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Heimatgeschichte

Archäologie in Brandenburg macht das Schicksal der Zwangsarbeiter sichtbar

Eine Adrema-Matrize des Zwangsarbeiters Stergious Foufas, der bei Arado in Brandenburg an der Havel arbeiten musste.

Eine Adrema-Matrize des Zwangsarbeiters Stergious Foufas, der bei Arado in Brandenburg an der Havel arbeiten musste.

Brandenburg/H. Mittlerweile 76 Jahre sind seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vergangen. Doch noch immer lassen sich Hinterlassenschaften der Zeit in der Erde finden – zum Beispiel in Brandenburg an der Havel. 2002 sind bei Bauarbeiten an einem ehemaligen Gebäude der Arado-Flugzeugwerke (heute Oberstufenzentrum Alfred Flakowski) 116 kleine Metall-Tafeln gefunden worden.

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Auf den Täfelchen befinden sich eingeprägte Namen und Daten. Darunter, neben deutschen Namen, persönliche Angaben von Personen aus den Niederlanden, Frankreich, Italien, Griechenland und der Sowjetunion. Eine davon ist demnächst in einer Ausstellung im Archäologischen Landesmuseum zu sehen.

Matrizen zeigen viele Informationen

Doch was haben diese Metall-Tafeln mit der NS-Zeit zu tun? Es handelt sich bei ihnen um sogenannte Adrema-Matrizen – Druckmatrizen für eine Adressiermaschine. Bis in die 1950er Jahre wurden mit diesem System gearbeitet. Auf den Matrizen sind Namen, Adressen, Geburtstag, Herkunftsort, Lohngruppe und andere Informationen eingeprägt.

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Mithilfe dieser Metall-Tafeln konnten Briefe und Lohnabrechnungen maschinell adressiert werden. Nicht nur deutsche Mitarbeiter:innen, sondern auch die beschäftigten Zwangsarbeiter:innen wurden damit verwaltet.

Arado baute in Brandenburg über 4500 Flugzeuge

Wie kamen diese Tafeln nach Brandenburg-Neuendorf? Am Ort der Baustelle in der Caasmannstraße befand sich während des Zweiten Weltkriegs ein Verwaltungsgebäude der Arado-Werke. Dort betrieb Arado ein Zweigwerk und produzierte im Verlauf des Krieges über 4500 Flugzeuge.

Für die Produktion setzte Arado in großem Umfang Zwangsarbeiter:innen ein. Von 10.000 Beschäftigten waren bei Kriegsende 4000 Personen Zwangsarbeitende. Untergebracht waren die Zwangsarbeiter:innen in der Nähe des Betriebs – in Lagern.

Blick in eine Wohnbaracke der westlichen Zwangsarbeiter bei den Arado-Flugzeugwerken in den frühen 1940er-Jahren.

Blick in eine Wohnbaracke der westlichen Zwangsarbeiter bei den Arado-Flugzeugwerken in den frühen 1940er-Jahren.

Einer dieser Zwangsarbeiter in Neuendorf war Stergious Foufas. Die Adrema-Matrize mit seinem Namen lag über 55 Jahre lang in der brandenburgischen Erde. Seine Daten darauf überdauerten die Zeit und sind ein Beleg dafür, dass Foufas Zwangsarbeit für Arado leisten musste.

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Foufas war Polizist in Athen. Er hatte den griechischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung unterstützt. 1944, im Alter von 34 Jahren, wurde er verhaftet. Zusammen mit 347 weiteren griechischen Gefangenen wurde er im Zuchthaus Brandenburg-Görden inhaftiert. Ab Juni 1944 musste er im Arado-Werk Flugzeuge für das deutsche Militär bauen.

Sonderausstellung öffnet am 8. Mai

Die Sonderausstellung „Ausgeschlossen - Archäologie der NS-Zwangslager“ ist ab 8. Mai 2021 im Archäologischen Landesmuseum in Brandenburg an der Havel zu sehen. Später sind weitere Ausstellungsorte geplant.

