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Familie hat alles verloren

500-Kilogramm-Bombe zerstört ein Haus

Der Blindgänger hinterließ einen vier Meter tiefen Krater. Das Haus, neben dem die Bombe gefunden wurde, konnte nicht gerettet werden.

Oranienburg.Der Lehnitzsee lag still da, nur ab und an krächzten ein paar Kraniche. Gegen 12.17 Uhr drückte Sprengmeister Horst Reinhardt dann auf den Knopf: Eine 50 Meter hohe Fontäne schoss in den Himmel, es regnete Trümmer und Erde. Zehn Sekunden später war das Schauspiel am Lehnitzsee beendet. "Das war eine große, böse Bombe", murmelte Björn Lüttmann, Sprecher der Stadt Oranienburg, der mit Pressevertretern auf einem Steg am Sperrkreis stand.

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Etwa 500 Kilogramm wog die amerikanische Fliegerbombe, die Donnerstagmittag in einer Gartensiedlung in Lehnitz gesprengt wurde. Es war der 175. Bombenfund in Oranienburg. Den chemischen Langzeitzünder konnten die Sprengmeister des Kampfmittelbeseitigungsdienstes (KMBD) nicht entschärfen. Deshalb entschieden sie sich am Mittwoch, den Blindgänger kontrolliert zu sprengen. Rund 3500 Menschen mussten bis Donnerstagmorgen um acht Uhr den Sperrkreis um den Fundort räumen, die Straßen in der Innenstadt waren verstopft. Etwa 110 Einsatzkräfte waren unterwegs, sie überwachten die Evakuierung.

Hat alles verloren: Gunthard „Paule“ Dietrich (M.) mit seiner Lebensgefährtin Elke Bendrich und ihrem Sohn Willi Bendrich.

Hat alles verloren: Gunthard „Paule“ Dietrich (M.) mit seiner Lebensgefährtin Elke Bendrich und ihrem Sohn Willi Bendrich.

Zwei Kilogramm Spezial-Sprengstoff ließen die Bombe schließlich detonieren. Gut zwei Stunden später stand Sprengmeister Horst Reinhardt vor dem riesigen Krater, den der Blindgänger hinterlassen hatte. In der Nachbarschaft hatte es Stroh geregnet. In schweren Ballen sollte es die Explosion dämpfen. Das hatte offenbar ganz gut geklappt. Ein paar Wände in der Siedlung waren schmutzig geworden, Scheiben zu Bruch gegangen und ein schon vorhandener Riss in einem Haus tiefer geworden. Eine Hand voll Kaninchen, die in einem Stall auf dem Nachbargrundstück hockten, hatten die Detonation heil überstanden. "Bei einer so großen Bombe hätten die Auswirkungen schlimmer sein können", so Horst Reinhardt. Das Haus, neben dem die Bombe gefunden wurde, sei aber nicht zu retten gewesen. "Das war viel zu dicht dran", sagte der Sprengmeister.

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Neben ihm stand Hausbesitzer Gunthard Dietrich. Er hatte Tränen in den Augen. "Es ist ja alles hin, da kann man nichts mehr retten", sagte der 64-Jährige. Der Anbau existiert nicht mehr, auch vom Haus selbst ist nur die Hälfte übrig geblieben. Vom Krater aus kann man in den Flur schauen. Vor 20Jahren hatte Dietrich die einstige Wehrmachtsbaracke auf dem Grundstück Am alten Hafen 21 gekauft und in Eigenregie ausgebaut. "Ich dachte, hier könnte ich in Ruhe alt werden." Bis zuletzt hatte der Frührentner gehofft, dass die Bombe auf seinem Grundstück entschärft wird. Doch dann ging alles ganz schnell. Ein bisschen Kleidung, seine Papiere und den Flachbildfernseher

mehr konnte Gunthard Dietrich nicht retten. Die nächsten Nächte will er in der Wohnung seiner Lebensgefährtin in Lehnitz verbringen. "Dann muss das hier alles abgerissen werden", sagt der Oranienburger. Nicht nur dabei hofft er auf Unterstützung. Dietrich will auch eine Entschädigung vom Land Brandenburg für das zerstörte Haus.

Oranienburgs Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke ist nicht sicher, ob das Land zahlt. Auch für das Haus in der Lehnitzstraße, das bei der Bombensprengung im April beschädigt wurde, sei noch keine Unterstützung aus Potsdam gekommen. "Bisher hat das Land aus Kulanz aber immer gezahlt", so Laesicke. Nach der aktuellen Rechtslage müsse eigentlich der Eigentümer für die Entschärfung einer Bombe auf seinem Grundstück aufkommen. Nur bei einem Fehler des Kampfmittelbeseitigungsdienstes hafte das Land.

Gunthard Dietrich hofft, dass schnell eine Entscheidung fällt. "Vielleicht", sagt der alte Herr, "stelle ich mir bis dahin einen Wohnwagen aufs Grundstück."

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Von Marco Paetzel

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