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Brandenburg an der Havel

Wenn Stoffe Geschichten erzählen: Geertje Gerhold restauriert wertvolle Textilien im Domstift

Restauratorin Geertje Gerhold mit einer Dalmatik aus dem Bestand des Domstifts.

Restauratorin Geertje Gerhold mit einer Dalmatik aus dem Bestand des Domstifts.

Brandenburg/H. Mit klassischer Musikbegleitung geht Geertje Gerhold ans Werk. „Genau genommen müsste hier eigentlich nur Alte Musik laufen, also gregorianische Gesänge aus dem Mittelalter oder Stücke aus dem Barock.“ So weit reicht die Versenkung in die historische Materie aber doch nicht. Es muss auch nicht sein, denn die Stücke, die durch die Hände der Textilrestauratorin des Brandenburger Domstifts gehen, sind oft selbst bunte Zusammensetzungen aus verschiedenen Epochen.

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Das herauszufinden ist echte Detektivarbeit. Deshalb ist das Mikroskop eines der wichtigsten Arbeitsmittel der Expertin. Beim Blick durch die vielfache Vergrößerung tun sich dann Welten auf, die mit dem bloßen Auge nicht im Detail zu erkennen wären. Gold und Silber, Seide und Samt – nur das Beste wollten sich die weltliche und kirchliche Fürsten leisten, um repräsentativ glänzend vor das einfache Volk zu treten.

Rund 120 Stücke historischer Textilkunst gehören zum Bestand des Domstiftes. „Damit verfügt Brandenburg über die zweitgrößte Sammlung wertvoller Paramente aus vorreformatorischer Zeit in ganz Europa“, sagt Gerhold. Einen noch umfangreicheren Fundus hat nur der Halberstädter Domschatz zu bieten. Das besondere an der Brandenburger Kollektion ist, dass die Stücke eben nicht extra gesammelt wurden. „Alles war einmal wirklich für den Gottesdienst in Gebrauch – es ist gewachsene Geschichte am Ort.“

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Ein gesamtes Ornat wartet auf die Restaurierung

Zurzeit wartet ein besonderes Ensemble auf Hilfe von der Textilfachfrau. „Es war wohl der brandenburgische Kurfürst Albrecht Achilles, der dem Domstift ein gesamtes Ornat bestehend aus Chormantel, Dalmatik und Subtile geschenkt hat“, so Gerhold und verweist auf die Wappenornamente auf den kostbaren Stücken. Dort prangen zusammen der Brandenburger Adler und das schwarz-goldene Emblem der Sachsen, denn der Kurfürst war in zweiter Ehe mit einer Sächsin verheiratet.

Bevor die nicht nur historischen wertvollen Stücke ganz vorsichtig restauriert werden, muss zuerst eine genaue Bestandsaufnahme der Schäden gemacht werden. Nähfäden und Nähte werden von Gerhold genau unter die Lupe genommen, Schwachstellen im Stoff dokumentiert, alle wichtigen Informationen rund um untersuchte Stück zusammengetragen, um dann zu entscheiden, wie das Gewand durch behutsames Eingreifen für die Nachwelt weiter erhalten werden kann.

Für die Arbeit braucht die Restauratorin eine ruhige Hand

Präzision, Geduld, großes Fachwissen und eine ruhige Hand braucht Geertje Gerhold für ihre Arbeit. „Eine Affinität fürs Textil hatte ich schon immer und Interesse für Geschichte ebenso.“ Dass sich aus der Kombination etwas machen lässt, erfuhr Gerhold in ihrem letztem Jahr vor dem Abitur in Kassel. „Wir Schüler konnten uns in den verschiedenen Restaurationswerkstätten der Stadt umsehen und dort habe ich den Beruf der Textilrestauratorin für mich entdeckt.“

Der war in den 1980er-Jahren so selten, das Gerhold zur Ausbildung in die Schweiz musste. „Heute gibt es unter anderem an Fachhochschulen in Köln und München Studiengänge.“

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Stoffe können spannende Geschichten erzählen

Einblicke in den Erfahrungsschatz der Textilkonservatoren wünscht die Expertin auch den Lernenden in verwandten Studienrichtungen wie Geschichte und Kunsthistorie. „Wenn ich Ausstellungen in der Berliner Gemäldegalerie besuche, stelle ich mich manchmal neben ein Bild, auf dem besonders eindrucksvolle Gewänder abgebildet sind und höre den Gesprächen der Studenten zu.“

Über Farbgebung und die Bildkomposition wird dann philosophiert. Aber dass die Madonna mit Kind vom Künstler in einen Stoff gehüllt wurde, der auf der Seidenstraße seinen Weg aus dem fernen Osten bis nach Europa gefunden hat, erkennt niemand. „Dabei lässt sich aus den historischen Gewändern so viel mehr ablesen, als der schöne äußere Eindruck.“

Info: Aktuell läuft im Dom noch bis zum 31. Oktober die Ausstellung „Maria und die dritte Dimension“.

Von Christine Lummert

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