Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Brandenburg an der Havel

Mails des Chefs gelesen: Fristlose Kündigung

Die Klägerin im Landesarbeitsgericht behauptet, sie habe einen Kollegen der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz bezichtigen sollen.

Die Klägerin im Landesarbeitsgericht behauptet, sie habe einen Kollegen der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz bezichtigen sollen.

Brandenburg/H. Vor dem Landesarbeitsgericht (LAG) Berlin-Brandenburg wehrt sich eine Angestellte (38) gegen vier fristlose Kündigungen einer Firma ganz in der Nähe von Brandenburg/Havel. Dem Arbeitgeber zufolge hat die Angestellte Mails des Chefs gelesen und den Inhalt verbreitet. Die Firma hat zudem gekündigt wegen der Anschuldigung, der Chef habe ihr 1000 Euro geboten, damit sie einen Kollegen der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz bezichtigt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Es ist recht harter Tobak, der am Donnerstag vor Landesarbeitsrichter Augustin zur Sprache kommt. Die 38 Jahre alte Frau auf der Klägerseite wehrt sich gegen vier fristlose Kündigungen ihres Arbeitgebers, die sie und ihr Anwalt Simon Daniel Schmedes allesamt für unberechtigt halten.

Das Arbeitsgericht in Brandenburg/Havel hatte hingegen der Firma recht gegeben. Schon die erste Kündigung von März 2017 reichte nach Auffassung der 2. Kammer aus, das Vertrauensverhältnis in Bezug auf die Angestellte so sehr zu erschüttern, dass der Rauswurf gerechtfertigt ist.

Ob das erstinstanzliche Urteil Bestand haben wird, hängt vermutlich mit ab von den Aussagen der Zeugen, die zum nächsten Verhandlungstermin nach Berlin geladen werden. Denn beiden Seiten stellen den Sachverhalt ganz verschieden dar.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Für den Werkleiter des Arbeitgebers ist klar, dass die 38-Jährige einen schweren Vertrauensbruch begangen hat. Sie habe ohne sein Wissen und seine Zustimmung über mehrere Monate seine dienstlichen und privaten E-Mails gelesen.

Ebenfalls schwer wiege, dass sie Inhalte von Mails im Unternehmen verbreitet habe – unter anderem interne Gehaltslisten und Weihnachtsboni sowie Informationen über eine Abmahnung. Ihre unberechtigten Zugriffe werden laut Arbeitgeber durch Fotos (Screenshorts) belegt. Und für die Verbreitung der Inhalte gebe es Zeugen.

Die Arbeitnehmerin widerspricht dieser Darstellung. Ihren Computer mit dem Zugriff auf das E-Mail-Fach des Chefs habe der Datenschutzbeauftragte des Unternehmens eingerichtet. „Da ich als persönliche Assistentin des Werkleiters beschäftigt war, bin ich von der Richtigkeit ausgegangen“, sagt sie. Anwalt Schmedes fügt hinzu: „Sie hat das bei ihr eingerichtete E-Mail-Fach in ihrer Position als Vertrauensbeweis verstanden.“

Vehement wehrt sich die Arbeitnehmerin gegen den Vorwurf, sie habe Inhalte der Mails an Dritte weitergegeben. Das treffe nicht zu. Der Arbeitgeber sagt, sie sei gar nicht als persönliche Assistentin beschäftigt gewesen.

Über drei weitere fristlose Kündigungen muss die LAG-Kammer womöglich auch noch entscheiden. Die pikanteste betrifft einen Sachverhalt, der auch strafrechtlich bereits Kreise zieht.

Der Angestellten zufolge ist der Werkleiter auf sie zugekommen mit der Frage: „Willst du dir 1000 Euro verdienen?“ Als Gegenleistung habe sie einen Arbeitskollegen anschwärzen sollen, dass er sie sexuell belästigt habe, so dass der Arbeitgeber ihn in der Folge feuern kann. Die junge Frau wiederholte ihre Darstellung des unmoralischen Angebots vor einigen Wochen sogar als Zeugin in einem ganz anderen Gerichtsverfahren.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ihr Ex-Chef hat die Frau wegen dieser „falschen Anschuldigung“ und wegen des Verrats von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen angezeigt, die Staatsanwälte ermitteln. Umgekehrt hat auch die Ex-Angestellte gegen ihren damaligen Chef Anzeige erstattet wegen falscher uneidlicher Aussage.

Zu einem Vergleich finden sich die streitenden Parteien vor dem LAG nicht bereit. Der Arbeitgeber hat angeboten, ihre fristlose Kündigung in eine ordentliche umzuwandeln. Er ist aber nicht bereit, eine Abfindung zu zahlen. Weil die Klägerin das Angebot ablehnt, wollen die Arbeitsrichter beim nächsten Termin zwei Zeugen aus dem Betrieb hören.

Von Jürgen Lauterbach

Mehr aus Brandenburg/Havel

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Spiele entdecken