Potsdam

Kunst in den Thiede-Werkstätten

Metallobjekt von Jörg Plickat, im Hintergrund Arbeiten von Micky Focke (l.) und Christian Hannoschöck.

Metallobjekt von Jörg Plickat, im Hintergrund Arbeiten von Micky Focke (l.) und Christian Hannoschöck.

Babelsberg. Hier wächst ein Bild: Fünf Regenrinnen hat der Künstler Benjamin Kuran in den Raum gehängt. In vier von ihnen treiben zäh und dick Dunkelpetrol, Dunkelrot, Violett und Orange, die sich in der fünften Rinne zu einem Farbstrom vereinen. Am Ende dieser Rinne tropft das Farbgemisch auf eine Leinwand unten am Boden, wird zu einer bunten Pfütze, die langsam in konzentrischen Kreisen wächst.

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Benjamin Kuran mit seinen Regenrinnen

Benjamin Kuran mit seinen Regenrinnen.

Kuran, der gerade sein Atelier aus Wien in den Wedding verlegt, ist einer von sechs Gästen bei der Frühlingsausstellung der Ateliergemeinschaft in den Babelsberger Thiede-Werkstätten, die am Sonnabend eröffnet wird. Gezeigt werden Malerei, Collagen, Illustration, Papier- und Textilkunst, Bildhauerei, Video- und Rauminstallationen.

Mit den Mietern im Haus stellen insgesamt 14 Künstler aus, das sind so viele Beteiligte wie noch nie seit der Eröffnung des Atelier- und Ausstellungshauses Ende 2014 in einem Werkstattgebäude auf dem Gelände des früheren VEB Lokomotivbau „Karl Marx“.

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Micky Focke

Micky Focke.

Nach dem Auszug der Tischlerwerkstatt können die Künstler erstmals vier komplette Hallen bespielen. Das bietet nicht nur Patz für großformatige Arbeiten wie das 14 Meter breite Landschaftsbild des Chinesen Walter Yu, der zur Vernissage am Sonnabend Saxophon spielen wird. Im größten Saal finden selbst die charismatischen Stahlskulpturen von Jörg Plickat ihren Raum.

Der Metallkünstler, auch er als Gast in der Ausstellung, ist den Potsdamern nicht zuletzt bekannt durch seine Skulptur „Ambos Mundos“ auf dem Kunstpfad „Walk of modern Art“ am Ufer der Alten Fahrt.

Christian Hannoschöck

Christian Hannoschöck.

Eine ganze Wand in diesem Saal gehört Micky Focke, die auf unverputztem Mauerwerk Bilder überwiegend aus den vergangenen drei Jahren präsentiert. Silbrig und selbstvergessen erhebt sich ein Mädchen in ihrer jüngsten Arbeit „Große Sphinx“, den vor zehn Jahren gemalten Torso eines Frauenaktes hat sie mit Ketten aus Plastikmüll drapiert.

Im Kontrast zum Halbdunkel der großen Halle stehen die in teils neonbunte Traumsequenzen zerlegten Stadtlandschaften von Christian Hannoschöck an der Stirnwand. Hausfragmente erheben sich schlank in hellgrün, zitronengelb, türkiser Heiterkeit, dazwischen huschen schemenhafte Menschenwesen.

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Marion Börsch

Marion Börsch.

Hannoschöck gehört ebenso wie Jenne Baule-Prinz, Marion Börsch, Mathanja Clemm und Martin Mehlitz zu den Künstlern, die Ende 2014 aus dem Kunsthaus K 17 nach Babelsberg wechselten. Ihr bisheriges Domizil an der Heinrich-Mann-Allee mussten sie für die geplante Erweiterung des Bundespolizeipräsidiums aufgeben.

Mit den bildenden Künstlern kamen 2014 die Musiker. Fast 30 Bands fanden in den Thiede-Werkstätten nach der Räumung der alten Brauerei am Leipziger Dreieck neue Proberäume. Übergangsweise. Nach drei Jahren kündigte der Eigentümer den Musikern und ihre Odyssee ging weiter.

Die Bands sind noch immer auf der Suche

Eröffnet wurden die Thiede-Werkstätten im Herbst 2014 für bildende Künstler und Bands, denn zu der Zeit bestand nach der Schließung mehrerer Adressen gleichermaßen dringender Bedarf an bezahlbaren Ateliers und Proberäumen. 30 Bands probten zeitweise in den Räumen.

Die Bands mussten die Thiede-Werkstätten drei Jahre später auf Dringen des Eigentümers verlassen. Hoffnungen auf neue Probemöglichkeiten etwa im Kunsthaus Rechenzentrum erfüllten sich nicht. Auch andere Adressen wie Jugendkulturzentrum Freiland lassen weiter auf sich warten.

Jüngste Hiobsbotschaft: Nach Angaben von Christian Näthe, Sänger von Hasenscheiße, wurde 20 Nutzern der Werderaner Ketchup-Fabrik zum Mai gekündigt. Unter den Bands sind etliche, die früher in Babelsberg und vorher in der alten Brauerei am Leipziger Dreieck probten.

Martin Mehlitz

Martin Mehlitz.

Die bildende Kunst konnte bleiben. Nach Angaben von Martin Mehlitz laufen die aktuellen Verträge bis 2021. Und mit den zusätzlich verfügbaren Hallen ist ein neuer, bemerkenswerter Ausstellungsort entstanden.

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Der Frühling als Namensgeber der Vernissage findet seine Entsprechung am ehesten bei Marion Börsch, die in einigen ihrer Bilder regelrecht Farbe auf warm bunte Beete rinnen lässt. Die Frauengestalten, Insekten und Rabenvögel von Landeskunstpreisträger Mathias Wunderlich erfüllen ganze Wände mit einer phantastischen Betriebsamkeit.

Mathanja Clemm

Mathanja Clemm.

Und auch Mathanja Clemm lässt Bilder wachsen, wenn auch auf andere Weise als Benjamin Kuran mit seinen Regenrinnen. Einige ihrer Bilder, deren Motive an Einzeller und Amöben erinnern, entwickelten ihre letzte Gestalt erst in den Stunden nach dem Farbauftrag, quasi über Nacht, dank biochemischer Dehnungsprozesse. Der Trick beruht auf einer mit Wasser und Lösungsmittel verlängerten Trocknungszeit.

Die Frühlings-Ausstellung in den Thiede-Werkstätten wird am Sonnabend um 14 Uhr eröffnet. Die Ausstellung läuft bis zum Tag der offenen Ateliers am 5. Mai, geöffnet Do 10-14 Uhr, Fr 12-16 Uhr, oder nach Vereinbarung unter 0151 229 510 37.

Von Volker Oelschläger

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