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Festival „Made in Potsdam“

Zwei Tänzer aus dem Iran in Potsdam

Masoumeh Jalalieh (vorne) und Seyed Alireza Mirmohammadi aus Teheran.

Masoumeh Jalalieh (vorne) und Seyed Alireza Mirmohammadi aus Teheran.

Potsdam. Masoumeh Jalalieh wirft sich das Tuch um ihren Kopf, es ist weinrot und fügt sich ihren eleganten Griffen, es hängt ihr um das dunkel Haar, nicht streng, eher wie ein hübsches Accessoire. „So laufe ich in Teheran herum“, sagt sie, und nimmt das Tuch mit einer beiläufigen Geste wieder ab. Sie sitzt in Potsdams Tanzfabrik, sie ist die Botin einer anderen Welt, über die man derzeit überall auf Seite eins berichtet. Masoumeh Jalalieh ist eben eingetroffen aus Teheran, der Hauptstadt des Iran, wo sich die Menschen wieder einmal gegen die Regierung stellen. „Die Inflation ist hoch“, sagt sie, „die Leute mit den kleinen Einkommen befürchten, dass man sie finanziell noch schlechter stellt.“

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Eigentlich kommt sie wegen des Tanzes in die Brandenburger Hauptstadt, doch jetzt redet jeder über Politik mit ihr. Sie antwortet in einem sanften, gut geölten Englisch, ihr Lächeln ist so faltenfrei, als komme sie frisch aus dem Urlaub.

Neben ihr sitzt Seyed Alireza Mirmohammadi, ein Mann mit leichtem Bart und dunklen Locken. Sie, 29 Jahre, und er, 31 Jahre, sind kein Paar, sondern Tanzpartner. Am Ende ist das auch egal, denn berühren dürfen sie sich auf der Bühne unter keinen Umständen.

„Sich zu berühren ist auf der Bühne streng verboten“

„Das ist streng verboten“, unterstreicht Seyed Alireza Mirmohammadi, es gibt da keinen Puffer in der Auslegung. Öffentlich lebt man durchgehend keusch im Land. Wenn sich die Tänzer begrüßen, dürfen sie sich nicht umarmen oder auf die Wange küssen. Nicht die Hand geben. Die enge Auslegung der Sitten hindert Masoumeh Jalalieh nicht daran, in Potsdam ihr Kopftuch abzulegen und die Menschen, mit denen sie sich unterhält, per Handschlag zu begrüßen.

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Sie hat es gelernt, flexibel zu leben, sich in durchlässigen Sphären auszudrücken. Tanz ist den Frauen im Iran verboten, „doch letztlich ist das ein Spiel mit Worten, wie es im Islam sehr häufig vorkommt“,erläutert sie. „Wir nennen unseren Auftritt nicht Tanz, sondern Theater, dann haben Frauen mehr Freiheit.“

Sie berühren sich im Stück, aber nur symbolisch, auch das ist eine Variante ihres Spiels: „Unsere Schatten finden zueinander, nicht unsere Finger“, erzählt Seyed Alireza Mirmohammadi, niemand hat daran Anstoß genommen. „Es ist die Tagesform der Tugendwächter, ob es Klagen über diesen Trick gibt“ – der genau genommen eben doch kein Trick ist, sondern Poesie. „Wie so vieles im Iran gibt es auch hier viel Spielraum, ein Verbot zu deuten“, sagt sie. „Es gibt Tage, da werde ich auf der Straße aufgefordert, mein Tuch um den Kopf enger zu binden, während eine Frau ganz in der Nähe unbehelligt ohne Kopftuch laufen darf.“

Nein, das alles nimmt ihr nicht die gute Laune, auch nicht die Ruhe, mit der sie vom Iran berichtet. Sie will dort bleiben, „dort sind meine Wurzeln, es gibt so viele schöne Seiten in dem Land“, fast wirkt sie traurig, dass sich dafür derzeit niemand interessiert.

Im vergangenen Juni war Masoumeh Jalalieh mit Seyed Alireza Mirmohammadi schon einmal in der Potsdamer Tanzfabrik, als „Artists in Residence“ – Künstler mit Stipendium. Sie haben das Stück „Being“ mit der isländischen Choreografin Bára Sigfúsdóttir erarbeitet, es geht um die Ruhe der westlichen Welt und das Temperament des Iran, das Seyed Alireza Mirmohammadi sehr anschaulich durch die Beschreibung einer lauten, abenteuerlichen Autofahrt durch Teheran erläutert. Manchmal ist es ihm zu ruhig in Potsdam. Masoumeh Jalalieh wendet ein: „Im Iran ist es abseits der Großstadt auch eher ruhig.“ Sie lachen. Sie mögen es, sich zu necken. Sie sind moderne junge Menschen aus dem Land, das den Aufbruch in die Moderne noch vollziehen muss.

Die Tänzer aus dem Iran sind in der ganzen Welt zu Hause, neulich waren sie mit ihrer Choreografin in Island. War das ein Kulturschock? „Nein“, sagt Seyed Alireza Mirmohammadi, „ihre Mutter kocht genau so gut wie meine.“

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INFO Das Tanzstück „Being“ wird am 11. und 12. Januar in der Fabrik Potsdam aufgeführt. Details unter www.madeinpotsdam.com

Von Lars Grote

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