MAZ-Weihnachtsaktion „Sterntaler“

MAZ-Sterntaler: Potsdamerin schafft nach Jahren voller Demütigungen, Depressionen und Isolation den Neuanfang

Anke Tuchel (52) hat schwerste Depressionen überwunden und möchte nun anderen Betroffenen zur Seite stehen.

Anke Tuchel (52) hat schwerste Depressionen überwunden und möchte nun anderen Betroffenen zur Seite stehen.

Potsdam. Das Ende sollte nach Sommer und nach Erdbeeren schmecken. Anke Tuchel hatte sich an einem kühlen Juniabend an die Nuthe gesetzt, in einer Hand den zuckersüßen Wodka-Mix, neben sich alle Tabletten, die sie zu Hause gefunden hatte. Anke Tuchel hofft damals, das Bittere ertränken zu können. All die Demütigungen, die sie seit der Kindheit erfahren hatte. All den Schmerz, die Einsamkeit und die Wunden, die ihr das Leben tief in die Seele geschlagen hatte.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Die Krankheit, die sie Tag für Tag, Jahr für Jahr ein wenig mehr auffrisst, ohne dass sie verstehen kann, was da mit ihr passiert. Die Frau, von der sie schon lange nicht mehr glaubt, dass sie auch nur ein einziger Mensch auf der Welt mögen könnte.

Lesen Sie auch

„Ich habe es nicht geschafft an diesem Abend“, sagt Anke Tuchel. „Ich bin nach Hause gegangen und habe mir gesagt: Ich sitze es aus, bis ich sterbe.“ Sechs Jahre lang isoliert sich die Potsdamerin in ihrer Wohnung. Sie sperrt sich weg und die Welt aus. „Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte ich zum Arzt gehen müssen“, sagt sie heute, „aber ich habe keinen Schritt mehr vor die Tür gemacht.“ Sie verprellt die letzten Freunde, stellt die Klingel aus und zieht die Vorhänge zu. Sie liegt im Bett, weint, wartet, starrt ins Leere.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Wenn sie es schafft aufzustehen, versenkt sie sich in die Fantasiewelt eines Online-Rollenspiels, in der sie sich einen alternativen Charakter erschafft: Im Cyberspace ist sie eine Schamanin, sie kann heilen und Blitze schleudern, jagt mit Pfeil und Bogen. In der realen Welt schickt sie den Sohn einkaufen und verbietet ihm, die Tür zu öffnen, wenn es klopft. Schaut sie heute zurück, sagt sie: „Ich war gar nicht mehr da.“

So können Sie spenden!

Liebe Leser, jeder Cent zählt! Bitte spenden Sie. Das geht per Überweisung oder aber direkt an unseren Spendendosen. Diese finden Sie im MAZ-Mediastore in der Friedrich-Ebert-Straße 85/86, bei Gude in der Gutenbergstraße 16, am Glögg-Stand des Lakritz-Kontors auf dem Blauen Lichterglanz an der Ecke Brandenburger-/Jägerstraße sowie im Vip-Raum und im Fanshop des Karl-Liebknecht-Stadions in Babelsberg.

Übrigens: Wir haben noch fünf weitere MAZ-Sterntaler-Spendendosen, die einen schönen Standort suchen. Wenn Sie die Aktion auf diese Weise unterstützen wollen, melden Sie sich gern bei uns per E-Mail mit dem Betreff „Sterntaler“ an Potsdam-Stadt@MAZ-online.de oder aber unter 0331/ 2 84 02 80 telefonisch.

Das Sterntaler-Spendenkonto wird von der Hoffbauer-Stiftung treuhänderisch verwaltet, die Spenden verteilt die MAZ. Bitte geben Sie als Verwendungszweck an: MAZ-Sterntaler. Die Bankverbindung: Bank für Kirche und Diakonie eG – KD-Bank, IBAN: DE74 3506 0190 0000 0056 57, BIC: GENODED1DKD.

Spendenbescheinigungen werden Anfang 2023 für Beträge über 300 Euro durch die Stiftung ausgestellt. Die MAZ verweist in den Aufrufen zur Spende darauf, dass Spendenbescheinigungen nur ausgestellt werden können, wenn im Verwendungszweck der Überweisung der Vorname, der Name (bzw. Firma) und die vollständige postalische Adresse der Spender angegeben werden. Die Stiftung stellt keine Nachforschungen an, wenn diese Angaben fehlen.

Spendernamen werden veröffentlicht. Wer dies nicht möchte, weist bitte im Verwendungszweck darauf hin.

