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Neuruppin

Gefangene präsentieren zweiten Podcast

Geschichten von drinnen: Gefangene präsentierten in der vollbesetzten Aula der Puschkin-Oberschule ihren Podcast.

Geschichten von drinnen: Gefangene präsentierten in der vollbesetzten Aula der Puschkin-Oberschule ihren Podcast.

Neuruppin.Als er mit seinem Vater den Knast verlässt, sind die Scheiben des Autos beschlagen. Die ganze Nacht hatte der Vater im Auto verbracht, um seinen Sohn am Morgen abholen zu können. „Das war die coolste Aktion von ihm“, erzählt sein Sohn Jahre später mit tränenerstickter Stimme in einem Podcast.

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Welche Beziehungen haben Gefangene zu ihren Familien? Wie sieht der Alltag im Knast aus? Das berichten Insassen der JVA Wulkow in ihrer inzwischen zweiten selbst produzierten Internet-Radiosendung. Am Montag stellten die Projektteilnehmer die 35-minütige Sendung Neunt- und Zehntklässlern der Neuruppiner Puschkin-Oberschule vor. Der authentische Bericht aus dem Knast – er soll mit den vielen Vorurteilen über das Leben hinter Gittern aufräumen.

Justizminister würdigt Podcast

Auch Brandenburgs Justizminister Stefan Ludwig war bei der Premiere zu Gast. Der Linken-Politiker hofft, dass der Podcast auch vor den Folgen eines kriminellen Lebens warnt. Wer Straftaten beginge, erhoffe sich mitunter Anerkennung in der Gruppe oder schnelles Geld, so Ludwig vor den Schülern. „Seien Sie solide skeptisch.“

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5.30 Uhr Zählung. 6.15 Uhr Frühstück. Und schon um 16.30 Uhr Abendessen. Die Schüler erfahren in der Sendung zunächst, wie ungeheuer straff der Alltag im Gefängnis geregelt ist. Trotzdem ist das Leben auch monoton. „Ich sitze auch viel rum und warte“, erzählt einer, der mit neun Jahren sein erstes Mofa klaute und mit Unterbrechungen schon zwölf Jahre im Gefängnis saß.

Konflikte im Gefängnisalltag

Fremdbestimmung und Monotonie führen unweigerlich auch zu Konflikten. Unter den Häftlingen. Aber auch mit den Beschäftigten. „Die sehen uns als Feinde“, berichtet eine Mitarbeiterin im Interview. „Aber eigentlich will man die nur unterstützen.“

Die Zeit im Gefängnis soll die Knastinsassen auf die Zeit nach dem Gefängnis vorbereiten. Einige Beschäftigte würden sich wünschen, dass durchaus noch mehr für die Resozialisierung der Gefangenen getan wird. „Es könnte noch mehr Angebote geben“, sagt ein Mitarbeiter.

Zwei Teilnehmer mussten aussteigen

Das Podcast-Projekt soll ein solches Angebot sein. Fünf Gefangene hatten sich zunächst mit Medienpädagogen des Berliner Vereins Metaversa getroffen, einem Verein der sich vor allem mit der Digitalisierung von Bildung beschäftigt. Zwei Gefangenen wurden jedoch von dem Projekt ausgeschlossen, weil sie gegen Anstaltsregeln verstoßen hatten. Dennoch gelang es, eine Sendung mit ganz unterschiedlichen Beiträgen zu produzieren.

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„Dieses Projekt hat mich hochgradig interessiert“, sagt einer der drei übrig gebliebenen Projektteilnehmer. Vor allem der technische Aspekt – das Eintauchen in die digitale Welt – gefiel ihm. „Ich kann gerade mal mein Handy an- und ausstellen“, sagt er. Das Podcast-Projekt ist für ihn auch ein Anschluss an die Welt vor den Gefängnismauern. „Das Erste, was ich mache, wenn ich raus komme, ist eine Whatsapp schreiben.“

Nicht da, als die Tochter sprechen lernte

In der Radiosendung erzählen die Gefangenen überraschend ehrlich von ihrer Sehnsucht nach ihren Kindern, ihren Verlobten, ihre Familien. Gerade mal vier Stunden Besuchszeit sind im Monat erlaubt. Einer hat die ersten Worte seiner kleinen Tochter verpasst. „Man erlebt das alles nicht mit“, sagt er. Täglich ruft er zu Hause an. „Man muss was von zu Hause hören.“

Informationen zum „Ruppich“-Projekt und die ersten beiden Episoden sind unter anderem unter www.facebook.com/team.ruppich oder www.soundcloud.com/user-999766433 zu finden.

Von Frauke Herweg

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