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Theater

Widerstand mit Blasmusik

Fulminante Aufführung mit Pauken und Trompeten.

Fulminante Aufführung mit Pauken und Trompeten.

Cottbus. 1996 feierte Mark Herman mit seinem Film „Brassed Off – Mit Pauken und Trompeten“ einen großen Kino-Erfolg. Vor dem Hintergrund der Thatcher-Ära und dem Niedergang der Kohle-Industrie in den nordenglischen Bergbau-Regionen wird vom Schicksal einer Blaskapelle und ihrer Mitglieder in der fiktiven Kleinstadt Grimley erzählt. Im Staatstheater Cottbus feiert eine Bühnenfassung des Stoffes einen fulminanten Auftritt.

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Eine zeitlose Botschaft

Zum Glück widersteht Regisseur Jörg Steinberg der Versuchung, einen aktuellen Bogen zu schlagen zwischen der Lausitz und Yorkshire und die Kultur- und Kapitalismus-Kritik der 1990er Jahre ins Heute zu verlegen. Denn das wäre grundfalsch und würde an allen Ecken und Enden quietschen. Die Inszenierung konzentriert sich auf die zeitlose Botschaft: Wenn im Namen des Fortschritts die kulturellen Traditionen vernichtet werden, löst sich die Gesellschaft auf, werden Menschen heimat- und orientierungslos, anfällig für Populisten und andere Rattenfänger.

Musikalische Arbeiter-Tradition

Da ist Bandleader Danny (Thomas Harms), der früher unter Tage geschuftet hat und jetzt sein Leben der Blaskapelle und der Pflege der musikalischen Arbeiter-Tradition widmet. Sein Sohn Phil (David Kramer) saß für seine politischen Überzeugungen schon im Knast, er hat kein Geld mehr, seine Familie zu ernähren. Als seine Frau Sandra (Lena Sophie Vix) ihn mit den Kindern verlässt, nimmt er sich einen Strick, wird aber im letzten Moment gerettet. Jim (Kai Börner), Harry (Rolf-Jürgen Gebert) und dessen Frauen Vera (Sigrun Fischer) und Rita (Susann Thiede) wehren sich mit Händen und Füßen gegen die Zerstörung ihrer Arbeit und ihrer Gemeinschaft. Andy (Michael von Bennigsen) ist ein Luftikus, der sein Geld und schließlich auch sein Instrument beim Billard verspielt. Er ist verliebt in Gloria (Lisa Schützenberger), die aus London gekommen ist und bei der Blaskapelle mitmachen darf. Sie arbeitet im Auftrag der Zechen-Leitung an einer Rentabilitäts-Studie, weiß aber nicht, das der Tod der Zeche längst beschlossen ist.

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Zwischen Arbeiter-Klischee und Kunst-Kitsch

Die bewegende und berührende Inszenierung balanciert zwischen Arbeiter-Klischee und Kunst-Kitsch und entwirft ein Gesellschafts-Tableau, auf dem die Blasmusik den Menschen Kraft gibt zum Widerstand und Weiterleben. Bühnenbildner Fred Pommerehn hat im Hintergrund eine stilisierte Zeche aufgebaut, überall Räder und Fördertürme, es dampft und zischt ohne Unterlass. Die Drehbühne ist ständig in Bewegung und schafft genügend Raum für die Mitglieder des Blasorchesters Cottbus e.V., die ihr bestes geben und für viel Schwung sorgen.

Beschwingt aus dem Theater

Es ist einer dieser seltenen Abende, nach denen man – obwohl wir Zeuge werden, wie arrogante Kapitalisten und gewissenlose Politiker sich einen Dreck um das Schicksal einzelner Menschen scheren – ziemlich beschwingt und fast ein wenig beglückt aus dem Theater kommen. Denn die Inszenierung hat den richtigen Rhythmus, ist laut und leise, nachdenklich und zupackend, satirisch und sozialkritisch. Die Blasmusik ist großartig, die Leistungen der Schauspieler bewunderungswürdig. Alle Beteiligten bekommen zum Schuss zu Recht stehende Ovationen des Publikums.

Nächste Vorstellungen: 17. November, 18. und 25. Dezember.

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Von Frank Dietschreit

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