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Heimatgeschichte

Erinnerungen in Brandenburg an der Havel: Die Jugend, die Liebe, die seelischen Bauchschmerzen

Der Bogen an der Havel – die Bauchschmerzenbrücke auf Ansichtskarte von 1969.

Der Bogen an der Havel – die Bauchschmerzenbrücke auf Ansichtskarte von 1969.

Brandenburg/H.Die Brücke, an der Undine nach langen Jahren wieder stand, hieß wirklich Bauchschmerzenbrücke. Es war der Volksmund, der unauslöschlich ihr diesen Namen verpasst hatte. Der eigentliche Name stand wohl nur in den offiziellen Bezeichnungen. Auch schmunzeln musste sie jetzt, denn Erinnerungen suchten sie heim, ein Bild hatte sie in Gedanken wieder dorthin geführt.

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In jene Zeit war sie geboren worden, als kurz nach der großen Zerstörung alles wieder voller Hoffnung an den Wiederaufbau ging. Es gab Trümmer und Ruinen immer noch und auch noch, dass man die Nachbarn in seine Pläne mitgedacht hatte.

An den Ufern in Brandenburg an der Havel

Es waren solche Zeiten, in denen sich Menschen und auch Liebespaare (nachdem sie ihre Kindheit an der Bauchschmerzen verbracht verspielt hatten) sich wie selbstverständlich dort trafen, mehr oder weniger auf Verschwiegenheit bedacht. Auf der sich anschließenden langen Seite des Flussufers führten parallel Wege zur Jahrtausendbrücke, weiter hinten sogar standen Bänke zwischen hohen Büschen.

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Und so dachte Undine ganz selbstverständlich an diese Momente, die ebenso zu ihrem Leben gehörten, wie an die jüngsten Erlebnisse in ihrer Heimatstadt.

An dieser Brücke trafen sich oft die Pärchen zum allerersten Mal. Es war eine kurzlebige Tradition, doch sie fand immerhin statt.

Es war Frühsommer. Kurz nach der Jugendweihe, kurz nach dem „gefühlten“ Erwachsenwerden. Die Tage waren schon viel länger geworden, als sie ein kleines Briefchen zugesteckt bekam.

Er war auf einer anderen Schule in Brandenburg an der Havel

Es wollte sich jemand an der Brücke mit ihr verabreden. Dem Jungen war sie selbst nie zuvor begegnet. Er lernte an einer anderen Schule und nur in der Turnhalle, die von vielen Stadtteilen geteilt werden musste, waren sie sich wohl auch begegnet. Erinnern konnte sich Undine nicht.

Sei’s drum, jedenfalls seine Aufmerksamkeit auf sie und er wollte sie kennenlernen. Undine war unglaublich aufgeregt, sie hatte nur eine vage Beschreibung ihrer Freundinnen im Kopf, die ohnehin nur dazu kicherten. Und Erfahrungen hatte sie auch keine. Es war ihre erste Verabredung überhaupt.

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Undine war hin- und hergerissen

Er war schon vor ihr da und sah ihr entgegen. Und er stand da wie angewurzelt. Sie musste auf ihn zugehen. Undine war hin und hergerissen zwischen Unmut und Unsicherheit. Sie hätte vorbeigehen können. Doch sie wollte ihn nicht brüskieren und neugierig war sie auch geworden, nach ihrem ersten Eindruck. Er wie auch sie waren unglaublich schüchtern und erst Jahre später erkannte Undine, was sie beide wohl versäumt hatten.

Sie wollte jetzt nicht den Gründen nachgrübeln, sondern sich noch einmal dem Zauber der ersten Begegnung hingeben. Zuerst fiel ihr sein ruhiges Wesen auf, sein Blick, und dann hatte er sie bei der Hand genommen. „sprachen die ganze Zeit nicht, wirklich nicht, kein Wort“, erinnerte sie sich staunend. „Wir hielten uns an der Hand und gingen auf den Wegen an der Brücke entlang und wieder schweigend zurück.“

Die Gottfried-Krüger-Brücke, im Volksmund Bauchschmerzenbrücke genannt, prägt die Stadtbild am Havelufer.

Die Gottfried-Krüger-Brücke, im Volksmund Bauchschmerzenbrücke genannt, prägt die Stadtbild am Havelufer.

Mitten am Weg stand eine Bank. Auch dort hielten sie sich fest an den Händen. Noch heute kann Undine ihre Hand in der seinen spüren. „Warum redet der nicht? – und ich, was soll ich nun sagen?“

Irgendwann standen sie wieder auf, es dämmerte schon, eine Nachtigall fing zaghaft an zu schlagen. Und wieder ohne ein Wort gingen zurück zur Brücke an die Stelle, an der sie sich getroffen hatten. Und wieder ohne ein Wort trennten sie sich. Sie sahen sich in die Augen und Undine sah in Augen, die dunkel waren und warm.

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Sein Augenblick blieb unverändert in ihren Erinnerungen haften, mitsamt ihren Fragen. Zwischendurch versank auch dies im Strom der Lebenszeit. Doch wieder an der Brücke….

Jetzt nach Jahren wusste sie: Es war eine menschliche warme Begegnung. „Hätten wir uns unserer gelernten Konventionen entledigt und wären uns auf Augenhöhe begegnet, wäre vom anderen wohl ein unversiegbarer Gedankenstrom entgegengekommen, der auszutauschen wert gewesen wäre. Und wer weiß, uns vielleicht sogar sie erst große Liebe begegnet.“ Das konnte sie nur noch vermuten.

Auch so könnte der Name Bauchschmerzenbrücke entstanden sein

Und doch war es Schicksal, dass die Bauchschmerzenbrücke ihr mit diesem Namen die Bezeichnung für seelische Bauchschmerzen mit dieser Begegnung bescherte.

Auch wenn sich heute keine Pärchen mehr dort treffen, für Undine ist ihr Erlebnis an der Bauchschmerzenbrücke mitsamt seinen Liebespärchen zum Symbol der ersten, unvergesslichen Liebe geworden.

Von Sigrid Bothe

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