MAZ-Weihnachtsaktion „Sterntaler“

Altersarmut in Potsdam: Wenn die Rente nicht für die Fahrkarte reicht

Karin Hofmann (65) wünscht sich mehr Fahrkarten, um in der Stadt mobiler zu sein. MAZ-Sterntaler will dabei helfen.

Karin Hofmann (65) wünscht sich mehr Fahrkarten, um in der Stadt mobiler zu sein. MAZ-Sterntaler will dabei helfen.

Potsdam. Am Sonnabend beim Einkauf hat Karin Hofmann die Paprikaschote wieder zurück in die Auslage gelegt. „Zu teuer“, sagt sie knapp. Der Einkauf am Wochenende habe sie früher zwölf oder 14 Euro gekostet, sagt die 65-Jährige. „Heute sind es mindestens 25, obwohl ich nichts anderes kaufe.“ Karin Hofmann aus der Potsdamer Innenstadt gehört zu den Frauen, die mitten in unserer Gesellschaft in Altersarmut leben.

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Sie habe lange überlegt, ob sie die MAZ und ihre Weihnachtsaktion Sterntaler wirklich um Hilfe bitten solle. „Anderen geht es ja noch schlechter, aber es reicht hinten und vorne nicht mehr“, sagt die zierliche Frau. Das Gespräch ist ihr unangenehm, immer wieder ringt Karin Hofmann um Worte, wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Um sie zu schützen, wurde ihr Name in diesem Text verändert.

Karin Hofmann (65) hat sich mit der MAZ getroffen. Erkannt werden möchte sie nicht, zu groß ist die Scham.

Karin Hofmann (65) hat sich mit der MAZ getroffen. Erkannt werden möchte sie nicht, zu groß ist die Scham.

Altersarmut trifft Frauen

Armut ist in Deutschland ein relativer Begriff. Wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat, gilt als armutsgefährdet – bei den Frauen über 65 Jahren ist das knapp jede fünfte. Der unterschiedliche Verdienst im Arbeitsleben, oft mehrere Jahre zu Hause mit den Kindern, Trennungen, Krankheit: All diese Risiken sorgen für ein leeres Portemonnaie im Ruhestand. Bei Karin Hofmann treffen alle Faktoren aufeinander.

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Vor der Wende hat sie in einem Kuhstall im ländlichen Brandenburg gearbeitet. Schön war das, erinnert sich die Rentnerin, „mit den Tieren, das habe ich immer gern gemacht“. Die Mauer fiel, die DDR gab es nicht mehr, den Kuhstall auch nicht. „Da ist in mir alles krachen gegangen.“ Zu Hause mit dem Ehemann und zwei Kindern im Teenageralter ging es Karin Hofmann schlecht. Sie hat als Kind Gewalt und Missbrauch erfahren, hat tiefe Narben an ihrer Seele davongetragen. Die Zeit nach der Wende nutzte sie, um die Traumata anzugehen, endlich eine Therapie zu machen. „Mein Mann wollte das nicht, ich sollte mit der Therapie aufhören. Auch das Lesen hat er verboten. Er hat alles kontrolliert, sogar beim Telefonieren saß er neben mir und hat zugehört.“

Mit der Sterntaler-Weihnachtsaktion sammelt die MAZ Spenden für Familien und Alleinerziehende, für Ältere und Kranke, für Geflüchtete – kurzum für Menschen aus Potsdam und dem Umland, die es schwer haben und denen wir eine Freude zu Weihnachten machen wollen.

Die ersten Spenden sind eingetroffen! Wir bedanken uns bei: Birgit Kroll 10 Euro, Christoph Elias Ehmendörfer 20 Euro, Monika Stimming 25 Euro, Gunter Seipel 30 Euro, Jorg Radeck 50 Euro, Andreas und Hannelore Flamig 50 Euro, Dr. Uta Scharfe 100 Euro, Dr. Wolf-Dieter Lerch 100 Euro, Alexander Uhl 100 Euro, Erika Hänel 100 Euro, Matthias Deller 100 Euro, Deurovision AG 5000 Euro, Dr. Karin Jordan 100 Euro, Holger und Sylvia Michaelis 50 Euro. Außerdem sagen wir fünf Spendern danke, die gern anonym bleiben möchten. Sie haben 20 Euro, 25 Euro, 250 Euro und gleich zweimal 500 Euro gespendet.

Das Spendenkonto wird von der Hoffbauer-Stiftung treuhänderisch verwaltet, die Spenden verteilt die MAZ. Bitte geben Sie als Verwendungszweck an: MAZ-Sterntaler.

Die Bankverbindung:Bank für Kirche und Diakonie eG – KD-Bank, IBAN: DE74 3506 0190 0000 0056 57, BIC: GENODED1DKD.

