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Neuruppin

Bauhaus-Schatz mit Kaufhallen-Charme?

Die Häuser am Bölkeanger sind wichtige Beispiele der modernen Architektur der 20er Jahre. Nicht immer ist das noch gut zu erkennen.

Die Häuser am Bölkeanger sind wichtige Beispiele der modernen Architektur der 20er Jahre. Nicht immer ist das noch gut zu erkennen.

Neuruppin. In Weimar gehört ein Haus, an dem der Architekt Alfred Meyer einst mitgearbeitet hat, seit 1996 zum Weltkulturerbe. Das Fagus-Werk in Alfeld, das Alfred Meyer maßgeblich mit entworfen hat, wurde von der Unesco 2011 zu Welterbe ernannt. Auch in Neuruppin hat Alfred Meyer vor 90 Jahren einmalige Architektur geschaffen. Doch was passiert mit der?

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Der Denkmalpfleger und Baufachmann Detlef Fuchs machte seinem Ärger jetzt im Bauausschuss Luft. Fuchs ist seit vielen Jahren Kastellan des Rheinsberger Schlosses und arbeitet für die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten an wichtigen Bauvorhaben. Er weiß, wovon er spricht. Wie Neuruppin sein architektonisches Erbe behandelt, findet er unerträglich. Bestes Beispiel sei der Umbau des Hortes in Gildenhall.

Schon zu DDR-Zeiten hat das Atelierhaus von Adolf Meyer in Gildenhall Um- und Anbauten erfahren

Schon zu DDR-Zeiten hat das Atelierhaus von Adolf Meyer in Gildenhall Um- und Anbauten erfahren. Im Inneren blieb es trotzdem bis zuletzt weitgehend im Originalzustand.

Kern des alten Hortbaus ist ein Gebäude, das der Bauhaus-Architekt Alfred Meyer in den 20-er Jahren des 20. Jahrhunderts als Atelierhaus für die damals hochmoderne Künstlersiedlung Gildenhall entworfen hatte. Zu DDR-Zeiten hat das Haus zwar einen Anbau bekommen, im Inneren blieb es aber weitgehend erhalten. Ein einmaliges architektonisches Kleinod – das mit dem Umbau, der dort gerade läuft, „schwer beschäftigt wird“, wie es Detlef Fuchs ausdrückt.

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Der Denkmalexperte verteufelt die Stadt keineswegs generell für ihren Umgang mit Architektur. Dass sich Neuruppin und dessen Baudezernent Arne Krohn seit langem für die Altstadt und die Bauten aus dem 18. Jahrhundert stark machen, findet Fuchs hervorragend. Doch zugleich habe die Stadt andere Dinge vernachlässigt – so sehr, dass sie nun nur noch schwer zu retten sein dürften: „Warum fühlt sich die Verwaltung nicht verantwortlich für das architektonische Erbe der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts?“

Mit der Siedlung Gildenhall, der Musikersiedlung und den Häusern am Bölkeanger hat die Stadt beeindruckende Architektur – auch wenn die oft kaum noch zu erkennen ist, weil sie nie geschützt wurde.

Das Neuruppiner Museum hat der Kunsthandwerkersiedlung Gildenhall 2016 eine eigene Ausstellung gewidmet

Das Neuruppiner Museum hat der Kunsthandwerkersiedlung Gildenhall 2016 eine eigene Ausstellung gewidmet. Aktuell geht es im Museum um Keramik aus Gildenhall.

Was in Gildenhall gerade passiert, ist für Fuchs „Billigsanierung, die das zerstört, was noch zu retten gewesen wäre“. Fuchs: „Neuruppin hätte mit dem Gildenhaller Hort einen Ort in der Tradition der Bauhausbewegung wiedererwecken können.“ Stattdessen herrsche dort „gewöhnliche Alltagsarchitektur im Charme einer Kaufhalle“.

