Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

 

Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Josephinen-Wohnanlage

Der Kampf ums letzte Zuhause: Senioren werden zu Möglichkeiten beraten

Kämpfen um ihr Bleibe: Eberhard Wolff, Ruth Reisenweber, Eleonore Paul, Gudrun Kühnel, Renate Jackman.

Kämpfen um ihr Bleibe: Eberhard Wolff, Ruth Reisenweber, Eleonore Paul, Gudrun Kühnel, Renate Jackman.

Potsdam.„Eine Mieterin ist erst vor sechs Wochen eingezogen – und vor zwei Wochen hat sie dann die Kündigung bekommen. Da ist schon Einiges seltsam“, sagt Rainer Radloff, Vorsitzender des Mietervereins Potsdam und Umgebung vom Deutschen Mieterbund. Gemeinsam mit der Verbraucherzentrale bot sein Verein gestern das erste Mal Vor-Ort-Beratung für die rund 120 Senioren in der Josephinen-Wohnanlage in der Potsdamer Innenstadt an, denen geschlossen die Mietverträge gekündigt wurden. Zehn von ihnen konnten am ersten Tag das Angebot wahrnehmen, weitere zehn haben einen der Termine am kommenden Samstag gebucht.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Das Beratungsmobil der Verbraucherzentrale und der Mieterverein waren am Sonntag zu Gast vor der Josephinen-Wohnanlage

Das Beratungsmobil der Verbraucherzentrale und der Mieterverein waren am Sonntag zu Gast vor der Josephinen-Wohnanlage

Wer an diesem Sonntagnachmittag den Weg vor das Hochhaus sucht, ist oft kampfbereit. „Ich habe mit vielem gerechnet, aber damit nicht“, sagt Eleonore Paul (88). „Das ist so eine Unverschämtheit. Alte Menschen auf die Straße setzen – und das im Winter!“ Sie muss sich selbst eine neue Bleibe suchen, ihre Kinder sind nicht in der Nähe. Bis Michendorf kommt für sie in Frage. „Fünf Jahre Wartezeit“, sagt sie bitter. Wird sie Widerspruch gegen die Kündigung einlegen? „Aber ja, natürlich!“ ruft sie.

Unter der Brücke ist ausgebucht

„Es geht ja gar nicht anders“, ergänzt Gudrun Kühnel, mit 80 Jahren das Küken in der Runde. Sie hat ihre Eigentumswohnung verkauft, um hier einzuziehen. Mit ihrem Hab und Gut wollte hier niemand wer weg. Es sollte für alle das letzte Zuhause werden. Ruth Reisenweber (95) stützt sich am Rollator ab: „Ich habe eine starke Familie, aber wir hängen auch in der Luft. Ich stehe hier aber auch für die, die mutterseelenallein sind.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Ruth Reisenweber, Gudrun Kühnel und Eleonore Paul in Diskussion.

Ruth Reisenweber, Gudrun Kühnel und Eleonore Paul in Diskussion.

Eine Bewohnerin wirft ein: „Im Sommer könnte man wenigstens unter der Brücke wohnen.“ Eleonore Paul reagiert mit Galgenhumor: „Da haben wir schon alle Betten reserviert, da kommen Sie zu spät.“ Eine Passantin, selbst mit dem Rollator unterwegs, bleibt stehen. Sie hat eine liebe Bekannte im Haus, sagt sie, und regt sich auf: „Das ist ja das Allerletzte, unerhört, die größte Schweinerei! Das kann doch nicht sein!“ Das Thema bewegt – auch außerhalb der Wohnanlage.