Spendenbescheinigungenwerden Anfang 2023 für Beträge über 300 Euro durch die Stiftung ausgestellt. Die MAZ verweist in den Aufrufen zur Spende darauf, dass Spendenbescheinigungen nur ausgestellt werden können, wenn im Verwendungszweck der Überweisung der Vorname, der Name (bzw. Firma) und die vollständige postalische Adresse der Spender angegeben werden. Die Stiftung stellt keine Nachforschungen an, wenn diese Angaben fehlen.

Die Spendernamen werden veröffentlicht. Wer dies nicht möchte, weist bitte im Verwendungszweck darauf hin. Zudem bieten wir die Möglichkeit der Barspende. Die Spendendosen finden Sie im MAZ Media Store in der Friedrich-Ebert-Straße 85/86, bei Gudes in der Gutenbergstraße 16 und am Glögg-Stand auf dem Weihnachtsmarkt vor Butter Lindner.

7130 Euro sind schon auf dem Konto eingegangen. Schaffen wir es, bis zum Wochenende die 10.000-Euro-Marke zu knacken? Jeder Cent zählt – bitte, spenden auch Sie.

Frauenhaus als sicherer Hafen

Karin Hofmann musste raus. „Mein großes Glück war das Frauenhaus“, sagt sie heute, 30 Jahre später. Mit zwölf Mark in der Tasche ist sie damals gegangen. „Im Frauenhaus habe ich einen Schutzraum gefunden, es war meine einzige Möglichkeit.“ Karin Hofmann blieb ein halbes Jahr, fand eine Wohnung, schulte zur Altenpflegerin um. „Ich konnte mein Glück nicht fassen“, erinnert sie sich. Doch die Krankheiten holen sie ein, mit Ende 30 ist Karin Hofmann eine Invalidin. Sie erhält über viele Jahre eine kleine EU-Rente, heute eine noch kleinere Altersrente.

Sie wisse nicht, wo sie noch sparen solle, sagt die Potsdamerin. „Es geht mir nicht um Luxus und Kaviar, sondern um ein Stück Butter.“ Die Heizung in der kleinen Genossenschafts-Wohnung in der Innenstadt ist maximal eine halbe Stunde am Tag eingeschaltet, ein paar Scheiben Wurst kauft sich Karin Hofmann immer nur dienstags. „Da ist die nämlich um 20 Prozent reduziert“, weiß sie. Sie kennt jeden Preis bis auf den Cent genau. Als die Waschmaschine vor zwei Jahren den Geist aufgab, lieh sich Karin Hofmann bei Freunden Geld, stotterte die Schulden in Raten zu 30 Euro im Monat ab. Die Brille ist von einem lokalen Optiker, auch er bietet der Seniorin Ratenzahlung an. „Zum Geburtstag habe ich von einer Freundin etwas Geld geschenkt bekommen, damit konnte ich endlich die letzte Rate zahlen“, sagt sie. Der warme Pullover ist von einem kleinen Einzelhändler in der Stadt, er wird monatlich mit fünf Euro abgezahlt. Die Krimis, die sie so gern liest, sucht sie sich aus den Tauschschränken.

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9-Euro-Ticket war großes Glück

Ausflüge in der Freizeit kommen für sie nicht in Frage. „Ich leiste mir jeden Monat eine Vier-Fahrten-Karte für die Straßenbahn. Da muss ich schon genau überlegen, wie ich die nutze. Mal für einen Spaziergang in den Volkspark fahren, das ist nicht drin“, sagt Karin Hofmann. Das Neun-Euro-Ticket habe sie genossen. „Endlich musste ich mal nicht darüber nachdenken, ob ich mir eine Fahrt durch die Stadt jetzt leisten kann.“ Das 49-Euro-Ticket dagegen, das irgendwann im Frühjahr kommen soll, nützt ihr gar nichts: „Das ist einfach zu teuer für mich. Es ist eine Grenze erreicht.“

Heiderose Gerber, geschäftsführende Vorstandsfrau im Autonomen Frauenzentrum Potsdam, das auch das Frauenhaus betreibt, kennt Karin Hofmann seit ihrer Flucht Anfang der 1990er-Jahre. Sie hat der MAZ vorgeschlagen, die Rentnerin mit der Aktion Sterntaler zu unterstützen. "Frau Hofmann macht sehr bewusst das beste aus dem wenigen, was sie hat", sagt Heiderose Gerber. "Im Frauenzentrum ist sie ehrenamtlich engagiert und prüft jede Ausgabe und alle Belege, auch da geht sie extrem bewusst mit Geldern und Ausgaben um und hinterfragt alles, das ist ein großer Gewinn für uns."

Das größte Problem für Karin Hofmann sei die eingeschränkte Mobilität. „Sie ist auf einen Gehstock angewiesen und kann weder weite Strecken laufen noch einfach aufs Fahrrad umsteigen“, sagt Heiderose Gerber. „Wenn sie durch Sterntaler die Möglichkeit hat, häufiger mit Bus und Bahn zu fahren, erfüllt sich auf jeden Fall ein Herzenswunsch.“

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