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Jüterbog

Spannender Auftakt der Reihe „30 Jahre Mauerfall“

Matthias Fleischmann, Christoph Gutsche, Siegbert Schefke und Clemens Neumann (v.l.).

Matthias Fleischmann, Christoph Gutsche, Siegbert Schefke und Clemens Neumann (v.l.).

Jüterbog."Damals wollte ich mehr machen. Mein Ziel war schon, die DDR zu vernichten", sagte der Fernsehjournalist und DDR-Bürgerrechtler Siegbert Schefke am Montag in Jüterbog. Zahlreiche Gäste kamen am Abend in das Gemeindezentrum der evangelischen Kirchengemeinde Sankt Nikolai zum Auftakt der Veranstaltungsreihe "30 Jahre Mauerfall".

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Eingeladen war neben Siegbert Schefke auch Pfarrer Christoph Gutsche, Bruder des kürzlich in Jüterbog verabschiedeten Pfarrers Bernhard Gutsche. Beide Männer waren auf unterschiedliche Weise in die Leipziger Montagsdemonstrationen im Jahr 1989 involviert.

Unbekannte Bilder für die Öffentlichkeit 

Vom Turm der Reformierten Kirche aus gelang es Siegbert Schefke mit dem Fotografen Aram Radomski, heimliche Filmaufnahmen von der Demo am 9. Oktober 1989 zu machen und diese in den Westen zu schmuggeln. Nur einen Tag später wurden sie in den ARD „Tagesthemen“ ausgestrahlt und präsentierten der Öffentlichkeit die bis dato unbekannten Bilder einer widerständischen Volksbewegung. Pfarrer Christoph Gutsche hatte zu jener Zeit gerade sein Theologiestudium in Leipzig begonnen und war selbst Teilnehmer der Montagsdemonstrationen.

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Als Zeitzeugen teilten beide ihre Erlebnisse mit den Jüterboger Zuhörern. Zudem wurde während der Veranstaltung über die aktuellen Geschehnisse und die Intention des Ausrufes „Wir sind das Volk“ – im Vergleich damals zu heute – diskutiert.

„Diese Vollpfosten waren ständig hinter mir her“

„Für mich bleibt da nicht viel übrig, was gut war. Ich wurde nicht als Widerstandskämpfer geboren, ich wurde dazu gemacht“, berichtet Siegbert Schefke über die DDR. Wegen seiner Einstellung war der heute 59-Jährige der Stasi damals bestens bekannt. Ob beim Gang zum Bäcker oder zu Freunden: „Diese Vollpfosten waren ständig hinter mir her“, so Schefke.

Mithilfe von Zeitschaltuhren und dem Weg über das Dach seiner Berliner Wohnung nahe des Grenzübergangs Bornholmer Straße gelang es ihm jedoch, seine Verfolger auszutricksen und unbemerkt nach Leipzig und wieder zurück nach Berlin zu kommen. Nur 30 Nächte danach war Schefke einer der ersten, der über die Bornholmer Brücke in den Westen ging. Ein Buch des 59-Jährigen soll diesen Sommer erscheinen.

Demonstranten waren keine Rowdys 

Trotz Schefkes Mut, die Demonstration zu filmen, sei die Angst auch bei ihm ein ständiges Thema gewesen. Christoph Gutsche kann das nachempfinden. Über seine Teilnahme an den Montagsdemonstrationen berichtet der 51-Jährige: „In der Kirche brauchte man keine Angst haben. Als es sich dann aber nach Draußen verlagerte, wurde die Gruppierung ganz schnell von der Polizei aufgelöst.“ Und das, wie Gutsche berichtet, nicht gerade zimperlich.

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Als Rowdys wurden dagegen die Demonstranten betitelt. Hierzu erklärte Gutsche: „Da war keiner gewalttätig.“ Für den Pfarrer waren es schlichtweg Menschen mit dem Bedürfnis nach offenen Grenzen, Meinungsfreiheit und Demokratie. Rückblickend bezeichnet Christoph Gutsche seine Erlebnisse in Leipzig als Geschenk.

Nicht dieselbe Intention wie damals 

Auch aktuell spielt der Ausruf „Wir sind das Volk“ wieder eine große Rolle. Allerdings sei die Intention nicht dieselbe wie damals. Statt einer Demokratieansage, hinter der eine klare Mehrheit von 80 Prozent stand, werde der Spruch heute vielmehr als Parole von einer 20-prozentigen Minderheit missbraucht, die aus Sicht von Schefke „ganz erbärmlich, schlimm und furchtbar“ ist. Auf die Frage, wie man solchen Bewegungen wie zuletzt in Chemnitz entgegenwirken könne, antwortete Christoph Gutsche: „Gegenöffentlichkeiten finden, Freiräume schaffen, Zuhören.“

In der kommenden Veranstaltung am 2. März um 10 Uhr wird die Reihe im Gemeindezentrum fortgeführt – hier soll es speziell um Jüterbog gehen. Zeitzeugen berichten von ihren Erinnerungen an die Geschehnisse vor 30 Jahren.

Von Isabelle Richter

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