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Natur soll sich Sperrgebiet in Wulkow zurückerobern

Auf dem Weg zu einer Idylle

Dort, wo sich jetzt noch riesige Schuttberge türmen, sollen bald wieder Bäume wachsen.

Wulkow.Der Specht klopft, die Kraniche trompeten. Doch die Idylle trügt. Förster Gerald Lemke und Daniel Baumeier von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) befinden sich in einem Sperrgebiet – auf dem Gelände der einstigen Heeresmunitionsanstalt Wulkow bei Alt Ruppin.

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Die sogenannte Muna mit ihrem Wohn-, Verwaltungs- und Sozialbereich war zwischen 1934 und 1939 mitten im Wald errichtet worden, gut zwei Kilometer von der Straße Neuruppin-Herzberg entfernt. Wie viele Menschen in der Muna gearbeitet haben, das weiß keiner so genau. "Dazu gibt es keine Veröffentlichungen", sagt Daniel Baumeier. Der 26-Jährige ist bei der Bima in Potsdam in der Liegenschaftsverwaltung für das Problemflächenmanagement zuständig.

Das Holz muss geschreddert und als Sondermüll entsorgt werden, weil es mit Farbe oder Chemikalien behandelt wurde.

Das Holz muss geschreddert und als Sondermüll entsorgt werden, weil es mit Farbe oder Chemikalien behandelt wurde.

Generell ist wenig über die Muna Wulkow bekannt, deren Gelände bis an den Tholmansee reicht. Der Autor Eberhard Sablotny schreibt in seinem Buch "Warum mit den Wölfen heulen?", dass während des Weltkrieges rund 400Frauen und 100Männer in der Munitionsfabrik gearbeitet haben. Kein Geheimnis ist, dass die Muna gut an das Schienennetz angeschlossen war. Das Hauptgleis aus Richtung Bahnhof Wulkow verzweigte sich hinter den Toren der Munitionsfabrik und führte sowohl in den nördlichen als auch in den südlichen Bereich des riesigen Areals.

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"Die Produktionshallen, in denen die Kartuschen mit Sprengstoff gefüllt wurden, sollen einen speziellen Gummibelag auf dem Boden gehabt haben", hat Förster Lemke gehört. "Damit kein Funken entsteht, wenn Werkzeuge herunterfallen." Das hätte zu einer riesigen Explosion und vielen Toten führen können.

Förster Gerald Lemke (l.) und Daniel Baumeier von der Bima mit der Karte, auf der das Muna-Gelände verzeichnet ist.

Förster Gerald Lemke (l.) und Daniel Baumeier von der Bima mit der Karte, auf der das Muna-Gelände verzeichnet ist.

"Die Liegenschaft ist halbwegs intakt. Nur haben sich die Russen nicht um die Gebäude gekümmert", sagt Gerald Lemke, in dessen Revier die Muna fällt. Die Russen hatten das 330 Hektar große Gelände nach dem Zweiten Weltkrieg übernommen und bis zu ihrem Abzug 1993 genutzt. Doch wurde dort keine Munition mehr produziert, sondern nur noch Munition gelagert. Platz dafür gab es genug: Zum Gelände gehörten mal an die 100 Bunker. In zwei ist inzwischen neues Leben eingezogen. Sie dienen als Fledermausquartiere.

Für viele der Gebäude blieb indes nur eines: der Abriss. "Die Ruinen sind kreuzgefährlich", sagt Daniel Baumeier. Die meisten Dächer sind kaputt, auf vielen wachsen Sträucher und Bäume. Etwa 30Häuser sind deshalb in den vergangenen Monaten dem Erdboden gleichgemacht worden, darunter drei von fünf Offiziershäusern der Wehrmacht, eines von zwei Heizwerken, die ehemalige Tankstelle. Selbst die Fundamente wurden beseitigt. "Wir entsiegeln hier Flächen für den Landesbetrieb Straßenwesen", sagt Baumeier. Der Landesbetrieb hat zwar gar nichts mit der einstigen Munitionsfabrik Wulkow zu tun. Aber das Land sucht immer wieder Flächen, auf denen es einen Ausgleich dafür schaffen kann, dass anderswo die Natur zurückgedrängt wird, beispielsweise durch den Bau neuer Straßen und Radwege. Das Gelände der Muna Wulkow ist dafür ideal. Mit dem Abriss der Häuser dort wird so das Verbreitern der A 24 kompensiert.

