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Mordprozess in Potsdam

Pflegerin im Oberlin-Prozess zu 15 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt: „Sie ist erschüttert“

Die Angeklagte wurde zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren verurteilt – ihr Verteidiger sagt, sie sei erschüttert.

Die Angeklagte wurde zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren verurteilt – ihr Verteidiger sagt, sie sei erschüttert.

Potsdam. Das Landgericht Potsdam hat die ehemalige Pflegerin des Oberlinhauses, die am Abend des 28. April 2021 vier wehrlose Menschen mit Behinderungen mit einem Messer getötet und eine weitere Bewohnerin lebensgefährlich verletzt hat, des vierfachen Mordes und versuchten Mordes in drei Fällen schuldig gesprochen und zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren verurteilt. Darüber hinaus ordnete das Gericht an, die 52-jährige Potsdamerin in einer psychiatrischen Fachklinik unterbringen zu lassen. Die Frau leidet laut Sachverständigengutachten unter einer schweren Persönlichkeitsstörung.

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Die Angeklagte hätte wegen ihres psychischen Zustandes dringend ärztlicher Hilfe bedurft, sagte der Vorsitzende Richter Theodor Horstkötter in der Urteilsbegründung - auch an dem Tattag. Wäre die 52-Jährige an diesem Tag - wie es richtig gewesen wäre - zum Arzt gegangen, könnten die Opfer noch leben und wären nicht "auf so grausame Weise ums Leben gekommen", so Horstkötter in seiner Urteilsbegründung.

Ein Berufsverbot wurden hingegen nicht ausgesprochen. Das Gericht hält diese Maßregel für entbehrlich - unter anderem, weil die Angeklagte jetzt für längere Zeit in Unfreiheit leben wird, leben muss.

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Angeklagte ist vom Urteil erschüttert

Verteidiger Henry Timm sagte der MAZ nach der Urteilsverkündung: „Meine Mandantin ist erschüttert, dass sie zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde. Da fehlt – wahrscheinlich auch wegen der Medikation – ein bisschen der Blick für die Realität.“ Und weiter: „15 Jahre – damit muss sie sich erstmal auseinandersetzen. Ich habe es ihr noch einmal mit kurzen, knappen Worten erläutert.“

Verteidigung plädierte auf Schuldunfähigkeit

Die Staatsanwaltschaft hatte eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren, die Unterbringung und ein lebenslanges Berufsverbot gefordert. Die Verteidigung plädierte hingegen auf vollkommene Schuldunfähigkeit, hatte aber dennoch kein Strafmaß benannt. Normalerweise folgt auf Schuldunfähigkeit ein Freispruch – doch der Anwalt der Angeklagten scheute sich offenbar, so deutlich zu werden: Zu groß waren das Entsetzen, die Trauer und die Wut, die die Bluttat im Thusnelda-von-Saldern-Haus in Babelsberg weit über die Potsdamer Stadtgrenzen hinaus ausgelöst hatte.

Die Prozesstage im Überblick

Vor dem Landgericht Potsdam der Pflegerin Ines R. (52) der Prozess gemacht. Ihr wird vorgeworfen, am 28. April 2021 vier schwerst behinderte Menschen getötet und eine weitere Person schwer verletz zu haben

1. Verhandlungstag: Das sagt die Angeklagte über ihr Leben

2. Verhandlungstag: Beschuldigte hatte düstere Vorahnungen

3. Verhandlungstag: Wäre die Bluttat zu verhindern gewesen?

4. Verhandlungstag: Aussage einer Psychiaterin

5. Verhandlungstag: Die Mordopfer aus dem Oberlinhaus

6. Verhandlungstag: Ärzte über die Angeklagte kurz nach der Tat

7. Verhandlungstag: „Sie hat ihre Leute abgearbeitet – wie ein Amokschütze“

8. Verhandlungstag: Polizisten berichten vom Tatort

9. Verhandlungstag: Angeklagte Oberlin-Pflegerin über die Bluttat: „Fünf reichen mir“

10. Verhandlungstag: Eine „abgrundtief böse“ Tat

11. Verhandlungstag: Urteil: Mit unbedingtem Tötungswillen

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Prozessbeteiligten können binnen einer Woche Rechtsmittel dagegen einlegen. Verteidiger Henry Timm sieht kaum eine Chance, mit einem Revisionsbegehren erfolgreich zu sein. Gleichwohl habe seine Mandantin den Wunsch, Rechtsmittel gegen das Urteil einzulegen. "Da ist noch viel Gesprächsbedarf", sagte Timm der MAZ. "Aber am Ende ist es die Entscheidung meiner Mandantin."

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Oberlinhaus: „Kein Urteil kann Verbrechen und Verlust abbilden“

Auch das Oberlinhaus äußerte sich bereits zum Urteil. Demnach bleiben für die diakonische Einrichtung die Tat und das grenzenlose Leid, das damit über die Opfer und ihre Angehörigen gebracht wurde, unermesslich: „Kein Urteil kann das Verbrechen und den Verlust auch nur ansatzweise abbilden. Wir wünschen uns dennoch, dass die Angehörigen der getöteten Bewohnerinnen und Bewohner, die Klientinnen und Klienten sowie unsere Mitarbeitenden des Oberlinhaus durch den Urteilspruch jetzt die Ruhe finden, das Verbrechen für sich verarbeiten zu können. Die Trauer wird uns alle noch sehr lange begleiten, die Erinnerung an die Opfer wird das Oberlinhaus auf immer bewahren.“

Richter: Impuls auch von hoher Arbeitsbelastung gesetzt

Richter Theodor Horstkötter hatte im Rahmen der Urteilsverkündung das Oberlinhaus direkt angesprochen. Dass ein Mensch, der über Jahre mit Hingabe gepflegt hat, zu solche einer Gewalttat fähig ist, sei nur schwer erklärlich. „Wir sind uns als Schwurgericht der Tatsache bewusst, dass man vermutlich nie bis ins Allerletzte begründen kann, was einen Menschen in solch einem Moment antreibt.“ In diesem Verfahren könne man aber als sichere Wahrheit annehmen, dass die psychische Störung die tiefere Ursache ist, dass die mangelnde Affektsteuerung und Impulskontrolle als Grund für das Handeln der Angeklagten zu sehen sind. „Und dass ein Impuls auch von Ihrer hohen Arbeitsbelastung gesetzt sein könnte.“ Das Verfahren habe gezeigt, „dass das Oberlinhaus aus diesem Geschehen heraus auch seine Schlüsse gezogen hat“ und es nach der Tat zu einer besseren personellen Ausstattung im Pflegebereich gekommen ist.

Von Nadine Fabian

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