Neuruppins Baudezernent Arne Krohn findet das weit übertrieben. Die massive Kritik von Fuchs will er so nicht stehen lassen, sie sei zu „dramatisiert“. Arne Krohn: „Wenn man um eine Sache ringt, geht das nicht ohne Emotionen.“

Dass das Atelierhaus am Hort in Gildenhall besonders ist, ist auch im Rathaus klar. Genau darauf habe die Stadt bei dem Umbau aber versucht, Rücksicht zu nehmen. Alle Arbeiten haben von der Denkmalbehörde grünes Licht bekommen. Ein Problem bleibt: Das Gebäude soll für einen Zweck hergerichtet werden, für den es ursprünglich nicht gedacht war. Doch dafür gab es keine andere Lösung: Der Hort konnte nicht verlegt werden, er musste in dem Gebäude bleiben. Krohn: „Ein Umbau ist immer ein Kompromiss.“

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Weltweiter Einfluss bis heute

Die Bauhaus-Bewegung geht auf die gleichnamige Kunstschule zurück, die der Architekt Walter Gropius 1919 in Weimar gründete.

Das Bauhaus war eine der einflussreichsten Einrichtungen für Kunst, Gestaltung und Architektur im 20. Jahrhundert. Arbeiten von Bauhauslehrern und -schülern werden bis heute weltweit gefeiert.

Adolf Meyer (1881 – 1929) rief als Lehrer und Meister am Bauhaus in Weimar eine erste Architektur-Abteilung ins Leben. Er arbeitet mit anderen berühmten Architekten wie Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe zusammen. Wichtige Bauten, an denen er mitgearbeitet hat, sind unter anderem das Musterhaus Am Horn in Weimar und das Fagus-Werk in Alfeld an der Leine.

Detlef Fuchs ist nicht allein mit seiner Kritik. Schon vor Monaten hatten sich in Gildenhall Bürger zusammengeschlossen, um den Umbau des historischen Atelierhauses von Adolf Meyer noch zu stoppen. Doch sie hatten keine Chance.

Die Stadtverwaltung hatte davor gewarnt, die Pläne über den Haufen zu werfen. Damit gerate das gesamte Projekt in Gefahr. Das Land hatte gedroht, den Hort zu schließen, wenn Neuruppin die völlig maroden Gebäude nicht endlich saniere. Bis zum Beginn des Schuljahr im September soll der Hort fertig saniert sein. 2,2 Millionen Euro sind dafür inzwischen vorgesehen – zum größten Teil Fördermittel.

Ist es für mehr Schutz schon zu spät?

Wuthenows Ortsvorsteher Axel Noelte fand Detlef Fuchs’ Kritik „völlig daneben“. Als Ortsvorsteher sei er froh, dass in Gildenhall „genau so gebaut wird, wie gerade gebaut wird“. Für ihn geht der Umbau für die Hortkinder vor Erhalt der historische Bausubstanz. Anders als Noelte sieht Detlef Fuchs darin keinen Widerspruch. Das eine schließe das andere nicht aus, sagt er.

Tut Neuruppin tatsächlich zu wenig für sein architektonische Erbe? Siegfried Wittkopf (Linke) hatten schon früher gefordert, die Stadt müsse sich einmaligen Bauten wie Gildenhall oder der Musikersiedlung viel stärker widmen. Krohn räumt ein, dass diese Gebäude bei allem Streiten um die historische Altstadt in den vergangenen Jahrzehnten wohl etwas kurz gekommen seien. Detlef Fuchs hätte sich Gestaltungsvorschriften wie in der Altstadt gewünscht, damit auch private Bauherren in Gildenhall oder am Bölkeanger gezwungen sind, die wichtigsten Elemente der einstigen Architektur zu erhalten. Aber geht das nach so vielen Jahren überhaupt noch? Für Neuruppins Baudezernenten ist klar, dass das auf jeden Fall ein enormer Aufwand wäre, langwierig und ohne Geld kaum zu schaffen. Und klappen kann es nur, wenn die meist privaten Eigentümer überzeugt werden können mitzumachen.

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Von Reyk Grunow

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