Auf einen Blick

  • Errichtet wurde die Heeresmunitionsanstalt Wulkow zwischen 1934 und 1939 auf einem 330 Hektar großen Areal in einem Kiefernwald. Dorthin führte eine extra angelegte Straße. Zudem verfügte die sogenannte Muna über einen Gleisanschluss.
  • Unbekannt ist, wie viele Menschen dort bis 1945 arbeiteten und wie viele russische Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg dort stationiert waren. Vermutet wird, dass zu Kriegszeiten viele Frauen aus Nah und Fern zwangsverpflichtet wurden, in der Muna zu arbeiten.
  • Gemunkelt wird immer wieder, dass es in der Muna Wulkow unterirdische Gänge und sogar Produktionsanlagen unter der Erde gegeben haben soll. Dafür gibt es jedoch keinerlei Belege. Auch bei den jetzigen Arbeiten wurden keine Hinweise gefunden. Das einzige, was bisher entdeckt wurde, waren unterirdische Abflussgräben.
  • Auch nach dem Abriss von 30 Gebäuden stehen noch etliche auf dem Gelände. Von den einst 330 Hektar gehören 109 Hektar dem Bund, der Rest wurde verkauft.

Die Betonfundamente werden gebrochen. "Sie können vielleicht als Recyclingmaterial beim Straßenbau wieder eingebracht werden", sagt Baumeier. Das Holz ist hingegen meist nicht mehr zu verwenden. Es wurde mit Farbe oder speziellen Tinkturen gegen Holzwürmer behandelt. Da bleibt nur das Schreddern und fachgerechte Entsorgen als Schadstoff. "Das Umweltamt des Kreises achtet da genau drauf", betont Förster Lemke. Der 53-Jährige, der sich seit Dezember 1991 für die Bundesforst mit um die Kyritz-Ruppiner Heide kümmert, ärgert sich immer wieder über illegale Besucher auf dem Muna-Gelände. "Die meisten suchen nach Schrott." Einige wollen angeblich auch "nur mal gucken". Immerhin gibt es trotz des vorangeschrittenen Abrisses auf dem Gelände immer noch Kuriositäten zu entdecken. Beispielsweise Kiefern, an denen in drei oder fünf Metern Höhe eine oder mehrere Lampen hängen. Die Schalter dafür waren auf Augenhöhe angebracht. Von denen ist jedoch nichts geblieben außer ein paar Drähten. Auch unzählige Reckstangen hat Gerald Lemke auf dem Muna-Gelände gefunden. "Die wurden einfach an zwei Bäumen angebracht, die eng nebeneinander stehen." Denn auf körperliche Fitness wurde bei der Roten Armee großer Wert gelegt.

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Lemke kann dem nicht viel Gutes abgewinnen. Dem Förster tun einfach die Bäume leid. "Kaum ein Baum ist ohne Schaden. Entweder sie wurden angefahren oder mit vielen Nägeln bestückt." Das ist auch der Grund dafür, dass sich mit den gefällten Bäumen kaum Geld verdienen lässt. "Da ist so viel Eisen drin. Die sind als Sägeholz nicht brauchbar", so Lemke.

Der Förster hat all die Bäume mit weißer oder roter Farbe gekennzeichnet, die unbedingt stehen bleiben sollen. Sie haben Nisthöhlen und sind bewohnt von Kleiber, Specht oder Fledermäusen. Nachgepflanzt werden Laubbäume, wie Buchen und Traubeneiche. "Die Kiefer kommt von ganz allein."

Von Andreas Vogel

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