Das Museum in der Neustädtischen Heidestraße 28 ist dienstags bis sonntags in der Zeit von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

Weitere Infos findet man auf der Internetseite www.landesmuseum-brandenburg.de

Foufas ist ein Schicksal von vielen Zwangsarbeiter:innen. In Berlin und Brandenburg gab während des Zweiten Weltkriegs etwa 4000 Zwangsarbeitslager. Darunter Lager für zivile Zwangsarbeitende, Kriegsgefangenenlager, Konzentrationslager und ihre Außenlager. Zwangsarbeitende wurden in der Industrie wie bei Arado in Brandenburg, aber auch bei Kommunen und Kirchen, in der Landwirtschaft und im Bergbau, sowie in Privathaushalten eingesetzt. Insgesamt mussten etwa 13 Millionen Frauen, Männer und Kinder Zwangsarbeit im Deutschen Reich leisten.

Nach dem Ende des Krieges gerieten der Einsatz der Zwangsarbeiter:innen in Vergessenheit, die meisten der Lagerstandorte wurden abgetragen und verschwanden aus dem Blickfeld der deutschen Bevölkerung. Das Arado-Werk wurde 1945 demontiert, die NS-Zwangsarbeit vor Ort bislang kaum erforscht.

Vergessene Lagerorte rücken wieder ins Licht

In Neuendorf wurden die Adrema-Tafeln bei Bauarbeiten gefunden. Seit den 1990er Jahren werden in Berlin und Brandenburg vermehrt archäologische Grabungen durchgeführt und die vergessenen Lagerstandorte wieder ins Licht gerückt: Die Grabungsfunde machen das Leben in den Zwangslagern sowie die Verbrechen im Nationalsozialismus greifbar.

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Auch hier stellt sich die Frage: Was bleibt übrig? Alltagsgegenstände wie Essnäpfe und Blechtassen geben uns einen Einblick in die Lebensbedingungen der Zwangsarbeiter:innen. In den Lagern waren Suppen ein Hauptnahrungsmittel, ohne Geschirr konnte diese nicht aufgenommen werden. Einige Objekte verweisen auf den Mangel, der in den Lagern vorherrschte: Kämme und Löffel zu besitzen war überlebensnotwendig. Häufig können selbstgefertigte Exemplare gefunden werden.

Blick in die Ausstellung „Ausgeschlossen. Archäologie der NS-Zwangslager" mit Stücken von 22 Fundorten in Berlin und Brandenburg.

Blick in die Ausstellung „Ausgeschlossen. Archäologie der NS-Zwangslager" mit Stücken von 22 Fundorten in Berlin und Brandenburg.

Es werden auch persönliche Dinge gefunden – religiöse Objekte wie ein Rosenkranz, aber auch Spielfiguren und selbstgefertigter Schmuck. Sie erzählen von dem Versuch, sich angesichts der schwierigen Bedingungen in den Lagern selbst zu behaupten oder dem Lageralltag Schönheit entgegenzusetzen.

Andere Funde weisen direkt auf die Zwangsarbeit hin: Arbeitsausweise, Adrema-Matrizen und auch Produkte der Arbeit wie Flugzeugmotoren und Produktionsteile, die die Namen der Firma tragen. Viele Firmen profitierten vom Bau und der Unterhaltung der Zwangslager. Patronenhülsen weisen auf die Gewalt und Verbrechen an diesen Orten hin.

Das Archäologische Landesmuseum befindet sich im früheren Dominikanerkloster St. Pauli in Brandenburg an der Havel.

Das Archäologische Landesmuseum befindet sich im früheren Dominikanerkloster St. Pauli in Brandenburg an der Havel.

Die Adrema-Matrize aus Brandenburg und über 300 weitere Objekte sind Teil der Ausstellung "Ausgeschlossen. Archäologie der NS-Zwangslager". Funde von 22 Orten in Berlin und Brandenburg werden dort gezeigt. Die Ausstellung wurde vom Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit und dem Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseum erarbeitet. Die Wanderausstellung ist ab 8. Mai im Archäologischen Landesmuseum im Brandenburger Paulikloster zu sehen.

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Von Lena Sommerfeld

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