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Gastronomie und Hotels

Große Sorgen in der Potsdamer Tourismus- und Gastro-Branche – wer wird im Frühjahr noch am Markt sein?

Gastronom Christian Gohl vom Restaurant zweihunderteins am Bahnhof Griebnitzsee Foto:Irina Kirilenko

Gastronom Christian Gohl vom Restaurant zweihunderteins am Bahnhof Griebnitzsee Foto:Irina Kirilenko

Potsdam. Der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige der Stadt – doch die Aussichten sind nun trübe. Nachdem im Sommer nach zwei Jahren Corona-Pandemie das Geschäft bei Gastronomen, Hotels und anderen touristischen Unternehmen wieder an Fahrt gewonnen hatte, herrscht nun größte Unsicherheit in der Branche. Das berichteten am Dienstagabend Potsdams Tourismuschef Raimund Jennert, und Olaf Lücke, der Geschäftsführer des Interessenverbands des Brandenburger Gastgewerbes Dehoga, im Wirtschaftsausschuss der Stadt

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30 Prozent Umsatzrückgang in Potsdam – Kunden kaufen und buchen weniger

Nach Befragungen von dutzenden Firmen in den vergangenen Tagen nannte Raimund Jennert, Geschäftsführer der städtischen Potsdam Marketing und Service GmbH, drei Trends, die allesamt negativ zu Buche schlagen. „Es wird durchweg wird von 30 Prozent Umsatzrückgang bei gleichen Kundenzahlen gesprochen. Es gibt eine starke Kaufzurückhaltung“, so Jennert. Es wird weniger geshoppt, gegessen und übernachtet. Seit August sei diese Kaufzurückhaltung spürbar, die Buchungen für den Herbst und auch das Weihnachtsgeschäft seien schlecht.

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Die Besucherzahlen waren im ersten Quartal nach Ausbruch des Ukrainekriegs 40 Prozent unter den Zahlen von 2019, den letzten Statistiken vor den Corona-Einschränkungen. Auch im Sommer lagen sie noch fünf bis sieben Prozent darunter. Mit den steigenden Lebenshaltungskosten sind die Menschen aber „preissensibler“ geworden – „das wird die Reisezahlen beeinträchtigen“, prognostiziert Jenner und erwartet noch weniger Potsdam-Besucher in den kommenden Monaten.

Die Kostenexplosion, der zweite Trend, trifft natürlich auch die Unternehmen selbst. „Die meisten sagen: Das dicke Ende kommt noch“, so Jenner, erst 2023 würde man wissen, wie schlimm es wirklich ist. Preiserhöhungen seien unumgänglich. Je nach Branche wird auf unterschiedliche Art gespart. „Manche verknappen ihr Angebot, öffnen weniger oder schränken ihr Werbebudget ein“, so der Tourismuschef.

Olaf Lücke, Hauptgeschäftsführer der DEHOGA Brandenburg, sagt: “Gegen das, was jetzt in der Branche los ist, war Corona ein Kindergeburtstag.“

Olaf Lücke, Hauptgeschäftsführer der DEHOGA Brandenburg, sagt: “Gegen das, was jetzt in der Branche los ist, war Corona ein Kindergeburtstag.“

Weitere Verschärfung der Personalsituation

Als dritte Erkenntnis der Unternehmensbefragung nennt Jennert eine weitere Verschärfung der Personalsituation. „Wir hatten schon vor der Pandemie einen Fachkräftemangel, jetzt haben wir einen Arbeitskräftemangel“, sagt er. Es gebe höhere Krankenstände, vermehrt eigentlich branchenfremde Mitarbeiter. Die Zahl der Schließtage erhöht sich bereits. „Und es ist Gang und Gäbe, dass die Geschäftsführer im operativen Geschäft mitarbeiten, weil es gar nicht mehr anders geht.“

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Dehoga-Chef Olaf Lücke, der für drastische Schilderungen bekannt ist, fasste die Situation so zusammen: „Die Herausforderung der Corona-Pandemie in den letzten zwei Jahren möchte ich nicht noch einmal erleben. Aber gegen das, was jetzt in der Branche los ist, war Corona ein Kindergeburtstag.“ Die hohen Energiepreise sorgen dafür, dass für Strom und Heizung plötzlich nicht mehr fünf bis acht, sondern mehr als 20 Prozent des Umsatzes beiseite gelegt werden müssen. „Da können sie sich ausrechnen, wie lange es dauert, bis die den Schlüssel umdrehen“, so Lücke über die Gastronomen und Beherbergungsbetriebe. Etwa die Hälfte trage sich mit dem Gedanken, im kommenden Winter zu schließen, „wenn sich bei Energiekosten nichts Substantielles tut.“

Dehoga-Chef fordert „Potsdamer Energiegipfel“

Er erhoffe sich Entscheidungen im Bund, wonach es im Moment aber nicht aussehe. „Auf Landesebene das gleiche Bild. Der Wirtschaftsminister guckt auf den Bund“, sagt Lücke. Er forderte im Ausschuss einen gemeinsamen „Energiegipfel“ von Stadt, Stadtwerken und Vertretern der Branche: „Wir können die Probleme nicht allein in Potsdam lösen, aber es wäre ein Signal an die Unternehmer hier, das man nach Lösungen schaut.“

Zwei Potsdamer Gastronomen bestätigten auf MAZ-Anfrage die von den beiden Branchenvertretern geschilderte Lage – sie wollen aber durchhalten. „Ich werde alles dafür zu tun, meine Läden nicht zu schließen. Ich möchte meinen Mitarbeitern ein gutes Gefühl geben und sie durch diese Krise bringen“, sagt René Dost, der allein 18 gastronomische Einheiten mit Tagesgeschäft in der Region Potsdam bewirtschaftet. „Ich mache es mir nicht einfach und schließe, denn dann habe ich nächstes Jahr keine Mitarbeiter mehr“, sagt er.

Gastronom Christian Gohl vom Restaurant „Zweihunderteins“ am Bahnhof Griebnitzsee

Gastronom Christian Gohl vom Restaurant „Zweihunderteins“ am Bahnhof Griebnitzsee

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Christoph Gohl ist Inhaber des Restaurants „Zweihunderteins“ im Bahnhof Griebnitzsee. Er ist erst 2020 – während der Pandemie – dort in das Geschäft eingestiegen. Auch er will nicht resignieren: „Wir kämpfen. Ob es am Ende reicht, kann ich nicht sagen“, sagte er am Mittwoch der MAZ. Irgendwann in den kommenden Wochen müsse er sich aber die Karten legen, ob es sich noch lohne und er zumindest kostendeckend über den Winter kommt.

„Wir versuchen am Markt zu bleiben. Einfach zuzumachen, wäre aufzugeben, ohne es versucht zu haben – das werde ich nicht tun. Ich bin aber realistisch und weiß nicht, ob es mich nächstes Frühjahr noch gibt.“ Sein akutes Problem sind nicht nur die ungewissen Energiekosten, sondern die Kurzfristigkeit der Kunden. „Die Leute warten ab. Ich habe für Weihnachten noch gar keine einzige Anfrage bekommen.“

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