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Zur „Layla“-Debatte

Die Geschmackspolizei entdeckt die Kirmes

Das Karussell „Big Monster“ dreht sich auf der Düsseldorfer Rheinkirmes (Aufnahme von 2017)

Das Karussell „Big Monster“ dreht sich auf der Düsseldorfer Rheinkirmes (Aufnahme von 2017)

Potsdam. Eine gute Kirmes ist ein Dreiklang aus Fahrgeschäften, Bier- und Fressbuden (meinetwegen noch Losverkäufer, die „Gewinnegewinnegewinne“ rufen). Die Beschallung auf dem Rummelplatz korrespondiert mit der Beleuchtung ebendort: Grell und grob – Element of Crime oder AnnenMayKantereit wären hier deplatziert.

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Die Kirmes als volkstümliches Vergnügen ist prädestiniert für einen eher schlichten Soundtrack. Das hat sie mit dem Ballermann gemeinsam, der berühmten Partymeile in Palma de Mallorca, wo das deutsche Geschmacksprekariat gerne mal das Camp-David-Poloshirt auszieht und die Sau rauslässt.

Mitgrölen auch nach drei Eimern Sangria

Für diese Zielgruppe gibt es eine ebenso maßgeschneiderte wie primitive Musiksparte – Songs, die du auch nach dem dritten Eimer Sangria noch mitgrölen kannst. Stimmungssänger wie Tim Toupet oder Mickey Krause sind reich und berühmt geworden mit unterkomplexen Gassenhauern à la „Zehn nackte Friseusen“ oder „Finger im Po – Mexiko“.

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Das Stück über die textilfreien Haarschneiderinnen hat inzwischen 23 Jahre auf dem Buckel. Dass sich Vertreterinnen dieser Profession wegen des Songs über verletzte Gefühle beklagt hätten, ist nicht bekannt. Doch die allgemeine Empfindlichkeit der Hörenden ist größer geworden.

Das Friseusen-Pendant des Jahrgangs 2022 heißt „Layla“, das Stück von DJ Robin & Schürze schaffte es aus dem Party-Biotop auf Malle bis auf Platz 1 der deutschen Charts. Besungen wird die Chefin eines mittelständischen Unternehmens (Bordell), die zugleich ein „geiles Luder“ sein soll.

Das Oktoberfest soll „Layla“-frei bleiben

Die Veranstalter mehrerer großer Volksfeste (Würzburg, Düsseldorf) hatten den Song bereits auf den Index gesetzt, nun zog das weltberühmte Münchner Oktoberfest nach – übrigens ziemlich genau 40 Jahre nach dem Skandal um Rosi. Textauszug: Damit in dieser schönen Stadt/ das Laster keine Chance hat...

In der NRW-Landeshauptstadt ging der Veranstalter-Entscheidung angeblich eine Intervention der dortigen „Gleichsstellungsstelle“ voraus. Aus deren Perspektive nachvollziehbar: Der Kampf gegen Sexismus gehört zu ihrem Kerngeschäft, die Bumsmusik von DJ Robin & Schürze fällt in diese Kategorie.

Trotzdem ist es einigermaßen absurd, dass ausgerechnet an diesem dümmlichen Song ein Exempel statuiert wird. Gerade im Gangsta-Rap – egal, ob in deutscher oder englischer Sprache – machen viele Protagonisten auf dicke Hose, gefallen sich in ekligen Zuhälterposen, würdigen Frauen als „bitches“ oder „Schlampen“ herab. Im direkten Vergleich sind die meisten Ballermann-Lieder geradezu harmlos.

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Außerdem: Die Musikgeschichte ist voll von fragwürdigen Songtexten, die aus Sicht einer kommunalen Frauenbeauftragten niemals hätten geschrieben werden dürfen. „Skandal im Sperrbezirk“ zum Beispiel, da stehen die „Nutten sich die Füße platt“. Selbst der gute Sting hat schon mal eine Prostituierte angeschmachtet („Roxanne“ an der roten Laterne), und über den schlimmsten Stalking-Schlager der 1970er-Jahre („Im Wagen vor mir fährt ein junges Mädchen“) deckt man wirklich besser den Mantel des Weghörens.

Dass sich eine selbsternannte Geschmackspolizei nun an der Kirmes abarbeitet, ist symptomatisch für ein Überflussland, das andere, wirklich existentielle Sorgen (Krieg, Corona, Klimawandel) lieber verdrängt. Darauf ein Bier und eine Bratwurst.

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