Schon oft war Anke Tuchel dem Tode näher als dem Leben. Das hat zum einen mit einem angeborenen Leiden zu tun, einem Gendefekt, der zu Störungen der Blutgerinnung und damit zu einem erhöhten Thrombose-Risiko führt. Aber Anke Tuchel hat nicht nur drei Embolien überlebt, sondern auch ihre Depressionen.

Dass sie noch da ist, dass es ihr heute, mit 52 Jahren – endlich – so gut geht, dass sie sagen kann, das Leben macht Spaß, hat sie Menschen zu verdanken, die sie im letzten Augenblick aufgefangen haben: einer resoluten Betreuerin, dem Team der Heinrich-Heine-Klinik in Neu Fahrland und dem Gemeindepsychiatrischen Tageszentrum „Mittendrin“ der Ernst-von-Bergmann-Gruppe. Diese drei Instanzen seien das Beste, das ihr passieren konnte, sagt Anke Tuchel. „Sie haben mir das Gefühl gegeben, dass ich ein Mensch bin, der lebt. Sie haben mir gezeigt, dass es gut ist, wie ich bin – das war... Wow!“

Sterntaler-Spenden sollen Ausbildung ermöglichen

Seit sieben Jahren besucht Anke Tuchel die Tagesstätte. „Seitdem ist unglaublich viel passiert“, sagt sie. Das Unglaublichste: Sie hat vor nicht mal einem Monat eine Ex-In-Ausbildung zur Genesungsbegleiterin begonnen. Diese Ausbildung ist für Menschen gedacht, die seelische Krisen durchlebt und überwunden haben, und mit Menschen arbeiten wollen, die selbst gerade betroffen sind.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Anke Tuchel ist Expertin aus Erfahrung – so in etwa lässt sich auch Ex-In (experienced involvement) übersetzen. „Es ist doch so“, sagt sie: „Ärzte und Therapeuten sind wichtig, keine Frage. Aber Ärzte und Therapeuten eignen sich ihr Wissen im Studium an. Ich hingegen habe die Erfahrung, ich habe die Empathie, ich kann Menschen in der Krise dort abholen, wo ich selbst einmal gestanden habe. Und ich weiß, wie gut es tut, auch mal mit jemandem zu reden, der genau weiß, wie es mir gerade geht.“

Jeder Cent zählt! Bitte spenden Sie!

Liebe Leser, Sie überraschen uns jedes Jahr aufs Neue mit Ihrer Großzügigkeit. Der aktuelle Spendenstand auf unserem Sterntaler-Konto beträgt nunmehr 17.725 Euro. Herzlichen Dank! Schaffen wir noch mehr? Knacken wir die 20.000-Euro-Marke?

Heute bedanken wir uns bei folgenden Spenderinnen und Spendern: bei Matthias Grahl für 100 Euro, bei Irina Gunther für 100 Euro, bei Manfred und Ute Domnick für 100 Euro, bei Familie Ohliger für 200 Euro, bei Ralf und Angelika Witzel für 25 Euro, bei Roselore Antol für 100 Euro, bei Erik und Eilin Dittmann für 100 Euro, bei Jürgen und Christine Ahrndt für 50 Euro, bei Karin Wildemann für 50 Euro, bei Irmgard Kläring für 100 Euro, bei Dennis Sagasser für 300 Euro, bei Heike Kühn für 200 Euro, bei Heiderose Winkler für 300 Euro, bei Antje Kuhnert für 100 Euro, bei Hanna Haase für 10 Euro, bei Kathleen Liermann für 100 Euro, bei Gunter Lehmann für 1000 Euro, bei Werner und Beate Adam für 100 Euro, bei Christa Griese für 100 Euro, bei Heinz und Antje Engel für 50 Euro, bei Horst Domsch für 50 Euro, bei der Lodenau Consulting GmbH mit Petra Dudzus für 200 Euro, bei Bernhard Hergt für 50 Euro, bei Regina Ebert für 20 Euro, bei Martina Kuhn für 250 Euro, bei Elisabeth Zedler-Kuhl für 50 Euro und bei Heiko und Kerstin Recht für 50 Euro.

Es haben auch wieder einige Menschen gespendet, die lieber anonym bleiben möchten. Wir bedanken uns auch bei ihnen recht herzlich – und zwar für insgesamt 1255 Euro.

Viele Jahre hat Anke Tuchel nicht gearbeitet. Die Sachbearbeiter der zuständigen Ämter haben sie abgeschrieben. „Aber ich bin sehr wohl arbeitsfähig“, sagt Anke Tuchel. „Sicher schaffe ich keine acht Stunden am Tag mehr, aber ich kann arbeiten.“ Nach der Schule hatte sie eine Maler-Lehre absolviert, wechselte in eine Krankenhausküche und später in eine Gärtnerei. Als der Betrieb Pleite geht, verliert sie den Job und kommt nicht mehr auf die Beine.

