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Brandenburg an der Havel

Marga Goren-Gothelf ist Ehrenbürgerin von Brandenburg an der Havel

Marga Goren-Gothelf verfolgte den Beschluss der Stadtverordneten zur Ehrenbürgerwürde per Livestream von Israel aus.

Marga Goren-Gothelf verfolgte den Beschluss der Stadtverordneten zur Ehrenbürgerwürde per Livestream von Israel aus.

Brandenburg/H.Es war ein einstimmiger Beschluss der Stadtverordnetenversammlung am Mittwoch: In Würdigung ihrer Verdienste für die Aufarbeitung der Geschichte und ihres Beitrages zur Völkerverständigung wird Frau Marga Goren-Gothelf das Ehrenbürgerrecht der Stadt Brandenburg an der Havel verliehen.

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Marga Goren-Gothelf kam am 16. Mai 1925 in Brandenburg an der Havel als drittes Kind von Abraham und Chaja Helene Gothelf, geb. Burman, zur Welt. Ihr Vater war Pole und im Ersten Weltkrieg als Kriegsgefangener nach Brandenburg an der Havel gekommen. Er arbeitete als Handwerker auf dem Flugplatz Briest. Seine Frau folgte ihm später aus Polen.

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Bis 1931 „normale“ Kindheit

Nach dem Krieg eröffnete die Familie zunächst ein Zigarettengeschäft und dann ein Geschäft für Knaben- und Herrenkonfektion in der Hauptstraße 44. Ein zweites Geschäft folgte später in der Steinstraße 33. Gemeinsam mit ihren zwei älteren Schwestern erlebte Marga bis 1931 eine normale Kindheit. Die Familie nahm aktiv am Leben der Jüdischen Gemeinde teil und besuchte regelmäßig die Synagoge in der Großen Münzenstraße. Marga war Mitglied in einem Sportverein der jüdischen Jugendorganisation Makkabi-Hazair.

Stehend applaudierten die Stadtverordneten nach ihrem Beschluss der Geehrten.

Stehend applaudierten die Stadtverordneten nach ihrem Beschluss der Geehrten.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 änderte sich das Leben für die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger drastisch. Wie in ganz Deutschland, begann am 1. April 1933 auch in Brandenburg an der Havel der „Kampf gegen das Judentum“.

Boykott jüdischer Geschäfte

Die wirtschaftliche Situation der Familie Gothelf, die seit dem Tod des Vaters im Dezember 1932 ohnehin schon schwierig war, spitzte sich durch den Boykott jüdischer Geschäfte weiter zu. Schließlich mussten die Läden in der Hauptstraße und der Steinstraße aufgegeben werden.

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Die mittlerweile in die Kurstraße 52 umgezogene Familie konnte immer weniger am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und musste registrieren, dass der Freundeskreis immer kleiner wurde.

Zunehmender Antisemitismus

Marga, die in die Rolandschule (heutige Frederic-Joliot-Curie-Schule) in der Großen Münzenstraße ging und der ein Besuch des Gymnasiums verwehrt blieb, erlebte gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren Schwestern tagtäglich die Folgen des zunehmenden Antisemitismus und der Ausgrenzung der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger. So war ihnen beispielsweise der Zutritt zu den Stadtbädern, Kinos oder öffentlichen Parks verboten.

Deshalb verließ ihre älteste Schwester Friedel bereits im Jahr 1935 Brandenburg an der Havel und ging mit der jüdischen Jugendbewegung nach Palästina.

Abgeschoben nach Polen

Am 27. Oktober 1938 wurden von der Polizei die polnischen Pässe von Chaja Helene Gothelf und ihren zwei noch verbliebenen Töchtern eingezogen. Am nächsten Tag wurden die Gothelfs zusammen mit 10 weiteren jüdischen Familien durch die Stadtverwaltung und die Polizei ausgewiesen. Nach einem Marsch durch die Stadt wurden sie am Brandenburger Hauptbahnhof in einen Zug in Richtung Osten gesetzt. Sie gehörten zu den etwa 18.000 Juden polnischer Herkunft (deren Familien inbegriffen) aus Deutschland, Österreich und dem Sudetenland, die in der Nacht vom 28. zum 29. Oktober 1938 nach Polen abgeschoben wurden.

