Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

 

Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Perleberg

Scott Currys Herz schlägt für die Spätromantik

Liebt es, Klavier zu spielen: Scott Curry, dienstältester Dozent und Pianobegleiter bei der Lotte-Lehmann-Akademie.

Liebt es, Klavier zu spielen: Scott Curry, dienstältester Dozent und Pianobegleiter bei der Lotte-Lehmann-Akademie.

Perleberg.Es war wie in jedem Jahr: Das Gran Finale der Lotte-Lehmann-Akademie rückte junge Sängerinnen und Sänger in den Fokus. In diesem Jahr sogar besonders – alle Akteure waren die ganze Zeit über auf der Bühne.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Etwas im Schatten rechts neben der Bühne schlug das musikalische Herz des Abends: Dort stand der Flügel, an dem Scott Curry alle bei ihren Darbietungen begleitete. Der Mann steht nicht im Mittelpunkt, doch wäre ohne ihn an dem Abend alles nichts. Es wirkt so bündig, wenn er die unterschiedlichen Pianoparts aus Opern von Puccini, Gershwin oder Bizet hintereinander weg spielt, mit einem offensichtlichen Gefühl für die Harmonik des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Musik mit viel Einsatz des Pedals und nachklingenden Tönen.

Repertoire lernen im Schnelldurchgang

Angesichts dessen, wie stark alles aufeinander aufbaute und ineinander griff, mag man kaum glauben, dass es für all das vor Beginn der Akademie überhaupt keinen Plan gab. Oder besser gesagt: Nur einen, der sich nicht umsetzen ließ, weil dafür die ein oder andere Partie nicht besetzt werden konnte. Also basiert alles auf dem Repertoire, das die jungen Nachwuchssänger mitbringen oder das sie in Perleberg erlernen – und das regelrecht im Hauruckverfahren. „Von Null ein neues Lied beizubringen, genieße ich am meisten. Je öfter man das macht, desto besser werden die im Schnelllernen“, sagt Curry.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Den Chorgesang aller Akademieteilnehmer hat er aber konsequent vorbereitet. „Man hat davon Stücke im Kopf“, erzählt er. Und es ist sein Antrieb, seine Schüler besser zu machen: „Man möchte auch einen Fortschritt sehen. Es wäre furchtbar, wenn sie am Ende so singen, wie sie am Anfang gesungen haben.“ Und es ist nicht nur der Gesang allein – Curry legt Wert auf den Gesamteindruck und auf die Textinterpretation.

Lotte-Lehmann-Film rührt ihn zu Tränen

Scott Curry ist aber so versiert, dass er auch andere Opernliteratur überzeugend darbringt. Im vergangenen Jahr lag der Schwerpunkt auf Mozart-Opern. Jedoch: „Mein Herz schlägt für die Spätromantik“, weshalb das Lied-Repertoire vor zwei Jahren sein liebstes war. Das glaubt man gerne, wenn man seine sehr lyrische Spielweise hört.

Und es hat im übrigen auch sehr viel mit Lotte Lehmann selbst zu tun, der aus Perleberg stammenden Opernsängerin, die in diesem Jahr 130 Jahre alt geworden wäre und die in Wien und nach ihrer Emigration an den US-amerikanischen Bühnen zu Hause war. Der biographische Film über Lotte Lehmann, der in Perleberg immer wieder gezeigt wird, berührt Scott Curry noch immer emotional. „Ich habe diesen Film jedes Jahr zweimal gesehen. Zum Schluss kommen mir jedes Mal die Tränen, wenn sie ihre Ansprache in New York hält und Schubert nicht zu Ende singen kann.“

Liebt es, Klavier zu spielen: Scott Curry, dienstältester Dozent und Pianobegleiter bei der Lotte-Lehmann-Akademie.

Liebt es, Klavier zu spielen: Scott Curry, dienstältester Dozent und Pianobegleiter bei der Lotte-Lehmann-Akademie.

Lotte Lehmann sei vergleichsweise uneitel und historisch interessant gewesen, Sängerinnen wie sie gebe es selten. Vielleicht ist das ein Grund, weshalb Scott Curry der dienstälteste Dozent im Reich der Lotte-Lehmann-Akademie ist. „Wenn ich hier bin, stelle ich mir immer vor, wie Lotte Lehmann als Kind durch die Bäckerstraße geht – zur Schule oder wohin auch immer.“ Faszinierend für ihn die Idee, dass aus dieser Kleinstadt, die er mittlerweile sehr schätzt, solch eine internationale Operngröße hervorgegangen ist.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Im Jahr 2000 stieß er zum Team hinzu – damals war der jetzige künstlerische Leiter Angelo Raciti noch gar nicht dabei. Auch die Akademie selbst war noch nicht mal eine Idee – es war die dritte Lotte-Lehmann-Woche, bei der Scott Curry erstmals in Aktion trat. Zustande kam der Kontakt über Regine Gebhardt und Birgit Bockler, die dereinst die Idee zur Lotte-Lehmann-Woche hatten. Bis dahin hatte Scott Curry viele andere Sommer-Engagements, etwa auch in Bregenz. Doch ist er Perleberg treu geblieben: „Seit 2000 komme ich hierher. Ich bin lieber irgendwo, wo es nichts anderes zu tun gibt und wo es keine Ablenkung gibt.“

