Fontanes vergessene Orte

Fontanes Dichtung und Wahrheit in Wuthenow

Blick vom Ruppiner See auf Wuthenow, Postkarte um 1910.

Blick vom Ruppiner See auf Wuthenow, Postkarte um 1910.

Wuthenow. Fontane und Wuthenow ist ein schwieriges Feld. Für Zeitgenossen und Forschung gleichermaßen. Beginnen wir mit Fontanes Berliner Mitbürgern.

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Seiner Frau Emilie berichtet er 1882, dass der „hiesige märkische Geschichtsverein“ eine Exkursion nach Neuruppin unternommen hätte. In der Einladung war angekündigt: „Fahrt über den See bis Schloß Wuthenow, das neuerdings durch Th. F. eine so eingehende Schilderung erfahren hat.“ Als der Verein in Wuthenow anlegte, fand sich kein Schloss.

Fontane hat sie nicht erwähnt

Fontane hat sie nicht erwähnt: Die Schinkelkirche in Wuthenow.

Dabei hatte Fontane es genau lokalisiert: „das auf einem Hügel erbaute, den Ruppiner See nach rechts und links überblickende Schloß Wuthenow“. Das Zitat stammt aber nicht aus den „Wanderungen“, sondern aus seiner Erzählung „Schach von Wuthenow“, die gerade erschienen war.

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Schloss Wuthenow ist darin ein fiktiver Schauplatz. Dennoch hätten einige Exkursionsteilnehmer bis zuletzt nach dem Schloss gesucht, „wenigstens die Fundamente würden doch wohl noch zu sehen sein“. Es habe dort nie ein Schloss existiert, amüsiert sich Fontane, denn „Wuthenow war nie Rittergut, sondern immer Bauerndorf“.

Keine Notizbuchaufzeichnungen

Wuthenow taucht dennoch in den „Wanderungen“ auf: in der zweiten Auflage der „Grafschaft Ruppin“ von 1865. Es war eingekapselt in das Kapitel „Dörfer und Flecken im Lande Ruppin“, das bei einer erneuten Überarbeitung zehn Jahre später wieder herausgenommen wurde. Wuthenow, seit 1993 ein Ortsteil von Neuruppin, gehört zu Fontanes vergessenen Orten – wie Wildberg und Wulkow.

Blick auf den Altar in der Wuthenower Kirche (links im Hintergrund, neben dem Aufgang zur Kanzel, hängt das Gemälde)

Blick auf den Altar in der Wuthenower Kirche (links im Hintergrund, neben dem Aufgang zur Kanzel, hängt das Gemälde).

Wuthenow ist auch für die Fontane-Forschungen eine Herausforderung. Denn es ist unklar, ob der Wanderer jemals in Wuthenow war. Es gibt keine Hinweise in seinen Briefen und – was noch schwerwiegender ist – keine Notizbuchaufzeichnungen.

Allerdings findet sich bereits in der ersten Auflage der „Wanderungen“ von 1862 eine Anmerkung über Wuthenow. Fontane erwähnt „ein altes, sehr sehenswertes Gemälde, das sich zur Zeit in der Kirche zu Wuthenow befindet“. Es ist also möglich, dass Fontane auf seinen ersten Ruppin-Reisen zur Vorbereitung der ersten Auflage auch in Wuthenow Station gemacht hat.

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Erst „sehenswert“, dann „seltsam“

Was gegen einen Aufenthalt Fontanes spricht, ist die fehlende Erwähnung der klassizistischen Kirche, die 1836/37 nach Plänen von Karl-Friedrich Schinkel errichtet wurde.

Erst ein „sehr sehenswertes“, dann ein „seltsames Bild“

Erst ein „sehr sehenswertes“, dann ein „seltsames Bild“: Die älteste gemalte Ansicht von Neuruppin von 1694 in der Wuthenower Kirche.

Für einen Besuch spricht eine detaillierte Beschreibung des schon erwähnten „sehr sehenswerten Gemäldes“. Es ist die älteste gemalte Ansicht Neuruppins. Auf dem fast zwei Meter langen Ölgemälde von 1694 ist nicht nur die Stadt, sondern auch der Ruppiner See und die Wuthenower Kirche zu sehen.

Das Bild hängt noch immer in der Kirche

In seinem Wuthenow-Abschnitt von 1865 spricht Fontane nun von einem „seltsamen Bild“, das aus zwei Hälften, „aus einer realistischen und einer allegorischen“ bestehe. Erstere zeigt das „alte Ruppin“, das 1787 niedergebrannt war und „nur in diesem Wuthenower Bilde noch“ fortlebe.

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„Pikanter noch“ sei die allegorische Hälfte, die eine christliche Bildergeschichte erzählt. Das Gemälde, so kommentiert Fontane abschließend, lasse an Naivität „nichts zu wünschen übrig“. Der Interessierte kann sich selbst ein Bild machen. Es hängt noch immer in der Kirche.

Die Autoren: Gabriele Radecke & Robert Rauh

Gabriele Radecke, geboren 1967, studierte Germanistik, Politik- und Rechtswissenschaft und promovierte zu Fontane. Sie ist Trägerin des Preises des Stiftungsrates der Universität Göttingen. Seit 2010 leitet sie die von ihr gegründete Fontane-Arbeitsstelle der dortigen Universität. Seit 2010 ist sie Mitherausgeberin der „Großen Brandenburger Fontane-Ausgabe“ und hat gerade sämtliche Notizbücher Fontanes digital ediert. Die digitalen Notizbücher kann man hier einsehen.

Robert Rauh, geboren 1967 in Berlin, ist Historiker, Lehrer und Seminarleiter. Er arbeitet als Herausgeber von Lehrbüchern und Träger des Deutschen Lehrerpreises. 2017 veröffentlichte er sein Buch „Fontanes Fünf Schlösser“, 2018 „Fontanes Frauen“, in denen er die Werke Fontanes unter die heutige Lupe nimmt. Gerade ist sein neues Buch „Fontanes Ruppiner Land“ erschienen. Weitere Rechercheergebnisse und Ausflugstipps gibt es hier.

Lesen Sie dazu auch aus unserer Reihe „Fontanes vergessene Orte“:

Wulkow – ersatzlos gestrichen

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Von Gabriele Radecke und Robert Rauh

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