Gudrun Kühnel (80) dichtet zum Rauswurf der Senioren in der Josephinen-Wohnanlage Potsdam

Gudrun Kühnel (80) dichtet zum Rauswurf der Senioren in der Josephinen-Wohnanlage Potsdam

Eine Angehörige möchte vom Mieterverein unter anderem wissen, ob ihr Onkel der Kündigung widersprechen kann und dennoch das Angebot des Vermieters annehmen kann, ihm bei der Suche nach einer neuen Bleibe zu suchen. „Ja“, sagt Radloff, „schreiben Sie sicherheitshalber noch dazu, dass das nicht bedeutet, dass Sie die Kündigung anerkennen.“ Die meisten, die an diesem Nachmittag zu ihm und seinem Kollegen kommen, wollen, dass die Kündigung unwirksam gemacht wird, sagt er. Er rät den Betroffenen zu einem rechtswirksamen Widerspruch.

Mietrechtsexperten vor der Wohnanlage

Die Verbraucherzentrale bot am gestern von 11 bis 16 Uhr zehn Termine mit Mietrechtsexperten für Betroffene im Beratungsmobil vor der Josephinen-Wohnanlage an.

Der nächste Vor-Ort-Termin ist am Samstag, 20. November. Diese Termine seien aber auch schon vergeben, so Rainer Radloff vom Mieterverein.

Unter der Woche wird aber ebenfalls beraten. Zudem werden weitere Vor-Ort-Termine geplant. Wann diese stattfinden sollen, wird Anfang dieser Woche beschlossen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Auch wenn der Verein der Meinung sei, dass die Kündigung nicht korrekt sei, räumt er ein, dass es eher unrealistisch sei, dass die Bewohner und Bewohnerinnen dauerhaft bleiben werden können. Zeit würden sie aber gewinnen können. „Rein rechtlich ist es so: Wenn sie jetzt rechtssicher widersprechen, müsste der Vermieter Räumungsklagen einreichen. Dann müsste gerichtlich entschieden werden, ob die Kündigungen rechtswirksam waren. Das kann dauern, vor allem, wenn es über mehrere Instanzen geht.“

Bewohner Eberhard Wolff im Gespräch mit Eleonore Paul.

Bewohner Eberhard Wolff im Gespräch mit Eleonore Paul.

Rückblickend kommt das alles dann aber doch für den einen oder anderen nicht überraschend: „Der Abriss der Terrasse und die Unbrauchbarmachung des Speisesaals war der Anfang“, sagt Eberhard Wolff (91). „Schon 2018 gab es das Gerücht, das Haus sei für eine Bebauung an der Wasserseite im Weg.“ Es müsste einfach zu viel gemacht werden im Haus, sagt Gudrun Kühnel. Sie und ihre Mitbewohnerinnen bringen Beispiele: Der Aufzug sei häufig kaputt, die Heizung in den Zimmern habe zwei Jahre lang nicht funktioniert, den Hausmeister, den sie bezahlen, gebe es seit Monaten nicht.

Neuerdings müssen Besucher ein zweiseitiges Formular ausfüllen, in dem sie auch den Grund des Besuchs und das Verwandtschaftsverhältnis anzugeben haben und selbst Bewohner können das Haus nur mehr verlassen oder betreten, wenn ihnen die Tür von Dritten geöffnet wird – dabei handelt es sich um ein Haus für Betreutes Wohnen, also um Privatwohnungen und nicht um ein Seniorenheim.

Die Stadt pocht daher auch darauf, nicht zuständig zu sein. Dennoch wurde Potsdam auf Druck des Seniorenbeirats nun aktiv. So bemüht man sich um einen Termin beim Vermieter, um über Möglichkeiten wie den Rückkauf des Hauses oder die Aufhebung der Kündigungen zu sprechen.

Unterdessen wissen die Bewohner nicht, wie es weiter geht. „Die Menschen sind fertig“, sagt Kühnel. Eine Bewohnerin kommt mit dem Rollator aus dem Haus und schließt sich der Runde an: „Die sollen mir eine Spritze geben, wenn sie meine Wohnung wollen. Ich bin 90 Jahre alt. Wo soll ich hin?“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Von Konstanze Kobel-Höller

Mehr aus Potsdam

Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.