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Ein Nachruf

Unser Mann in Hollywood: Regisseur Wolfgang Petersen liebte die großen Geschichten

Wolfgang Petersen: „Gute Geschichten brauchen halt Raum.“

Wolfgang Petersen: „Gute Geschichten brauchen halt Raum.“

Auf welchen Film er besonders stolz sei? Gerade hatte Wolfgang Petersen sein eindrucksvolles Gesamtwerk auf 22 DVDs herausgebracht, auf diese Frage wusste er 2008 jedoch sofort eine Antwort: Das sei „Das Boot“, jener Film von 1981 über das Himmelfahrtskommando einer deutschen U‑Boot-Besatzung mit Jürgen Prochnow und Herbert Grönemeyer.

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Und dann fügte Petersen im Gespräch hinzu: „Allerdings mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Viele sagen, das sei der Film meines Lebens, an den würde ich nie wieder heranreichen. Ich bin aber wild entschlossen, noch so ein Ding hinzulegen. Abwarten.“

Petersen hat sich in die Annalen der US-Kinogeschichte eingeschrieben

Einen ähnlichen Erfolg wie mit jenem Film über schwitzende Männer in einer engen Stahlröhre sollte er nicht mehr hinbekommen. Aber mit Filmen wie „Air Force One“, „Outbreak“, „Der Sturm“ oder „Troja“ hatte sich Petersen längst schon in die Annalen der US‑Kinogeschichte eingeschrieben. Petersen war – neben Katastrophen­filmer Roland Emmerich – unser Mann in Hollywood.

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Nun ist er im Alter von 81 Jahren einem Bauchspeicheldrüsenkrebsleiden erlegen. Petersen starb friedlich im Kreis seiner Familie in seinem Haus im kalifornischen Brentwood. Seine Frau Maria war an seiner Seite.

Stern am internationalen Kinohimmel

Als „Das Boot“ in die Tiefen des Atlantiks abtauchte, stieg Wolfgang Petersens Stern am internationalen Kinohimmel auf: Gleich sechsfach wurde seine Verfilmung von Lothar Günther Buchheims Bestseller für den Oscar nominiert und musste sich dann doch „Gandhi“ geschlagen geben. Doch von nun an war Petersen auch in Hollywood ein Markenzeichen – an jenem Ort, an den er sich stets gesehnt hatte.

Aufgewachsen war der 1941 geborene Petersen in Emden. An der Küste keimte die Sehnsucht nach der großen, weiten Welt in ihm auf.

„Vertreter einer schöneren Welt“

Seine Familie wohnte in einer Baracke neben dem Hafen. Auf riesigen Schiffen liefen die Amerikaner ein und beschenkten die Kinder mit Schokolade, Bananen und Kaugummi. Für Petersen waren sie „Vertreter einer schöneren Welt, reich, mächtig und freundlich“. Sie brachten den Rock ’n’ Roll, Elvis Presley, die Western – und die großen Kinohelden.

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Petersen aber lebte im Land der deutschen Autorenfilmer – dort, wo die Regisseure vom Drehbuch bis zur Produktion alles selbst übernahmen. Filme sollten anspruchsvoll und experimentell sein. Richtig wohlgefühlt hat er sich in dieser Atmosphäre wohl nie. Er glaubte stets an die „ungebrochene erzählerische Kraft des Kinos“, an große Gefühle und nervenkitzelnde Action.

Deshalb konnte er auch richtig kiebig werden, wenn Besserwisser in seiner alten Heimat über das US‑Kino herzogen. Im Gespräch sagte er: „Ich kann es nicht mehr hören, wenn Hollywood mit Oberflächlichkeit gleichgesetzt wird – im Gegensatz zum angeblich so hehren europäischen Kino. In Hollywood steckt ein ungeheures Potenzial, so wie nirgendwo sonst auf der Welt.“

Filmstudent in Berlin

Schon der Student der neu gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin wusste genau, dass der Flimmerkasten für ihn nur Durchgangsstation sein konnte. Doch er war sich ebenso klar darüber, dass er das Fernsehen brauchte: Voller Kalkül überzog er das 10.500-Mark-Budget für seinen Abschlussfilm an der Hochschule um fast das Fünffache.

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„Gute Geschichten brauchen halt Raum“, war Petersens Devise. Sein Kurzfilm „Ich werde dich töten, Wolf“ wuchs auf eine Stunde an, wurde bei der Berlinale 1970 uraufgeführt und im Fernsehen ausgestrahlt.

