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Solarenergie

Es scheitert am „falschen“ Stecker: Potsdamer darf Solaranlage nicht anschließen

Frank Heisucks private Solaranlage ist einsatzbereit. Doch mit dem handelsüblichen Schukostecker darf er sie nicht anschließen – sagt die Netzgesellschaft Potsdam.

Frank Heisucks private Solaranlage ist einsatzbereit. Doch mit dem handelsüblichen Schukostecker darf er sie nicht anschließen – sagt die Netzgesellschaft Potsdam.

Potsdam. Die Solarzellen glitzern in der Sonne, doch das Kabel läuft ins Leere – es darf nicht an die Steckdose angeschlossen werden. "Da kriegt man das ganze Drama ums Energiesparen mit und dann werden einem solche Hürden aufgestellt", ärgert sich Frank Heisuck. Der Ingenieur aus dem Kirchsteigfeld hat sich eine Mini-Solaranlage angeschafft, sie hängt schon an der Balustrade seines kleinen Balkons – bereit, die Kraft der Sonne in Strom umzuwandeln. Doch der 47-Jährige darf die Solaranlage nicht nutzen.

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Grundsätzlich dürfen Bürger Anlagen mit bis zu 600 Watt Spitzenleistung ohne Genehmigungsverfahren anschließen, müssen diese aber beim Netzbetreiber anmelden. In Heisucks Fall ist das die Netzgesellschaft Potsdam (NGP), ein Tochterunternehmen der Energie und Wasser Potsdam GmbH (EWP). Doch die verweigert ihm die Inbetriebnahme seiner Mini-Solaranlage, weil er – so heißt es im Schreiben der NGP – die „geforderten technischen Bedingungen“ nicht erfülle.

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Gefordert ist der „Wieland-Stecker“

Das Problem: Heisuck möchte sein „Balkonkraftwerk“ an eine Schukosteckdose anschließen – die üblichen Steckdosen, die an jeder Wand zu finden sind. Die NGP fordert jedoch im Antragsformular für Mini-Solaranlagen den Anschluss über eine „spezielle Energiesteckvorrichtung nach DIN VDE V 0628-1“ – sprich einen sogenannten „Wieland-Stecker“, eine besondere Steckdose mit einem höheren Sicherheitsstandard.

Einbauen muss die Spezialsteckdose zwingend ein Elektroniker. Heisucks Anlage hat eine Spitzenleistung von 300 Watt, sein Küchenmixer kommt auf 450 Watt. „Zum Glück muss ich den nicht anmelden, sonst würde man mir bestimmt den Betrieb untersagen.“ Heisuck übt sich in Galgenhumor. „Aber im Ernst: Kann man es sich in der jetzigen Situation wirklich leisten, einem dann solche Steine in den Weg zu legen?“

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Heisuck könnte 10 Prozent im Jahr sparen

Energie sparen ist das Gebot der Stunde – Politiker und Offizielle fordern die Bürger immer deutlicher dazu auf, ihren Strom- und Gasverbrauch zu reduzieren. Der Ausbau Erneuerbarer Energien gilt als wichtiger Beitrag im Kampf gegen die Energie- und Klimakrise. Auch deswegen bestellte sich Heisuck Anfang Februar eine Mini-Solaranlage der Firma „priwatt“. Kostenpunkt: rund 600 Euro.

„Ich wollte ohne großen Aufwand meinen Energiebedarf reduzieren. Nach meinen Berechnungen könnte ich bis zu zehn Prozent meines Jahresverbrauchs einsparen“, so Heisuck. Auf der Internetseite des Herstellers heißt es zur Frage, ob man die Mini-Solaranlagen einfach so an seine Steckdose anschließen dürfe: „Ja, du kannst mit einem Schukostecker in deine vorhandene Steckdose einspeisen.“ Die Anmeldung der Anlage übernehme der Hersteller. Heisuck war überzeugt und schlug zu.

Der Hersteller „priwatt“ liefert die Anlage mit dem konventionellen Schukostecker.