Potsdamerin will für Ausbildung geliehenes Geld zurückzahlen

„Mein größter Wunsch ist es, die Ausbildung erfolgreich zu beenden und das, was ich hier in der Tagesstätte erfahren habe, zurückzugeben“, sagt Anke Tuchel. Doch die Ausbildung kostet 2500 Euro – und Anke Tuchel hat kein Geld. Sie kann das Seminar nur besuchen, weil ihr die Bergmann-Gruppe ein Darlehen gewährt hat. Das Geld wird Anke Tuchel zurückzahlen – mit kleinen Handarbeiten, die sie auf Weihnachtsbasaren anbietet, macht sie einen Anfang.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Die MAZ möchte ihr helfen, ein Stück voranzukommen. Die Ex-In-Ausbildung erstreckt sich in monatlichen Blöcken über ein ganzes Jahr. Als Anke Tuchel im November das erste Mal nach Berlin aufgebrochen ist, war die Aufregung riesig. „Es war ganz furchtbar, ganz grauenhaft und wunder-, wunderschön. Es ist toll, so viel zu lernen“, erzählt sie strahlend, und dass ihr die Gespräche mit den anderen Kursteilnehmern einmal mehr gezeigt haben, dass sie nicht unnormal sei – dass sie nur von Kindesbeinen an immer wieder auf unnormale Situationen reagieren musste.

Lesen Sie auch

Schicksalsschläge, Erschütterungen und eine anhaltende Überforderung prägen Anke Tuchels Leben. Sie wächst in einem Potsdamer Vorort als mittlere von drei Schwestern auf. Der Vater sitzt im Stasi-Gefängnis, die Mutter ist streng katholisch und hält ihre Mädchen von Pioniernachmittagen, von FDJ und Jugendweihe fern. Anke Tuchel wird jahrelang von Mitschülern und linientreuen Lehrern gemobbt. Sie ist elf, als der Vater, ihre Bezugsperson, Suizid begeht. Sie ist 13, als sie sich vor einen Lkw werfen will. Die Ehe führt sie nach Magdeburg, sie bringt unter Komplikationen zwei Kinder zur Welt. Glücklich wird sie nicht.

„In meiner Ehe ist einiges schiefgelaufen“, sagt sie, und dass sie sich oft den Sessel ans geöffnete Fenster geschoben und die Nacht hat vorbeiziehen lassen, um nur noch einmal die Sonne aufgehen zu sehen. Wie verzweifelt Anke Tuchel schon als junge Frau mit dem (Über)Leben ringt, ist ihr damals nicht bewusst. Egal, wie hart es sie trifft, sie steht immer wieder auf. „Wir Menschen nehmen einfach nicht an, dass es uns schlecht geht“, sagt Anke Tuchel. „Wir wollen nicht zeigen, dass wir krank sind und es allein nicht mehr schaffen, wir kämpfen so lange, bis wir zusammenbrechen.“

Potsdamerin hat in der Tagesstätte eine Musikgruppe gegründet

Ihre Gitarre hat sie überallhin begleitet. Als sie aus der Ehe flieht, sind es nur die beiden Kinder und die Gitarre, die sie mitnimmt. Als ihre Mutter beerdigt wird, sitzt sie im Friedwald im Gras, spielt das Lieblingslied der Verstorbenen und singt dazu: „Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?“ Auch bei ihren ersten Besuchen in der Tagesstätte zieht sich Anke Tuchel mit einer Gitarre in den Musikraum zurück.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

„Ich war am Anfang immer allein“, sagt sie. „Ich hatte so eine große Angst vor Menschen.“ Wer Anke Tuchel heute erlebt, ihren wachen Blick, ihre eloquente Art, ihren meist schwarzen Humor, kann sich das kaum mehr vorstellen. In der Tagesstätte hat sie eine Musikgruppe gegründet. Sie sagt: „Musik ist unsere Sprache, wenn wir nicht mehr reden können.“ Damals in ihrer Wohnung blieb auch die Gitarre stumm.

Das Leid ist noch immer da. Es gehört zu Anke Tuchels Leben. Aber es erdrückt sie nicht mehr. „Es gibt Tage, da bin ich traurig. Es gibt Tage, da bin ich glücklich. Ich bin alles, so wie alle anderen auch“, sagt sie.

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar: 0800/1 11 01 11 und 0800 /1 11 02 22.

Mehr aus Potsdam

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen