Dallgow-Döberitz

Dallgower Familie nimmt Geflüchtete aus der Ukraine auf: Ein neues Zuhause fernab vom Krieg

Volles Haus: Günter Zonsius mit den Zwillingsschwestern Karina und Diana und dem Au-pair Keti in der Küche der Familie aus Dallgow.

Volles Haus: Günter Zonsius mit den Zwillingsschwestern Karina und Diana und dem Au-pair Keti in der Küche der Familie aus Dallgow.

Dallgow-Döberitz. Gerade ist es still am Esstisch, an dem Günter Zonsius Bildschirm und Unterlagen für die Arbeit im Homeoffice aufgebaut hat. Sind alle Bewohner des Hauses da, ist das ganz anders. Der 61-jährige Familienvater lebt gemeinsam mit seiner Frau und den zwei jüngsten Kindern in Dallgow-Döberitz. Zu Gast ist aktuell außerdem Keti, die als Au-pair aus Georgien bei der Familie Zonsius lebt und arbeitet. Seit knapp zwei Wochen wohnen auch Karina und Diana mit im Haus.

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Die beiden 24-jährigen Zwillinge kommen aus der ukrainischen Hauptstadt Kiew, die weiterhin unter schwerem Artilleriebeschuss steht und in der am Dienstagabend eine vorerst 35-stündige Ausgangssperre für alle Einwohner verhängt wurde.

Die beiden Ukrainerinnen sind nach mehreren Luftalarmen und der sich zuspitzenden Situation in der Hauptstadt zuerst zu Bekannten in Litauen geflohen und reisten dann über Polen nach Deutschland. Günter Zonsius und seine Frau informierten sich in unterschiedlichen Facebook-Gruppen, wie man Geflüchtete aus der Ukraine aufnehmen könnte und kamen über eine Kette von Personen in Kontakt mit den beiden jungen Ukrainerinnen, die vor nunmehr knapp zwei Wochen frühmorgens am Zentralen Omnibusbahnhof in Berlin ankamen.

Von dort holte die Dallgower Familie die beiden Zwillinge ab, die in der Heimat unter anderem als Tanzlehrerinnen tätig waren. „Wir haben uns einfach gefragt was wir tun würden, wenn so etwas hier bei uns passieren würde und man alles zurücklassen müsste“, erklärt Zonsius den Schritt selbst aktiv zu werden. Außerdem vereinfacht die Erfahrung der Familie mit Au-pair-Gästen das Zusammenleben mit zusätzlichen Bewohnern unter einem Dach.

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Mutter flieht ebenfalls aus der Ukraine

Die Kommunikation läuft problemlos, da alle gut mit der englischen Sprache zurechtkommen. Karina und Diana leben jetzt im Gästezimmer der Familie in der oberen Etage, das der Familienvater bisher als Arbeitszimmer nutzte. Abends sitzen sie oft zusammen, erzählen oder spielen bis zum späten Abend Karten, berichtet er. Um die Situation in der Heimat geht es dabei aber fast nie. „Wir haben uns da absolut zurückgehalten und haben konkret gesagt, wir fragen euch nicht, aber wenn ihr darüber reden wollt, könnt ihr es jederzeit ansprechen“, erklärt der Dallgower.

Auch die Mutter der beiden ukrainischen Gäste kam wenig später samt kleinem Hund nach Deutschland. Da Familie Zonsius selbst einen Hund und drei Katzen im Haus hat, war die gemeinsame Unterbringung leider nicht möglich. Es gelang ihnen aber eine andere Familie in Dallgow zu finden, sodass Mutter und Töchter nur etwa fünf Fußminuten voneinander getrennt wohnen. Ihr Vater darf die Ukraine hingegen nicht verlassen.

Hilfe über Facebook und Co.

Trotz der schrecklichen Ereignisse in der Heimat sind die Zwillinge sehr engagiert und aktuell schon auf der Suche nach Arbeit in einer berliner Tanzschule, auch wenn einige rechtliche Bedingungen dafür noch geklärt werden müssen. „Wir lassen die Dinge jetzt erstmal auf uns zukommen“, sagt Zonsius, der sich gemeinsam mit seiner Frau schon um Behördengänge und SIM-Karten zum telefonieren für die Gäste gekümmert hat.

Seit ihrer Ankunft unterstützen die Schwestern durch ihre Sprachkenntnisse Neuankömmlinge und helfen dabei, ihnen eine Unterkunft zu vermitteln. Auch die Gastgeberfamilie teilt ihre Erfahrungen über verschiedene Social-Media-Kanäle. Dabei müsse sich Zonsius selbst manchmal gar zurückhalten, um nicht immer wieder auf Facebook und Co. zu schauen, wo man noch vermitteln oder informieren kann, denn auch das Privatleben und die Arbeit bleiben weiterhin Bestandteil des Alltags.

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Trauer bleibt auch im neuen Zuhause

Karina und Diana lernen derweil schon regelmäßig Deutsch und sitzen häufig mit dem Au-pair und der jüngsten Tochter Greta an den Grundschul-Hausaufgaben. „Sie sind unglaublich aktiv, nehmen ihr Leben selbst in die Hand und gucken nach vorn, aber wenn Ruhe einkehrt, merkt man, dass es sie doch sehr belastet ihre Existenz, Verwandte und Freunde zurückgelassen zu haben“, sagt der 61-Jährige.

Aus diesem Grund beantworten die beiden heute selbst keine Fragen zu ihrer Flucht und konzentrieren sich stattdessen auf die Zukunft. Denn niemand weiß, wie lange der Krieg in der Ukraine noch andauern wird und ob es dann in der Heimat wieder eine Perspektive gibt. Bei der Familie Zonsius können die Schwestern erstmal so lange bleiben, wie sie möchten, versichert der Familienvater.

Von Max Braun

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