Prompt folgten seine „Tatort“-Jahre, darunter die legendäre Folge „Reifeprüfung“ mit Nastassja Kinski. Und immer wieder bewies Petersen ein Gespür für brenzlige Themen: Erst drehte er den Ökothriller „Smog“ (1972), fünf Jahre später „Die Konsequenz“ (produziert von Bernd Eichinger), eine schwule Liebesgeschichte.

Fassbinder war beeindruckt von Petersen

Der Bayerische Rundfunk klinkte sich aus und sorgte so ungewollt dafür, dass dem Werk mit Jürgen Prochnow und Ernst Hannawald viel Aufmerksamkeit beschieden war und es auch den Weg ins Kino fand. Im Juni dieses Jahres hat er den einstigen Skandalfilm noch einmal auf DVD und digital herausgebracht.

Auch Rainer Werner Fassbinder war damals von den Arbeiten seines Kollegen beeindruckt. Und darauf war Petersen nach eigenen Worten besonders stolz.

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Aber da war stets auch die Angst, in deutscher Fernsehroutine zu erstarren: „Ich war mehr aufs Fernsehen fixiert und neidisch auf die Kinoleute. Andererseits habe ich viel Erfahrung gesammelt. In knapp zehn Jahren habe ich 25 Fernsehfilme inszeniert, während die anderen in Schwabing in der Kneipe saßen und diskutierten. Ohne diese Filme hätte ich so eine Riesenproduktion wie ‚Das Boot‘ niemals hingekriegt“, sagte er im Gespräch.

Er brachte „Das Boot“ auf Kurs

Dann gelang ihm der internationale Durchbruch: Bavaria-Chef Günter Rohrbach bot ihm an, das dahindümpelnde Projekt „Das Boot“ wieder auf Kurs zu bringen. Heftig stritt Petersen mit dem Buchautor Lothar-Günther Buchheim herum, genau wie später mit Michael Ende, dessen „Unendliche Geschichte“ er ebenso verfilmte.

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Die Bestsellerautoren wollten nicht verstehen, dass es Petersen nicht um dichterische Freiheit ging, sondern darum, ein Kinoerlebnis zu schaffen. Auch vom Aufschrei der Kritiker ließ sich der Regisseur nie beirren. Zumindest im Rückblick gab er sich in seiner bereits 1997 erschienen Biografie „Ich liebe die großen Geschichten“ so optimistisch, als wäre er ein waschechter Selfmademan aus den USA: „Wer ‚Das Boot‘ überstanden hat, kann alles machen.“

Clint Eastwood wünschte sich Petersen als Regisseur

Ganz so leicht war es dann aber doch nicht: Endlich angekommen in Hollywood, blieb er erst einmal hängen im Finanzierungsdschungel. Dann bekam er die „Zweite Chance“, wie der deutsche Verleihtitel von „In the Line of Fire“ lautet. Clint Eastwood wünschte sich den deutschen Regisseur, und der war später voll des Lobes über seinen Hauptdarsteller: „Obwohl Eastwood selbst Regisseur ist, hat er nicht mit Tipps um sich geworfen, wo ich die Kamera aufstellen soll.“

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Petersen inszenierte in „Zweite Chance“, was er am besten konnte: einen Zweikampf auf Leben und Tod, in diesem Fall zwischen einem Präsidentenleibwächter (Eastwood) und einem Attentäter (John Malkovich). Das war ein Männerfilm, der auch von den Charakteren lebt – und zugleich an einen amerikanischen Albtraum erinnerte, an den Anschlag auf den US‑Präsidenten John F. Kennedy.

So wie in „In the Line of Fire“ sah für Petersen der dritte Weg zwischen Autorenfilm und cineastischer Massen­ware aus: europäische Selbstironie, verbunden mit einer aufpeitschenden Geschichte. Er selbst liebte die Filme von François Truffaut und Roman Polanski.

Petersen erlebte in Hollywood auch Fehlschläge

Bei so viel Erfolg durfte er spotten: Jetzt gehöre er selbst zu den „bösen Buben, die mithelfen, die europäischen Kinos zu verstopfen und den europäischen Film zu ersticken“, wie er ironisch in seiner Autobiografie anmerkte.

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Später erlebte Petersen in Hollywood auch Fehlschläge. Sein Schiffsuntergangsfilm „Poseidon“ (2006) floppte an den Kinokassen. Doch gehörte er zu den wenigen Regisseuren, die das Recht auf den „Director’s cut“ hatten: Petersen durfte bestimmen, welche Schnittfassung seines Films in die Kinos kommt. Und das sollte in Hollywood schon etwas heißen.

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