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Brandenburg an der Havel

Martina Marx sieht „keine Grundidee für die Stadtplanung“

Martina Marx hat in der Plauer Straße zwei Häuser (rechts) gerettet und eins neu gebaut, um das Altstadt-Ensemble wiederherzustellen.

Martina Marx hat in der Plauer Straße zwei Häuser (rechts) gerettet und eins neu gebaut, um das Altstadt-Ensemble wiederherzustellen.

Brandenburg/H. MAZ: Welcher konkrete Anlass hat Sie zu Ihrer Generalkritik bewogen,gab es dafür einen Auslöser?

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Martina Marx: Vor etwa zwei Monaten wurde der Neubau in der Plauer Strasse abgerüstet. Der Anblick übertraf meine schlimmsten Befürchtungen. Die sehr massive nahezu ungegliederte Gebäudemasse sprengt alle vorhandenen städtebaulichen Proportionen und entspricht kaum den in der Planungsphase vorgelegten Abbildungen. Wenn Außenwandlüfter zu relevanten Gestaltungsdetails werden, dann ist das für mich ein hinreichender Grund, an dieser Stelle Kritik zu üben.

Beschränkt sich die Kritik nur auf die Lüfter?

Nein es geht um Art und Maß der Bebauung. Stellen Sie sich vor Ihrem geistigen Auge einmal vor, wie die Plauer Strasse heute als Eingang zur Altstadt aussehen würde, wenn alle Planungen der Verwaltung umgesetzt worden wären. Ein Discounter hinter dem Plauer Torturm, auf der gegenüberliegenden Seite eine fehlende Hauskante bis zum Postgebäude mit realisiertem Verwaltungsparkplatz und jetzt der völlig mißlungene Neubau. Ich werde oft von vorüberkommenden Passanten in der Plauer Strasse darauf angesprochen, was ich von diesem Bau halte. Ich habe noch nicht erlebt, dass sich jemand positiv dazu geäußert hätte.

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Noch einmal zu Ihrer Motivation: Wie können Sie den Eindruck ausschließen, die Kritik sei nur eine Retourkutsche oder „späte Rache“ für die Abwahl Ihres Mannes Ralf Krombholz als Baubeigeordneter im Jahr 2004?

Weder mein Ehemann noch ich sind rachsüchtige Menschen, das ist ja nun alles auch schon fast 15 Jahre her. Wenn es auch seinerzeit schmerzhaft war, muss man als politischer Wahlbeamter mit solchen Dingen umgehen können, es hat in der Folge ja auch andere getroffen, die irgendwie im Weg waren. Bedauerlich für die Stadt ist, dass die entstandene fachliche Lücke bis heute nicht angemessen gefüllt werden konnte. In unserer persönlichen Rückschau ist es aber so, dass die Bewahrung eines aufrechten Ganges doch einfacher ist, wenn man nicht Dietlind Tiemann als Chefin hat. Wir hadern nicht mit unserer Situation, warum auch?

Sie selbst engagieren sich im Stadtentwicklungsausschuss, haben als Architektin Fachkenntnis. Welche Beispiele für wenig gelungene Stadtentwicklung fallen Ihnen noch ein?

Am Hauptbahnhof wurde mit viel Geld eine auf Jahrzehnte zementierte Verkehrslösung umgesetzt, die Probleme eigentlich für alle Verkehrsteilnehmer mit sich bringt. Die Nutzer des ÖPNV sind wohl die größten Verlierer dieser Verkehrsplanung. Auch städtebaulich liegt dort vieles im Argen: ein riesiger Vorplatz, der als öde und unbelebt empfunden wird, zwei Neubauten mit großstädtischer Attitüde, die nach Durchschreiten des Zugangs zur Kleinen Gartenstrasse den Ankommenden mit provisorisch anmutenden Parkplatzanlagen und den Blick auf heruntergekommene Brandgiebel der offen liegenden Hofbereiche der Gründerzeitbebauung begrüßt. Gute Stadtplanung sieht anders aus.

Ähnliches gilt auch für den Nicolaiplatz, der zwar sicherer ist, aber den Verkehr verlangsamt und jegliches öffentliche Leben unmöglich macht.

Der umgestaltete Nicolaiplatz ist verkehrlich und gestalterisch nicht gut gelungen. Das Problem wurde schon in verschiedenen Diskussionen und Anträgen in der SVV aufgegriffen. Nachträglich ohne bauliche Änderungen eine Belebung zu erreichen ist jedoch extrem schwer.

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Sie kritisieren ja nicht nur die Entwicklungen in der Innenstadt. Was fällt Ihnen beim Stadtumbau ein?

