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Wiederherstellung

Stadtkanal Potsdam: Die Geschichten vom Gestank

Willo Göpel vom Bauverein Potsdamer Stadtkanal 1722 wohnt in der Kellertorwache direkt neben der Einfahrt in den Potsdamer Stadtkanal.

Willo Göpel vom Bauverein Potsdamer Stadtkanal 1722 wohnt in der Kellertorwache direkt neben der Einfahrt in den Potsdamer Stadtkanal.

Innenstadt. An einen neuen "Sehnsuchtsort" denkt Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) bei seiner Vision einer Wiederherstellung des Stadtkanals. Vielen alten Potsdamern fällt in der Diskussion um Schuberts Vorstoß zuerst etwas anderes ein: üble Gerüche. Schon 1809 wurden erste Beschwerden von Anwohnern über die Ausdünstungen des Kanals aktenkundig. Nun fürchten Kritiker des Projekts neben den finanziellen und baulichen Folgen die Probleme der alten Zeiten: Auch der neue Kanal könnte stinken.

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„Hier stinkt nichts“, sagt Willo Göpel

"Es ist richtig, dass viele Potsdamer in den 1950er und 1960er Jahren einen stinkenden Kanal erlebt haben. Damals flossen auch noch alle Toilettenabwässer in das Gewässer hinein", sagt Willo Göpel. Der Vorsitzende des Bauvereins Potsdamer Stadtkanal 1722 wohnt direkt an der Einfahrt des Stadtkanals am sogenannten Kellertor. Hier ist das alte Bett bereits geflutet. "Bei mir kann man besichtigen, dass der Kanal selbst im Hochsommer völlig unproblematisch ist", sagt Göpel. "Hier stinkt nichts."

Dank der vom Kanal getrennten Kanalisation soll die Luft sauber bleiben

Grund dafür ist der „Sprudler“ am Ende des kurzen wiederhergestellten Kanalstücks. Dort wird das Wasser permanent verwirbelt, damit es nicht steht und faulig wird. Für ihn ist klar, dass ein wiederhergestellter Kanal angesichts der davon getrennten Kanalisation nicht mehr riechen würde. Man müsse an einigen Stellen, insbesondere am Kanalknick an der Dortustraße, solche Sprudler einbauen, die dem Wasser immer wieder einen Schubs geben, sagt Göpel.

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Die Havel fließt heute langsamer als früher

Erschwerend hinzu kommt allerdings, dass die Fließgeschwindigkeit der Havel heute deutlich geringer als früher ist. „Früher hatte die Havel ein Tempo von vier Kilometer pro Stunde, mittlerweile fließt sie an der Langen Brücke nur noch mit einem. Das ist nicht viel“, sagt Göpel selbst. Grund für die langsame Havel ist wiederum die langsame Spree, deren Wasser seit Jahren vorrangig genutzt wird, um alte Tagebaulöcher in Seen zu verwandeln.

Göpel hofft darauf, dass in zehn Jahren die Flutung der Tagebaue in Südbrandenburg beendet ist und die Spree die Havel wieder auf das Vierfache beschleunigt.

Seit dem 19. Jahrhundert wurde immer wieder Schlamm ausgebaggert

Ob das allerdings ausreicht, um eine regelmäßige Verschlammung des Kanals zu verhindern, ist trotzdem fraglich. Verschiedene Quellen im Potsdamer Stadtarchiv zeichnen ein düsteres Bild auch zu Zeiten der ungebremsten Havel. So musste „im Jahre 1875 das Kanalbett nach erfolgter Trockenlegung gründlich ausgeräumt“ werden, was in den Folgejahren „an einzelnen besonders verschlammten Stellen durch die Feuerwehr von Hand“ wiederholt wurde.

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Die heutige Hoffbauerstraße mit der Breiten B

Die heutige Hoffbauerstraße mit der Breiten B

Loser Schlamm war „anderthalb Meter tief“ im Kanalbett, am Knick der heutigen Dortustraße sogar „noch mächtiger“, schreibt die Potsdamer Tageszeitung im Sommer 1904.

