Theater

Samuel Finzi als verstörender Clown am Deutschen Theater in Berlin

Kommt ein Pferd in die Bar: Samuel Finzi am Deutschen Theater in Berlin.

Kommt ein Pferd in die Bar: Samuel Finzi am Deutschen Theater in Berlin.

Berlin. Dovele Grinstein ist erst 57. Aber er ist todkrank und ausgebrannt. Höchste Zeit, seine Sünden zu beichten, um Vergebung zu bitten, sein Leben Revue passieren zu lassen. Wo könnte er das besser als auf der Bühne? Denn Dovele ist Stand-up-Comedian, allerdings einer der lauten und vulgären Art.

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Publikumsbeschjmpfung und derbe Zoten

Und so gerät ihm die Vorstellung, die er in einem Saal im öden Industriegebiet von Netanja gibt, zur grellen Publikumsbeschimpfung. Er reißt derbe Zoten, beleidigt Gott und die Welt, beschimpft die Juden und die Palästinenser. Doch je länger er den bösen Clown mimt, desto mehr gibt er von sich und seinen Verletzungen preis, seiner traumatischen Kindheit und seinen Eltern, die die Shoa zwar überlebten und in Israel Zuflucht fanden, aber zeitlebens Fremde blieben, Tote auf Abruf.

David Grossmans Roman „Kommt ein Pferd in die Bar“ wandert auf dem schmalen Grat zwischen entlarvender Komik und existentiellem Klamauk. Das Buch des israelischen Autors und Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels kann niemanden unberührt lassen.

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Der Roman hat einen kaum erträglichen Kern

Die Bühnenfassung, die am Sonntag in der Regie von Dusan David Parizek in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Premiere hatte, trifft den kaum erträglichen Kern, den fiesen Humor und den verzweifelten Gestus der Vorlage so genau, dass man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll.

Das Gelingen des Abends ist aber schon deshalb garantiert, weil in Samuel Finzi ein Berserker der theatralischen Entblößung und schauspielerischen Entgrenzung auf der (fast) leeren Bühne steht. Nur eine Sperrholz-Wand, die irgendwann laut krachend nach hinten wegkippt und den Blick freigibt in das schwarze Nichts des Theaters. Eine paar Musikinstrumente, auf denen Finzi den larmoyanten Entertainer gibt, eine mobile Kamera, mit der er sich gelegentlich selbst filmt und seine verbalen und gestischen Verrenkungen festhält.

Handstand gegen die Depression

Finzi ackert und grölt, haut sich nach jeder peinlichen Pointe den Kopf blutig und kommt langsam der großen Schuld seines Lebens immer näher: dem Tod seiner geliebten Mutter, für die er als Kind immer Handstand gemacht und deren Depressionen er wenigstens für Minuten mit kleine Gags vertrieben hat. Dass sie und nicht der verhasste Vater starb, dessen Tod sich Dovele sehnsüchtig wünschte, liegt ihm bis heute auf der Seele.

Warum konnte er, der in seiner Fantasie dem Lauf der Welt doch ein Schnippchen schlug, seine Mutter, die Auschwitz überlebte und seitdem geduckt an Mauern entlang schlich, damit niemand Gott verraten konnte, dass sie noch am Leben war, nicht retten?

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Die Freundin im Publikum

Doveles Wut und Zorn werden nur von Piz, einer Freundin aus Kindertagen, leise und zärtlich verkörpert von Kathleen Morgeneyer, im Zaum gehalten. Sie sitzt im Publikum und schenkt ihrem alten Freund Vergebung und Zuneigung. Erinnert ihn an vergessene schöne Tage. Bringt ihn zur Räson und sorgt dafür, dass die Witze, die Dovele über den Holocaust und die Selektion an der Rampe, über die Gewalt in Israel und den Terror der Palästinenser macht, nicht allzu sehr entgleiten.

Ein Meer aus roten Rosen

Zum Schluss steht er blutig und zerschunden in einem Meer aus roten Rosen, müde und einsam. Mit seiner letzten Vorstellung hat er die Zuschauer in Netanja aus dem Saal vertrieben, uns aber hat er auf verstörend-herzzerreißende Weise angerührt und, ja, warum nicht, glücklich gemacht und mit dem Leben und dem Theater versöhnt. Da kann man auch verzeihen, dass der Erzähler von Grossmans aufwühlende Geschichte, Avishai Lazar, durch Liebe und Verrat zeitlebens mit dem Comedian verbunden, eigentlich derjenige ist, für den Dovele seine letzte Vorstellung gibt, komplett gestrichen wurde. Alles kann man nicht haben.

Von Frank Dietschreit

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