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Wandern nach Fontanes Notizen (Teil 5)

Fontanes Zwangsaufenthalt in Gransee

Stadt der Aussichten: Blick vom Südturm von St. Marien, im Hintergrund der Geronsee.

Stadt der Aussichten: Blick vom Südturm von St. Marien, im Hintergrund der Geronsee.

Neuruppin/Gransee. Theodor Fontane und Königin Luise haben eins gemeinsam: Beide verbrachten eine Nacht in Gransee – unfreiwillig. Beginnen wir mit dem Wanderer. Für die geplante Überarbeitung des ersten „Wanderungen“-Bandes wollte Fontane neue Orte aufnehmen. Hierzu gehörte Gransee – zu Fontanes Zeiten die „östlichste Stadt der Grafschaft Ruppin“ und heute im Landkreis Oberhavel gelegen. Für die Recherche brach Fontane 1873/74 erneut zu mehreren Stippvisiten in die Mark auf. Am 23. April 1874 blieb er in Gransee stecken.

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Zwangsaufenthalt in der vielleicht festesten Stadt

„Heute Mittag bin ich [...] hier eingetroffen, in der Absicht meine Reise nach Ruppin fortzusetzen. Es ging aber weder Post noch Omnibus“, schrieb er seiner Frau Emilie aus „Klagemanns Hotel“, das sich in der heutigen Rudolf-Breitscheid-Straße befand.

Fontane war über diesen Zwangsaufenthalt, der „12 Stunden“ andauerte, aber nicht unglücklich: „Mein Gransee-Kapitel hat nämlich verschiedene Lücken, die auszufüllen immer mein Wunsch war; dazu bot sich nun gegen Erwarten die Gelegenheit.“

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Aussichtsreiche Stadt: Blick vom Ruppiner Tor auf die Rudolf-Breitscheid-Straße, im Hintergrund die Türme der St. Marienkirche.

Aussichtsreiche Stadt: Blick vom Ruppiner Tor auf die Rudolf-Breitscheid-Straße, im Hintergrund die Türme der St. Marienkirche.

Entsprechend reichhaltig ist Gransee in der dritten Auflage der „Grafschaft Ruppin“ von 1875 dann auch vertreten. Gransee, „vielleicht die festeste [Stadt] der Grafschaft“, erhielt viermal so viel Platz wie das „reizende“ Lindow, gleich nebenan. Neben dem „Warte-Berg“, dem Waldemar-Tor und der Marienkirche beschreibt Fontane auch das berühmte Luisen-Denkmal.

„Und deshalb rührt es.“

Die Formen des Gedenkens an Königin Luise sind vielfältig und häufig nicht frei von Kitsch. „Das Luisen-Denkmal zu Gransee hält das rechte Maß: es spricht nur für sich und die Stadt und ist rein persönlich in dem Ausdruck seiner Trauer“, befindet Fontane. „Und deshalb rührt es.“ Das von Karl-Friedrich Schinkel geschaffene „Monument“ machte Gransee über die Ruppiner Grenzen bekannt.

Fontane rührte es: Das Luisen-Denkmal, Postkarte mit einer kolorierten Lithografie aus dem 19. Jahrhundert.

Fontane rührte es: Das Luisen-Denkmal, Postkarte mit einer kolorierten Lithografie aus dem 19. Jahrhundert.

Dabei war die Begegnung zwischen der populären Königin und der märkischen Stadt ein Zufall der Geschichte. Nachdem die 34-jährige Luise am 19. Juli 1810 überraschend im väterlichen Schloss zu Hohenzieritz gestorben war, wurde ihre Leiche sechs Tage später in glühender Sommerhitze nach Berlin überführt. Am 25. Juli traf der Leichenzug in Gransee ein, wo er eine Nacht Station machte.

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Es rührt noch immer: Das Luisen-Denkmal auf dem heutigen Schinkelplatz.

Es rührt noch immer: Das Luisen-Denkmal auf dem heutigen Schinkelplatz.

Zur Erinnerung an die nächtliche Aufbahrung beantragte die Granseer Bürgerschaft bei Friedrich Wilhelm III. die Errichtung eines Denkmals. Der König genehmigte es, bewilligte aber keine Gelder. Daraufhin startete Landrat von Zieten aus Wustrau eine der erfolgreichsten Spendensammlungen des Ruppiner Landes. Mit 2000 Talern konnte der Kreis nun klotzen statt kleckern.

Fontane notiert einen anderen Standort

Die wichtigsten Eckdaten zum Denkmal hielt Fontane auf sechs Notizbuchseiten fest: Über einer kleinen Skizze vermerkte er ein Detail, das er nicht in den gedruckten Text übernahm: „Die Leiche stand hart an der Straße. Das Denkmal immer an dieser Stelle.“ Es wurde „zurückverlegt i. d. M.“. Zurückverlegt in die Mitte des Platzes – auf dem der Sarg aufgestellt und der zunächst in Luisen-Platz, später in Schinkelplatz umbenannt wurde.

Das am 19. Oktober 1811 eingeweihte „Monument“ überlebte – vermutlich dank Schinkel – alle Denkmalstürze des 20. Jahrhunderts und wurde 1995 bis 1997 mittels einer vollständigen Demontage aufwändig restauriert. Es rührt noch immer.

Die Autoren: Gabriele Radecke & Robert Rauh

Gabriele Radecke, geboren 1967, studierte Germanistik, Politik- und Rechtswissenschaft und promovierte zu Fontane. Sie ist Trägerin des Preises des Stiftungsrates der Universität Göttingen. Seit 2010 leitet sie die von ihr gegründete Fontane-Arbeitsstelle der dortigen Universität. Seit 2010 ist sie Mitherausgeberin der „Großen Brandenburger Fontane-Ausgabe“ und hat gerade sämtliche Notizbücher Fontanes digital ediert. Die digitalen Notizbücher kann man hier einsehen.

Robert Rauh, geboren 1967 in Berlin, ist Historiker, Lehrer und Seminarleiter. Er arbeitet als Herausgeber von Lehrbüchern und Träger des Deutschen Lehrerpreises. 2017 veröffentlichte er sein Buch „Fontanes Fünf Schlösser“, 2018 „Fontanes Frauen“, in denen er die Werke Fontanes unter die heutige Lupe nimmt. Gerade ist sein neues Buch „Fontanes Ruppiner Land“ erschienen. Weitere Rechercheergebnisse und Ausflugstipps gibt es hier.

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Lesen Sie dazu auch:

https://www.maz-online.de/Lokales/Ostprignitz-Ruppin/Neuruppin/Fontanes-Wanderungen-muessen-neu-bewertet-werden

Lesen Sie dazu aus unserer Reihe „Wandern nach Fontanes Notizen“:

Meseberg in Fontanes Notizbüchern

Gentzrode – ein ungewöhnliches Gut

Brunn – Die fehlende Stufe

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https://www.maz-online.de/Lokales/Ostprignitz-Ruppin/Amt-Temnitz/Wandern-nach-Fontanes-Notizen-Garz

Ebenfalls finden Sie hier auch unsere Reihe „Fontanes vergessene Orte“:

Wulkow – ersatzlos gestrichen

Wildberg – das Dorf mit dem höchsten Kirchturm

Wie Bechlin in den Bann geriet

Buskow Trauma des Husarengenerals Zieten

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Kampehl – Ritter Kahlbutz spukte auch bei Fontane

Wuthenow – Fontanes Dichtung und Wahrheit

Barsikow – Der Streit um das Luch

Binenwalde – Der Dichter und die schöne Sabine

Von Gabriele Radecke und Robert Rauh

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