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Neues von Neil Young & Crazy Horse, Karin Park und Atlas

Die alte Truppe bleibt die beste: Zehn neue Stücke von Neil Young & Crazy Horse.

Die alte Truppe bleibt die beste: Zehn neue Stücke von Neil Young & Crazy Horse.

Potsdam. Mit seiner Frau Daryl Hannah hat Neil Young zuletzt immer mal wieder die über 100 Jahre alte Fischerhütte in seiner Heimat Kanada besucht. Jüngst rückte allerdings ein ganz anderes Gebäude ins Blickfeld – eine Scheune oben in den Rocky Mountains. Das alte Stück war etwas im Boden versunken, als der Musiker es zuerst sah. Dann wurde das Gebäude restauriert. Und gab dem neuen Album den schlichten Titel „Barn“, erschienen bei Reprise/Warner.

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Neil Young und Crazy Horse in den Bergen

An diesem Ort versammelt Young wieder einmal seine alten Gefolgsleute. Zu den reaktivierten Langzeitbegleitern zählen aktuell Ralph Molina am Schlagzeug, Billy Talbot am E-Bass und Nils Lofgren. Der Gitarrist ist Mitgründer von Crazy Horse. Er legte etliche Solo-Platten und jene mit der Band Grin vor. Mehr als 30 Jahre spielt er bereits in der E Street Band von Bruce Springsteen. Remember Berlin-Weißensee am 19. Juli 1988?

Lagerfeuer und wilder Galopp

Bei Mondenschein blickt Young auf die Natur ringsum, sinnt über Jahreszeiten, sich und seine Gefühle nach, greift in die Saiten der Akustischen, bläst seine Mundharmonika während Lofgren sich das Akkordeon schnappt. Dann stehen die vier vom Lagerfeuer auf. Und rumpeln und rocken. Bald erinnert sich Young erneut an die guten alten Tage daheim, als Mama ihm die erste Gitarre schenkte. Schnörkellos wie gewohnt und gewünscht. Crazy Horse kommen mächtig gut in Fahrt. Und Young lässt endlich wieder einmal die Elektrische wüten, splittern und glühen. Wie in "Human Race". Sie bringen auch den schrägen Kneipen-Schunkler. Oder das rohe, etwas bluesige "Welcome Back" – wundervolle acht Minuten lang. Und niemals vergisst der knorrige Folkrocker die Liebe.

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Auf der Suche nach Alternativen

Was der Gitarrist Jeff Parker da auf seiner Soloplatte „Forfolks“ (International Anthem) veranstaltet, ist doch schon etwas von dem entfernt, was er sonst mit den Post-Rockern Tortoise aus Chicago auf ihren, viele Genres verschlingenden Aufnahmen seit 1990 getan hat. Die Stücke – eine Zuwendung zu Thelonious Monk, ein Standard, sechs eigene Kompositionen – fallen nahezu puristisch aus. Nur, dass Parker, der gewiefte Instrumentalist, so gar nicht auf einige wesentliche Dinge verzichtet. Loops und etwas Elektronik. Dann fangen die improvisierten Dinge einfach an, zu schweben. Eine Übung in Meditation.

Lewis & Leight wurden als Americana-Duo nicht nur in Europa gefeiert. Der Waliser Al Lewis legt nun „Moving On Moving Past“ (Al Lewis Music) vor. Ein viel zu kurzer Solo-Gang mit nur sechs Stücken, denn seine Partnerin Alva Leigh verfolgt ebenfalls eigene Projekte. Der Heimat und seiner mächtigen Chormusik verbunden, sang Lewis häufig in der dort sehr lebendigen keltischen Sprache, dem Kymrischen. Ob in munterem Tempo vorgetragen oder etwas versonnen, Al schmückt seine Lieder mit Geschmack aus. Bisweilen scheinen sogar David Crosby oder Al Stewart als Bezugsgrößen auf.

Ihr Hit „Why Does It Always Rain On Me“ hatte den Erfolg bereits angedeutet. Dann kam das Album, mit dem Travis richtig abräumten. Die Band aus Glasgow wurde trotz des Plattentitels „The Invisible Band“ nun gerade wahrgenommen. Tatsächlich: Das Dutzend an Songs – ausgeschmückt mit Finessen aus Pop und Rock – lässt sich noch immer gut hören. Unverbraucht und traumhaft beherzt klingen Fran Healy und seine Mitstreiter. Es gibt also wenig Grund nicht noch einmal hervorzuholen. Vielleicht in der Version „The Invisible Band – 20th Anniversary Edition“ (Craft Recordings/Concord/Universal). Insbesondere die ergänzten „B-Side & Bonus Tracks“ lassen aufhorchen, weil sie Einblick ins Wachsen der Band bietet, sodann mit einem Cover von Queen, Mott The Hoople und den Beatles aufwarten und einigen Versionen – live oder akustisch – , die nicht zu verachten sind.

Es wird womöglich nicht das letzte Mal gewesen sein, dass Neil Young in die Rockys zurückkehrt. Mit Scheunen hat er es ja eh. Wir erinnern uns an die Rückseite seines Klassikers „Harvest“. Dort fällt das Licht schräg auf die Musikanten auf der Tenne. Oder an „Old Ways“, das zeigt ein Haus auf dem Lande samt Schädel an der Holzwand.