Der Stadtumbau in Hohenstücken geschieht sporadisch, es fehlt schmerzhaft an einem schlüssigen Konzept. Die Nachnutzung von brachliegenden Flächen für die Schaffung von Wohneigentum ist zwar richtig, erfolgt jedoch ohne jegliche städtebauliche Idee.

Aktiv sind Sie auch um ein geordnetes Verfahren zum Gestalten des Packhofes bemüht, stoßen aber weder bei der Verwaltung noch bei anderen Fraktionen auf große Gegenliebe.

Momentan zeichnet sich erfreulicherweise ein Kompromiss der Fraktionen zum weiteren Vorgehen am Packhof ab. Zu dem Desaster um die Entwicklung des Packhofgeländes muss ich ansonsten nicht viel sagen, die Fehlentwicklung nach der Buga und die jetzt andauernde Stagnation sind hinlänglich bekannt. Auch die Vorbereitung der Ausschreibung der Grundstücke an der Eichamtstrasse war Stückwerk und von mangelnder planerischer Sorgfalt geprägt.

Ist das ein Grundübel der hiesigen Stadtplanung?

Es scheint in der Verwaltung an keiner Stelle eine gestalterische Grundidee zu geben. Direkt an der Bauchschmerzenbrücke trifft man beispielsweise auf drei verschieden gestaltete Geländervarianten, Salzhof- und Heineufer weisen unterschiedliche Dichte und Ausführung der Uferbeleuchtung auf, am Johanniskirchplatz und in Bereichen der Klosterstrasse sind teilweise bis zu zehn verschiedene Materialien im Straßenbau auf engstem Raum eingesetzt worden. Diese Beispiele ließen sich weiterführen.

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Also liegt aus Ihrer Sicht die Schuld bei der Verwaltung?

Der Fachbereich Stadtplanung ist dafür verantwortlich, dass dem Haushalt der Stadt in den letzten zehn Jahren ein Schaden von cirka 2,5 Millionen Euro für Strafzinsen entstanden ist, weil die abgerufenen Fördermittel nicht fristgerecht ausgegeben wurden. Andrea Kutzop ist die oberste Stadtplanerin, sie hat alle Planungen zu verantworten oder zumindest mitgetragen. Die Festlegungen im städtebaulichen Rahmenplan werden missachtet, obwohl diese unter umfassender Bürgerbeteiligung erarbeitet und von den Stadtverordneten beschlossen wurden.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Der gerade genehmigte Neubau Ecke Gorrenberg /Wollenweberstrasse hat eine ähnliche Qualität wie der Neubau Plauer Strasse hinsichtlich Proportionen und Gestaltung und hat mit den beschlossenen und verbindlichen Sanierungszielen rein gar nichts zu tun.

Wie lassen sich die Zustände Ihrer Meinung nach ändern, schließlich ist ja auch die groß angekündigte Suche nach einem Stadtbaudirektor ergebnislos verlaufen?

Es fehlt aus meiner Sicht eine fachkompetente, erfahrene und hochmotivierte Persönlichkeit für die Leitung des Bereiches Stadtplanung/Stadtentwicklung. Wir als Grüne fordern den CDU-Oberbürgermeister Steffen Scheller auf, die angekündigte Ausschreibung einer zusätzlichen Beigeordnetenstelle nach der Kommunalwahl deshalb mit dem Schwerpunkt Baubeigeordnete*r zu tätigen und die Auswahl nicht nach Parteizugehörigkeit sondern nach Qualifikation und Erfahrung im Bereich Architektur/Stadtplanung durchzuführen.

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Genügt das allein, liegt es an einer Stelle?

Ich denke schon, denn die Probleme entstehen ja nicht durch schlechte Arbeit der einzelnen Mitarbeiter sondern wegen fehlender fachkompetenter Führung. Ein Gestaltungsbeirat nach Potsdamer Vorbild mit externen Fachleuten könnte jedoch eine sinnvolle Ergänzung sein.

Martina Marx (58) ist seit 2005 Mitglied der Bündnisgrünen, sitzt auf deren Ticket seit 2008 in der Stadtverordnetenversammlung. Sie ist in Köthen geboren und arbeitete in Brandenburg an der Havel als Architektin und Gastronomie-Unternehmerin.

Die Diplomingenieurin hat zwei erwachsene Töchter, sie ist verheiratet mit dem parteilosen Ralf Krombholz, der bis 2004 Baubeigeordneter im Rathaus war.

Hobbys von Martina Marx sind das Gärtnern sowie das Singen im Motettenchor und in der Stadtkantorei. Gern fährt sie mit ihrem Mann auf dem Segelboot durch Brandenburgs „Everglades” (Oberhavelseitenarme).

Von André Wirsing

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