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Brandenburg an der Havel

„Die Urologie ist die Königsdisziplin“

Thomas Enzmann ist nicht nur für Männerleiden da.

Thomas Enzmann ist nicht nur für Männerleiden da.

Brandenburg/H. Als Abiturient kann er es kaum erwarten, das Medizinstudium zu beginnen. Mit 27 Jahren und dem Staatsexamen der Universität Greifswald in der Tasche entscheidet er sich für die Ausbildung zum Urologen in Neuruppin. Mit gerade mal 43 Jahren wird Thomas Enzmann Chefarzt der Urologie am Klinikum Brandenburg. Nebenbei unterrichtet der 61-Jährige Studenten der Medizininformatik an der Technischen Hochschule, künftige Ärzte an der MHB oder ausgebildete Mediziner im Prostata-Ultraschall.

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Herr Enzmann, zu ihren Patienten zählen doch eigentlich nur Männer ab 50, oder?

Nein, auf keinen Fall. Ich sage immer gerne, die Urologie ist die Königsdisziplin der Medizin – für Frauen sind wir erste Anlaufstelle bei Inkontinenz – das wissen viele nicht. Kinder gehören auch zu meinem Patientenkreis. Der erste Gang zum Urologen sollte nicht erst mit 50 erfolgen. Es wird geschätzt, dass gerade einmal 15 Prozent der männlichen Bevölkerung Vorsorgeuntersuchungen beim Urologen in Anspruch nimmt, das ist viel zu wenig.

Welche Krankheitsbilder begegnen Ihnen denn am häufigsten im Klinikalltag?

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Am häufigsten haben wir es mit Prostataerkrankungen zu tun, aber auch Inkontinenz, Nierensteine und kindliche Anlagestörungen des Urogenitalsystems sind häufig. Da der heutige Rentner fitter ist als früher, hilft der Urologe, um die sexuelle Funktionstüchtigkeit und die damit verbundene Lebensqualität so lange wie möglich aufrecht zu erhalten.

Leute untenrum zu untersuchen – für viele Menschen klingt das nicht gerade verlockend. Wieso ist die Richtung für Sie so attraktiv?

Ich wusste schon von vorherigen Praktika, dass ich mich der Urologie widmen möchte. Ich finde es nach wie vor faszinierend, offene Operationen – das heißt mit dem Messer, endoskopische Eingriffe – also mit feinen Instrumenten entlang natürlichen Körperwegen, und laparoskopische Operationen – damit minimal invasiv, durchführen zu können – bei Kindern wie bei Erwachsenen.

Hatten Sie anfangs Berührungsängste, wenn Sie die Patienten im Intimbereich untersuchen mussten?

Nein, hatte ich eigentlich nie.

Aber sicherlich haben ihre Patienten Berührungsängste. Haben Sie Methoden entwickelt, um die zu Untersuchenden vorher aufzulockern. Was meinen Sie da genau? Durch ein lockeres Gespräch zum Beispiel?

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Die Untersuchungen erfolgen in angemessenem Respekt. Bei einer rektalen Untersuchung liegt der Patient idealerweise mit dem Gesicht zu mir und ich greife mit der Hand über den Liegenden hinweg, damit er in dieser etwas unangenehmen Situation nicht auch noch den kalten Heizkörper anstarren muss. Jüngere sind da weniger verspannt als ältere Patienten. Das ist wohl ein Generationsunterschied. Bei Gesprächen über die Sexualvita ist eine ungestörte Gesprächsatmosphäre wichtig. Wenn es sich um junge Patienten in der Pubertät handelt, schicke ich gerne auch mal die Mutter raus.

Das heißt, urologische Erkrankungen ist reine Privatsache?

Nein. Wenn ich einem Mann mitteilen muss, dass er Krebs hat, vereinbare ich gern ein Familiengespräch. Für den Betroffenen ist die Erkrankung ein Schock und er macht zu. Er könnte dann gar keine Informationen über die weiteren Behandlungsmöglichkeiten aufnehmen. Deswegen ist es hilfreich, wenn zum Beispiel seine Ehefrau mit zugegen ist.

Gibt es Fälle, die Ihnen in der Vergangenheit besonders nahe gingen?

Natürlich. Wir können nicht alle Patienten gesund machen – manche Krebserkrankungen sind zu weit fortgeschritten. Wir können dann zumindest seine Leidenssymptome wesentlich bessern. Wir leisten Beistand und begleiten ihn.

Wollten Sie schon immer Arzt werden?

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Ja, soweit ich mich erinnern kann, wollte ich nie etwas anderes machen. Ich hatte schon immer ein leichtes Helfersyndrom, finde die Komplexität des Berufes gut und letztlich auch Entscheidungen treffen zu müssen - dies hat mich wesentlich für das Studium motiviert.

Haben sich die Erwartungen als Student im späteren Arbeitsleben erfüllt?

Ja. Ich operiere nach wie vor sehr gern. Das ist auch eine Möglichkeit, mich von der täglich zunehmenden Bürokratie, der wir vom Gesetzgeber und Krankenkassen ausgesetzt sind, zu erholen. Spaß bringt die Teamarbeit mit den Schwestern, Verwaltungsmitarbeitern und Ärzten, ohne die hier nix laufen würde.

Ihr Helfersyndrom – hat sich das über die vielen Jahre als praktizierender Arzt abgenutzt?

Nein. Neben medizinischen Fachwissen besteht die ärztliche Kunst darin, durch ein Gespräch dem Patienten trotz seiner Erkrankung ein Gefühl der Zufriedenheit zu geben – das macht einen Arzt aus. Der Patient bewertet seine Behandlung hauptsächlich danach, ob er sich emotional angenommen fühlt.

Focus Gesundheit hat sie zu den Top-Medizinern 2017 gewählt. Freuen Sie sich über die Ehrung?

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Natürlich – und das hier in der Provinz! Man sollte das aber wirklich nicht überbewerten.

Wieso gibt es eigentlich weniger Urologinnen als Urologen?

Sicherlich ist der Beruf recht männerlastig. Heute erkennen jedoch auch immer mehr Frauen, was das für ein geiles Fach ist. Eventuell hatte früher das Schamgefühl der Eltern eine Rolle gespielt, sich als Ärztin nicht für diese Fachrichtung zu entscheiden.

Chefarzt, Chirurg, Professor – damit sind Sie sicherlich für die nächsten Jahre ausgelastet, oder?

Ganz genau. Es wird sehr spannend werden, wenn die Medizinstudenten der MHB erstmals in unserem Campus mit ausgebildet werden.

Würden Sie wieder Urologe werden wollen, wenn Sie die Wahl hätten?

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Ich sage immer, ich habe eigentlich gar keine Arbeit. Mein Beruf erfüllt mich, weswegen ich nicht das Gefühl habe, ich muss zu einer Arbeit gehen. Von daher - ja, ich würde mich immer wieder für diesen Beruf entscheiden.

Von Charlotte Klimas

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