an JJ Cale. Und teilen wohl auch seine lässige Lebenseinstellung.

Die famosen Sessions wurden nominiert für den Grammy und die Blues Music Awards. Warum, das versteht man einmal mehr beim Hören von „Homecoming“ (Chantilly Negra/Broken Silence), ihrem dritten Album. Hypnotisch, handgemacht und brodelnd.

Hatte Led Zep live längst in der Kehle: Beth Hart.

Hatte Led Zep live längst in der Kehle: Beth Hart.

Vom explosivem Blues und entfesseltem Rock konnte eine Band nie genug bekommen: Led Zeppelin. Und doch ließen sich diese Titanen beim Musizieren nie auf diese beiden, wenngleich wesentlichen Elemente reduzieren. Auffällig auch, dass Robert Plant, für viele die Stimme des Rock, nach dem Tod von Schlagzeuger John Bonham und der Auflösung der Formation seine musikalischen Schritte ebenfalls in die Wüsten Afrikas lenkte und sich wie jüngst mit Alison Krauss erneut Bluesgrass und Country zuwandte. Wie auch immer: Am Vermächtnis von Led Zep lässt sich nicht rütteln. Aber man kann sich im nähern. Wie gerade Beth Hart auf "A Tribute To Led Zeppelin" (Provogue/Mascot Label Group/Rough Trade). Lange kursierten Gerüchte über so ein Projekt, das schließlich von den Produzenten Rob Cavallo und Doug McKean vorangetrieben wurde. Mitten in der Pandemie ließ sich Beth die Musik schicken, eingespielt von Spitzen-Kräften.

Eine gelungene musikalische Befragung, die die unterschiedlichsten Facetten von Led Zeppelin vorstellt. Und das mit einer Röhre wie Beth sie nun mal hat. Bitte dringend "Kashmir" anspielen! Allerdings war die Kraft ihrer Stimmbänder ja längst bekannt von eigenen Aufnahmen und jenen mit Saiten-Star Joe Bonamassa. Außerdem: Live hatte die Sängerin aus Los Angeles immer wieder Songs von Led Zeppelin angeboten – und sich geradezu für den Tribut empfohlen.

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Von Ralf Thürsam

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