Lindow

Studenten entwickeln App für virtuellen Kloster-Rundgang

Student Marco Schütze mit seiner Demo-App im Kloster Lindow.

Student Marco Schütze mit seiner Demo-App im Kloster Lindow.

Lindow. GPS einschalten, Smartphone auf eine Mauer der Ruine richten und sich auf einmal im Lindower Zisterzienserkloster zu fühlen, wie es vor Jahrhunderten ausgesehen hat. Schreitende Nonnen sehen, Orgelmusik hören, im Kreuzgang wandeln. Eine Vision? Nicht im Zeitalter von „Augmented Reality“ – zu Deutsch erweiterte Realität. Noch genauer definiert: die computergestützte Erweiterung der mit den menschlichen Sinnen wahrgenommenen Realität.

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Studentin Olga Tcvetkova entwickelte eine App für virtuellen Rundgang im Kloster Lindow

Studentin Olga Tcvetkova entwickelte eine App für virtuellen Rundgang im Kloster Lindow.

Olga Tcvetkova, Studentin an der Berliner Beuth-Hochschule für Technik, gibt den Zuhörern im Gemeindehaus Lindow am Montag eine kurze Vorstellung davon: in einem Video zeigt sie, wie wartende Fahrgäste in einem gläsernen Bushäuschen auf die vermeintliche Scheibe starren und urplötzlich erstarren, weil in der alltäglichen Straßenszene jenseits der Scheibe auf einmal urplötzlich ein Löwe auftaucht. Oder ein Alien. Oder etwas anderes völlig Unerwartetes. Mittels 3D-Technik scheint die schlangenartige Kreatur direkt in das Bushäuschen hineinzuschießen.

Aliens oder Raubtiere kommen indes in der erweiterten Realität nicht vor, die der Studentin und ihren Kommilitonen für Lindow vorschwebt. Ihnen geht es darum, die Lindower Klosterruine für Touristen erlebbarer und anschaulicher zu machen. Da das Kloster nur noch eine Ruine ist, rätseln heutzutage viele, wie es damals wohl ausgesehen haben mag, als dort noch die Zisterzienserinnen geschaltet und gewaltet haben.

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Man sieht im Smartphone, wie das entsprechende Motiv vor Jahrhunderten ausgesehen haben könnte

Man sieht im Smartphone, wie das entsprechende Motiv vor Jahrhunderten ausgesehen haben könnte.

Zwei Semester lang haben sie daran gearbeitet, eine App zu entwickeln, mit der sich Neugierige per Smartphone oder Tablet auf dem Klostergelände die historische Realität ins Bild der heutigen Wahrnehmung quasi hinein zaubern können. Oder sich selbst in das Nonnenkloster von anno dazumal: Inmitten des einstigen virtuellen Kreuzgangs wandeln, die Kirche in ganzer Pracht erleben – zu dem, was heute noch davon übrig ist: wenig.

Aber genug, um Touristen anzulocken. So sieht das auch der Stiftskapitelvorsitzende Horst Borgmann, der mit seinen Mitstreitern vehement für eine bessere touristische Vermarktung des Klosters wirbt und engagiert darauf hinarbeitet: mit vielen Ideen und tatkräftigen Bemühungen, die Ideen über Fördertöpfe und Spenden zu finanzieren. Er wird nicht müde, auch in der Hauptstadt das Interesse am ehemaligen Zisterzienserkloster zu wecken. Da ist ihm die App, die die jungen Leute entwickelt haben, gerade recht.

Realität und historische Hypothese

Realität und historische Hypothese: So könnte es gewesen sein.

Die Studenten der Berliner Beuth-Hochschule für Technik haben sich nicht zum ersten Mal am Lindower Kloster abgearbeitet – sie haben bereits vor ein paar Jahren die Ruine ausgiebig vermessen und für eine Million Messpunkte die Geodaten erfasst. Das historienträchtige Ensemble hat viel wissenschaftliches Potenzial für Studierende aller Sparten.

Glaubwürdige Hypothese eines Klosters

„Man kann sich heute nur fragen, wie das Kloster einst ausgesehen hat“, erklärt Dozent Michael Breuer, der die Studenten beim Projekt begleitet hat. „Wir haben diverse Quellen recherchiert, andere märkische Klöster besucht, um uns ein Bild zu machen und eine glaubwürdige Hypothese aufzustellen.“ Man habe überlegt, wie man die Daten am nutzerfreundlichsten und informativ visualisieren könne. „Mittels Technik den Urzustand wieder herstellen“, erklärt er das Ziel.

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Die Studenten hätten sich der Herausforderung gestellt, obwohl: „Wir sind weder Kunsthistoriker noch Bauforscher. Und auch keine Programmierer“, sagt der Dozent. Dennoch habe man den Idealplan eines Zisterzienserklosters als Vorlage genommen und mit den Gegebenheiten in Lindow verknüpft. Mit verschiedenen Konzepten der Nutzbarkeit.

Vom Kloster ist heute nur noch wenig erhalten

Vom Kloster ist heute nur noch wenig erhalten.

Olga Tcvetkova etwa möchte, dass man das Kloster über vier sogenannte Targets – Ziele – entdecken kann. Eine Art Schnitzeljagd. Die findet man auf einem Flyer, sucht sie auf dem Gelände und kann dann mit der App zusätzliche Informationen – Bilder, Texte, Videos – einblenden lassen. „Smartphone statt Museum“, erklärt sie. Damit könne man auch die Generation Smartphone begeistern. Die Faszination der modernen Technik a la QR-Brillen sei groß. Gerade junge Leute ließen sich so leicht locken, sich „das Reale aufzupeppen“, nennt es Bormann. „Wollen wir nicht was Cooles machen?“

„Ich habe bei meinen Führungen aber zumeist Senioren als Zuhörer“, wendet die Lindowerin Ingrid Röseler ein, die als Domina Adelheid von Stechlin verkleidet oft Touristengruppen durch das Kloster führt. „Auch wir Älteren können mit Smartphones umgehen und nutzen sie gern“, hält Ralph-Peter Voigt dagegen, der die Webseite fürs Kloster programmiert hat. „Ich finde die App-Ideen ganz toll“, sagt ein Anwohner des Klosters. Ob man die schon herunterladen könne?

Für die Umsetzung braucht es Geld

Nein, soweit sei es noch nicht. „Wir haben Ideen und die Demo-Version entwickelt. Um zu zeigen, was man machen kann.“ Für die Umsetzung brauche es Geld. Borgmann ist optimistisch. Auf 20.000 Euro schätzt er die Kosten. „Ich unterziehe mich gern wieder dem schweren Efre-Fördergelder-Prozedere“, sagt er. Um die 5000 Euro Eigenkapital zu beschaffen, sei ihm nicht bange. Wichtig sei: „Wollen wir es?“ Dann müsse man mit dem Tourismusverband Ruppiner Seenland und Lindower Kommunalpolitikern ins Gespräch und bestenfalls ins gleiche Boot kommen.

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Für Neugierige ist auch noch ein Praxistest möglich: Student Marco Schütze demonstriert seine App direkt im Kloster. Virtuelle Klostermauern tun sich auf seinem Smartphone auf, wo man hinterm Smartphone nur Ruinenmauern oder grüne Natur sieht. Noch ist die Überblendung der Projektion auf die Realität nicht völlig passgenau. Daran will er aber noch arbeiten – in seinem Masterabschluss.

Von Regine Buddeke

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