Der Hersteller „priwatt“ liefert die Anlage mit dem konventionellen Schukostecker.

Womit er nicht rechnete: Die NGP hält wenig von der Einspeisung per Schukostecker, pochte in zwei Schreiben auf den Einbau eines „Wieland-Steckers“. Heisuck versuchte, den Netzbetreiber telefonisch und schriftlich umzustimmen – vergeblich. Daraufhin wandte er sich an die MAZ, um die Öffentlichkeit auf das Problem aufmerksam zu machen. „Mit diesen Auflagen ergeben die Anlagen wirtschaftlich wenig Sinn, selbst wenn man einen Termin bei einem Elektroniker bekommen sollte. Ich möchte in Erneuerbare Energien investieren, aber das wird mir fast unmöglich gemacht“, sagt Heisuck.

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Präzedenzfall befürchtet

Die Recherche zum Thema zeigt: Die rechtliche Lage ist kompliziert, etliche Normen und Gesetze betreffen das Thema und widersprechen sich teilweise. „Es ist eine rechtliche Grauzone. Formal ist die NGP im Recht, der Kunde muss sich beugen. Keine Netzgesellschaft möchte den Anschluss über die Schukosteckdose erlauben, um keinen Präzedenzfall zu schaffen. Das wird aber langsam alles juristisch ausgearbeitet“, so Jahn. Tatsächlich ist der Anschluss der Mini-Solaranlage über die normale Steckdose in Ländern wie den Niederlanden, Österreich und der Schweiz bereits Standard.

Kritik an den Netzbetreibern wegen verweigerter Genehmigungen für kleine Solaranlagen üben die Verbraucherzentralen: „Es ist widersprüchlich, die Bürger aufzufordern, die Energiewende mit voranzutreiben und Energie zu sparen und ihnen das Leben dann unnötig schwer zu machen. Eine Schukosteckdose reicht vollkommen aus“, sagt Joshua Jahn, Projektleiter Energieberatung bei der Verbraucherzentrale Brandenburg. „Wir haben häufig Beschwerden von Menschen, die für den Einbau des geforderten Wieland-Steckers keinen Termin bei einem Elektroniker bekommen, außerdem entstehen natürlich weitere Kosten“, erklärt Jahn.

Die NGP ist mit ihrer Position jedoch nicht allein, sondern vertritt – wie alle Netzgesellschaften in Deutschland – die Meinung des Verbands der Elektrotechnik, Elektronik Informationstechnik e.V. (VDE). Dieser fürchtet beim Anschluss an eine Schukosteckdose Gefahren: Theoretisch könnten Bürger freiliegende Pins berühren und einen elektrischen Schlag erleiden. Kabel könnten sich erhitzen und dadurch ungesunde Gase ausdünsten oder sich sogar entzünden.

Viele verdienen an den Hürden

Vertreter der Eigenenergie-Szene wie die Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie e.V. (DGS) zweifeln an diesen Argumenten. Der in den Anlagen integrierte Netz- und Anlagenschutz verhindere Stromschläge und eine umfangreiche Studie komme zu dem Schluss, dass sich die Kabel nicht gefährlich erwärmen.  Zudem wirft die DGS den Netzbetreibern und dem Elektrohandwerk vor, aus wirtschaftlichen Gründen nicht an dezentralen Energieerzeugungsanlagen wie den „Balkonkraftwerken“ interessiert zu sein. Immerhin verdienten die Netzbetreiber am Transport von Energie durch ihre Netze und das Elektrohandwerk profitiere von Aufträgen für die „Wieland-Stecker“.

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Frank Heisuck jedenfalls hofft auf ein Umdenken bei den Netzbetreibern: „Man soll unbedingt Energie einsparen, Kohle- und Kernkraftwerke werden wieder hochgefahren, aber die Rahmenbedingungen der Netzbetreiber für „Balkonkraftwerke“ werden nicht hinterfragt. Da fehlen die politischen Ansätze.“ Vorerst jedoch bleibt Heisucks Mini-Solaranlage teure Deko.

Von Søren Maas

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