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Neuruppin

„Kein schöner Land“: Ausstellung zeigt Opfer rechter Gewalt

Seit Montag ist die Ausstellung „Kein schöner Land“ des Vereins Opferperspektive in Neuruppin zu sehen.

Seit Montag ist die Ausstellung „Kein schöner Land“ des Vereins Opferperspektive in Neuruppin zu sehen.

Neuruppin. Emil Wendland hätte wohl keine Chance gehabt. Selbst dann nicht, wenn der 50-Jährige an diesem Abend nicht volltrunken gewesen wäre. Die rechten Schläger, die über ihn hergefallen sind, kamen zu dritt und sie waren fest entschlossen.

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Es ist der Abend des 30. Juni 1992, als drei Skinheads „Assis aufklatschen“ wollen. Sie ziehen durch die Altstadt und landen schließlich im Neuruppiner Rosengarten neben dem Alten Gymnasium. Auf einer Parkbank liegt dort Emil Wendland und schläft seinen Rausch aus. Der ehemalige Lehrer ist seit Jahren alkoholkrank und arbeitslos. Für die Neonazis ist er das ideale Opfer.

Emil Wendland wehrt sich nicht. Er reagiert nicht einmal, als ihn die drei ansprechen, ihn misshandeln, auf ihn einschlagen und -treten. Als die Schläger schließlich weiterziehen, lassen sie Emil Wendland mit lebensgefährlichen Verletzungen liegen. Doch das reicht ihnen offenbar nicht. Später kommt einer der Täter., Mirko H., wieder und sticht mit einem Messer auf den schwer Verletzten ein. So lange, bis der tot ist.

Ermittler sehen keine rechte Tat

Gemeinsam ziehen die Skinheads zum Ruppiner See, wo Mirko H. das Blut von seinem Messer wäscht. Dann kommen sie zurück in den Rosengarten, um Spuren zu versuchen.

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Zwei Tage nach der Tat werden die drei festgenommen und die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage. Mirko H. wird zu sieben Jahren Jugendstrafe und Remo B. als Mittäter zu drei Jahren sowie drei Monaten Haft verurteilt.

Polizei und Staatsanwaltschaft gehen von einer abscheulichen Gewalttat aus – einen rechtsextremen Hintergrund sehen sie nicht. Erst mehr als 20 Jahr nach Emil Wendlands Tod ändert sich das.

Ausstellung des Vereins Opferperspektive

Emil Wendland gehört zu Menschen, denen lange die offizielle Anerkennung als Opfer rechter Gewalt verwehrt blieb. Den Opfern widmet sich die Wanderausstellung „Kein schöner Land“ des Vereins Opferperspektive, die in dieser Woche im Neuruppiner Jugendwohnprojekt Mittendrin zu sehen ist.

Das Mittendrin hatte sich sehr dafür eingesetzt, dass der brutale Angriff auf Emil Wendland endlich als das anerkannt wird, was es war: als Tat mit rechtsextremem Hintergrund.

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Die Zahlen, wie viele Opfer rechter Gewalt es im Land Brandenburg seit 1990 gab, gehen weit auseinander. Nach anhaltender Kritik musste die Landesregierung ihre Angaben vor wenigen Jahren nach oben korrigieren. Forscher des Moses-Mendelssohn-Zentrums an der Universität Potsdam haben umstrittene Tötungsdelikte im Nachhinein untersucht und neu bewertet.

Viele Fälle wurden neu bewertet

Sie kamen zu dem Schluss, dass bei weit mehr Taten von wirklich rechter Gewalt zu sprechen ist. Auch der Tod von Emil Wendland wird vom Innenministerium in Potsdam inzwischen offiziell als eine Tat rechtsextremer Gesinnung eingestuft.

Offiziell gab es bisher 22 Opfer rechter Gewalt im Land Brandenburg – mehr als in jedem anderen Bundesland, heißt es vom Verein Opferperspektive. Bei 22 Todesfällen erkennt das Land inzwischen eine politisch motivierte Tat an.

Neben dem Überfall auf Emil Wendland gehört dazu auch der Angriff auf Kajrat Batesov in Wittstock im Mai 2002. Er und ein Freund wurden nach einem Discobesuch überfallen und zusammengeschlagen, bis einer der Täter einen 17 Kilo schweren Stein auf Batesov warf.

Oft bleibt das Motiv unklar

Die Ausstellungsmacher gehen davon aus, dass es noch weitere Todesopfer gab, bei denen die Täter wahrscheinlich von rechten Motiven getrieben wurden. Etwa im Fall von Klaus Dieter Harms, der im August 2001 in Wittenberge ums Leben kam.

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Seit 2012 erinnern die Jugendlichen vom Verein Mittendrin in Neuruppin an den Mord an Emil Wendland. „Anfangs gab es noch einige Leute, die uns etwas dazu erzählen wollten“, erinnert sich Sozialarbeiter Felix Brüssow. Nicht nur die Tat war umstritten, auch das Opfer Emil Wendland wurde ganz verschieden gesehen.

Der Verein Mittendrin hat dafür gesorgt, dass im Rosengarten eine Gedenkstele aufgestellt wurde. Jedes Jahr erinnern Jugendliche am Todestag Emil Wendlands an den Mord. Das Interesse daran hat nach und nach abgenommen. Das hält die jungen Leute nicht davon ab, sich weiter zu engagieren. „Für uns gehört das zum Selbstverständnis“, sagt Felix Brüssow. Die Opfer dürfen nicht vergessen werden.

Die Ausstellung „Kein schöner Land“ ist noch bis Freitag in den Räumen des Mittendrin im alten Bahnhof von Neuruppin in der Bahnhofstraße zu sehen. Geöffnet ist sie jeweils ab 10 Uhr am Dienstag bis 18 Uhr, am Mittwoch bis 18 Uhr und am Donnerstag bis 22 Uhr.

Von Reyk Grunow

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