Schafft Trugbilder und Doppelbödigkeiten: Karin Park

Schafft Trugbilder und Doppelbödigkeiten: Karin Park

Inzwischen lebt Karin Park wieder in Djura. In einem früheren Missionshaus der Kirche ihrer schwedischen Heimatstadt nimmt sie ihre Songs auf. Die Macht der Einbildungskraft versucht die Sä:ngerin, die man hochachtungsvoll die skandinavische Nico nennt, auf ihrem fünften Album "Church Of Imagination" (Pelagic Records) zu ergründen. Der Wind heult ums Haus. Kristallklare eisige Piano-Akkorde tropfen in die Stille. Wer traut schon seinen Sinnen, bei diesen Geschichten, die Karin ausbreitet. Die unterlegt sie mit Digitalsounds, Geisterchöre vorbei schweben lässt und das Drama mit Streichern auflädt. Ein exaltierter Gospel samt Orgel wird abgelöst von einer Art kindlichem Erinnerungsgesang oder Elektro-Wummer-Rock. Unterkühlte, nachdenkliche, feierliche Kammermusik einer Dark-Pop-Diva. An den Reglern saß übrigens auch Kjetil Nernes, Gitarrist der norwegischen Band Arabrot, mit der Karin auftritt. Mit Kjetil ist sie nicht nur künstlerisch verbandelt.

Noch mehr Rock

Es ist ein überaus mächtiger Gesang, den Atlas da hinlegen. „Ukko“ – der Titel ihres erst zweiten Albums steht für eine doppelte Bedeutung: Die fünf Finnen ehren und verabschieden sich zum einen von einer Vaterfigur der Musiker, die sie verloren haben. Zum anderen tauchen die Musiker tief hinab in die Mythologie ihrer Heimat. „Ukko“ (Long Branch Records/SPV) gilt darin als Gott des Himmels. Der über Donner, Wetter und Ernte gebietet. Letzte ist bei Atlas überaus reich ausgefallen. Wie ihr Epos, nahtlos zwischen Finnisch und Englisch dargeboten, beweist. Die Stücke kommen daher wie eine Naturgewalt mit ominösen geisterhaften Sounds, brutalen Brüll-Attacken und donnernden Riff-Walzen. Dann wiederum klart der Himmel auf – in schwelgerisch akustischen heidnischen Folk-Passagen. Fabelhaft.

Am Anfang war der Stream: Nach dem Konzert legen Hyno5e nun „A Distant Dark Source Experience“ (Pelagic Records) in physischer Form nach. Die vier avantgardistischen Metaller aus Montpellier zeigen darauf, welch monströse wie magnetische Wirkung ihr letztes Studio-Album auf der Bühne entfaltet. Mit zarten Keyboard-Figuren, gezupften wie unerhört mitleidslosen Gitarren, aber auch mit Spoken-Word-Phasen neben mit schwebendem Klargesang, die an ein Hörspiel, mehr aber noch an eine filmische Inszenierung gemahnen. Es geht um verletzte Seelen und Schatten, die sie verschlingen können. Ohne Wiederkehr.

Kurz vorm Fest feiern Fateful Finality mit „Finish ‘Em“ (Blood Blast Distribution) ihre Rückkehr. Auf ihrer angenehmst rabiaten Scheibe dreschen die Stuttgarter ungehemmt vier Stücke herunter. Obacht – mit verdoppelten Gitarren. Die große Bescherung ist allerdings erst für 2022 versprochen. Dann soll das neue Langeisen der Trash Metaller erscheinen.

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Erst zur Jahresmitte hatten sich Lustmord und Karin Park mit der atmosphärischen, verhallten und eher experimentellen Platte „Alter“ bemerkbar gemacht.

Singen von Büchern, die die Welt bedeuten: die Spell-Sänger,

Singen von Büchern, die die Welt bedeuten: die Spell-Sänger,

Mutter Natur, ihre Magie und die Sorge um sie spielt nicht nur für Neil Young eine wichtige Rolle. Für "Spell Songs II: Let The Light In" (Quercus Records/Thirty Tigers/Membran) hat ein Ensemble hoch dekorierter Künstler zusammengefunden. Das Projekt, das live aufgeführt wird, schließt Musik, Kunst und Literatur zugleich ein. Wie schon beim ersten Teil stand für die Fortsetzung ein Buch Pate für die ernsthafte wie inspirierende Arbeit: "The Lost Spell". Robert Mcfarlane hat die "Die Verlorenen Wörter" verfasst, Jackie Morris die Illustrationen beigesteuert. Gesprochen, besungen, beschworen und gepriesen wird die wilde Welt, die immer mehr auf dem Rückzug ist. Denkt man nur ans Artensterben. Die Spell-Sänger – zu ihnen gehören Karine Polwart, Julie Fowlis, Seckou Keita, Kris Drever, Rachel Newton, Beth Porter und Jim Molyneux – betten ihre 15 neue Stücke in einen weit aufgefassten Rahmen. Darin finden Folk aus verschiedenen Ecken der Welt, Rock, Klassik, Alternative Country und Experimentierfreudiges ihren Platz. Reflektiert werden Wildheit, Schönheit, Verlust und Hoffnung. Was, wenn wir den Zaunkönig da draußen nicht mehr entdecken?

Von Ralf Thürsam

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