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Die Mutter kam mit zwei Töchtern nach Zbąszyń (Bentschen) an der deutschpolnischen Grenze. Mitte Januar 1939 erhielten die Flüchtlinge die Information, dass die britische Regierung aus humanitären Gründen 85 Halb- oder Vollwaisen zwischen 13 und 15 Jahren ein Visum geben wolle und für deren Unterbringung in Gastfamilien oder Kinderheimen sorgen würde.

Nur Marga konnte ausreisen

Da ihre Schwester Paula zu diesem Zeitpunkt bereits 17 Jahre alt war, erhielt nur Marga die Ausreisemöglichkeit. Über Warschau und Danzig gelangte Marga im Februar 1939 nach Gdynia, wo sie an Bord der „Warzsawa“ ging und am 15. Februar 1939 in London ankam.

Marga Gothelf lebte während des gesamten Zweiten Weltkrieges in England, zunächst einige Zeit im Kinderheim, später auf einer Farm, wo sie gemeinsam mit anderen jüdischen Kindern und Jugendlichen eine landwirtschaftliche Ausbildung erhielt, die hebräische Sprache lernte und sich auf eine Emigration nach Palästina vorbereitete. Gemeinsam warteten sie darauf, eines der begehrten Zertifikate zu bekommen, mit denen jüdische Flüchtlinge in Palästina Aufnahme finden konnten.

Wiedersehen mit Schwestern

Auf langen Umwegen gelangte sie schließlich nach Palästina und traf im Dezember 1947 in Tel Aviv ein. Sie fand ihre Schwestern tatsächlich wieder, wohingegen ihre Mutter Helene Chaja im Vernichtungslager Maidanek ermordet wurde und sich die Spuren der zweitältesten Schwester Paula, von der sie 1941 zum letzten Mal etwas gehört hatte, im Warschauer Ghetto verlieren.

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Im Dezember 1948 heiratete sie Uri Goren, an dessen Seite sie zuvor im Unabhängigkeitskrieg gekämpft hatte. Beide wurden Eltern von zwei Söhnen, Gideon (1949) und Avner (1953).

Nach der Gründung des Staates Israel arbeitete Marga als Lehrerin an der lokalen High School in Rishon LeZion, wurde später Schuldirektorin und ging 1985 mit 60 Jahren in Rente. Die heute fast 97-Jährige hat sechs Enkelkinder und zwölf Urenkel.

1986 erstmals wieder in Brandenburg an der Havel

48 Jahre nach ihrer Deportation, besuchte Marga Goren-Gothelf 1986 erstmals wieder ihre Geburtsstadt Brandenburg an der Havel, um das Grab ihres Vaters zu sehen. Mit einer großzügigen Spende ermöglichte sie 2006 umfangreiche Sanierungsarbeiten am jüdischen Friedhof in der Geschwister-Scholl-Straße.

Im Jahr 2008 nahm sie an der Veranstaltung zum Gedenken an die so genannte „Reichskristallnacht“ teil. 2010 lud die Stiftung Begegnungsstätte Gollwitz sie für Gespräche mit Jugendlichen ein. Bei dieser Gelegenheit trug sich Marga Goren-Gothelf in das Goldene Buch der Stadt Brandenburg an der Havel ein.

Zwischen 2010 und 2015 wurden Schülerinnen und Schüler sowie Studierende der Technischen Hochschule Brandenburg Teil des Lebens von Marga Goren-Gothelf, weil sie sich um die Sicherung der Zeitzeugenaussagen der letzten in Brandenburg an der Havel geborenen Überlebenden des Holocaust verdient machten.

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2015 war Marga Goren-Gothelf das letzte Mal in Brandenburg an der Havel. Seitdem reist sie nicht mehr.

Von MAZ

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