1904 schreibt die Zeitung, dass Anwohner den Ausbruch einer Epidemie befürchten

„Unser Stadtkanal riecht von Tag zu Tag mehr, sodaß die Vorübergehenden sich die Nasen zuhalten müssen, um nicht die pestilenzartigen Gerüche einzuatmen und die Anwohner den Ausbruch einer Epidemie befürchten. Verschiedene Sand-, pardon, Schmutzbänke haben sich namentlich unter den Brücken gebildet und die Schwäne, die sich noch in das ekelhafte Wasser hineinwagen, wühlen dasselbe auf und hinterlassen eine schwarze Schlammspur“, heißt es in der Zeitung.

Der Regierungspräsident als Chef der Verwaltung der Märkischen Wasserstraßen schreibt 1906: „Die Erwartung, daß der Stadtkanal nach Durchführung der städtischen Entwässerungsanlage stets reines Wasser und zur Verschönerung des Stadtbildes beitragen würde, hat sich nicht erfüllt.“ Neunmal sei der Kanal in den zurückliegenden 60 Jahren ausgebaggert worden.

„Bei jedem Ruderschlag wird schwarzer Bodensatz aufgewühlt“

Ein Leserbriefschreiber aus dem Jahr 1919: „Man müsste vorläufig eigentlich das Bootsfahren durch den Kanal untersagen. Bei jedem Ruderschlag wird schwarzer Bodensatz aufgewühlt, der noch lange nachher in nachtdunklen Streifen das Kielwasser trübt. Was da aus tiefstem Kanalgrund aufgewühlt wird, wirkt aber nicht nur ,anschwärzend’, sondern auch echt unsympathisch für alle Personen mit empfindsamen Geruchsnerven.“

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Tote Fische und Fischabfälle von den Marktfrauen schwammen im Kanal

Der Präsident des Rechnungshofs klagt 1926 über „einen unerträglichen Geruch, der sich auch im Dienstgebäude“ häufig bemerkbar macht. Bei einer Gewässerschau wird 1927 „die Verunreinigung des Stadtkanals durch Hineinwerfen von toten Fischen und Fischabfällen“ durch die Fischerfrauen festgestellt.

Ohne Abwässer der Haushalte soll das beim Neubau nicht mehr passieren

Für Willo Göpel ist dagegen klar, dass ohne die Abwässer aus den Haushalten und die Vermüllung mit Abfällen heute eine bessere Wasserqualität im Kanal herrschen würde, selbst wenn die Havel immer wieder Sedimente hinein schwemmt. „Natürlich wird man den Stadtkanal regelmäßig ausbaggern müssen. Aber wir dürfen bei einem so zentralen Vorhaben nicht nur Bedenken haben“, sagt Göpel.

Kleine Chronik des Stadtkanals

Ein Stadtgraben ist ab dem 12. Jahrhundert zur Entwässerung nachgewiesen. 1722 wird der Graben begradigt, vertieft und an den Wänden mit Holz verschalt.

Ab 1756 wird der Kanal zur holländischen Gracht mit Sandsteinbrücken ausgebaut. Im 19. Jahrhundert werden einzelne Brücken durch Eisenkonstruktionen ersetzt.

Seit 1945 war der Kanal durch Kriegsschutt nicht mehr schiffbar. In den 1950er Jahren werden mehrere Brücken instandgesetzt. 1961 wird die erste Brücke abgerissen und die Zuschüttung angeordnet, die sich bis in die Siebziger Jahre hinzieht.

1999 beginnt der Wiederaufbau des Kanals. Zur Bundesgartenschau 2001 wird das erste 130 Meter lange Teilstück des rekonstruierten Stadtkanals zwischen Friedrich-Ebert-Straße und Wilhelm-Staab-Straße eröffnet. Bis 2003 wird es bis zur Dortustraße verlängert. Die Einfahrt des Kanals bis zur früheren Kellertorbrücke wird bis 2009 ebenfalls rekonstruiert.

2005 findet der erste Kanalsprint des Kanuclubs Potsdam in der Yorckstraße statt. 2012 flutet das Localize-Festival das trockene Kanalbett auf 300 Meter mit Kunst und Musik.

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Von Peter Degener

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