2003: Angelo Raciti und Scott Curry, 15 Jahre jünger.

2003: Angelo Raciti und Scott Curry, 15 Jahre jünger.

Scott Curry stammt aus Brisbane, der drittgrößten Stadt Australiens. „Dort habe ich am Queensland Conservatorium of Music studiert, bis ich 21 Jahre alt war. Ich bin sofort weg auf große Europa-Tournee“, erzählt er. Ein glücklicher Zufall hat ihn ins West-Berlin der frühen achtziger Jahre verschlagen. Dort hatte er auf einmal einen Studienplatz, konnte erste Konzerte geben. „Das größte Geschenk war es, kurz vor der Wende dort für ganz wenig Geld eine Wohnung kaufen zu können.“ Dort lebt er noch heute unweit des Kurfürstendamms. Er fühlt sich wohl: „Ich kann dort üben, es ist sehr hell und es gibt eine tolle Eigentümergemeinschaft. Berlin ist für den Dirigenten und Coach auch das Zentrum seines musikalischen Schaffens. An der Universität der Künste hat er einen Lehrauftrag.

Curry hat an den großen australischen Theatern und Opernhäusern gearbeitet. Als Begleiter und Kammermusiker ist er an der Berliner Staatsoper, während der Dresdner Tagen für zeitgenössische Musik und der Berliner Festwochen aufgetreten. Als Dirigent hat er Aufführungen mit barockem und zeitgenössischem Repertoire an der Stuttgarter Staatsoper, der Komischen Oper, dem Düsseldorfer 6-Tage-Oper-Festival, den Herrenhausen Festspielen sowie viele Berliner Premieren geleitet. Und: Er durfte beim allerersten Konzert an der Musikakademie Rheinsberg mitspielen.

2015: Pianist Scott Curry (links) geht mit Sänger Jorge Becerra aus Chile ein Lied durch.

2015: Pianist Scott Curry (links) geht mit Sänger Jorge Becerra aus Chile ein Lied durch.

Scott Curry lebt in der Welt der Klassik. „Ich habe immer klassische Musik und Oper gemocht“, sagt er. Mit vielen Segnungen der Moderne, etwa Hiphop, kann er nichts anfangen. Und er mag es, Klavier zu spielen. Wenn er nicht gerade als Dozent Eleven der Lotte-Lehmann-Woche unterrichtet, dann setzt sich Curry gerne an den Flügel und spielt, im Moment vor allem Skrjabin-Kompositionen. Angesichts der vierwöchigen Dauerbelastung während Lotte-Lehmann-Akademie und -Woche muss er sich zwischendurch freispielen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ein Tag auf den Spuren von Lotte Lehmann

Nach vier Wochen endet heute der Zyklus von Lehmann-Woche und -Akademie. Scott Curry kehrt in sein Alltagsleben zurück. Und das ist nicht nur bestimmt vom Dozenten-Dasein. „Ich singe jetzt viel in Chören. Das ist eine wertvolle Erfahrung – schade, dass ich das nicht schon früher gemacht habe.“ Scott Curry hält Konzertvorträge über unbekannte Opern und vergessene Komponisten und begleitet als Reiseführer Kulturreisen. Vorstellbar sei es, dabei auch mal die Academy of the West zu besuchen, an der Lotte Lehmann gewirkt hat. Oder noch naheliegender: „Ich bringe eine Gruppe hierher – ein Tag auf den Spuren von Lotte Lehmann.“

Wenn das Abschlusskonzert der Lotte-Lehmann-Woche am Samstag vorbei und der vierwöchige Dauerstress zu Ende sein wird, dann hat er vor, an der Neuen Mühle ins Wasser zu springen, bevor er Perleberg verlässt. Und er wird dann zunächst andere Sachen auf dem Klavier spielen – vielleicht zur Abwechslung Mozart, klare Strukturen mit vielen Tonleitern und ohne Pedal.

Von Bernd Atzenroth

Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.