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„Und Sie haben von alldem nichts mitbekommen?“

Der RBB berichtet in eigener Sache: Wie man dem eigenen Chef die Rücktrittsfrage stellt

RBB-Journalistin Sarah Oswald (rechts) befragt RBB-Programmdirektor Jan Schulte-Kellinghaus im Studio der "Abendschau".

RBB-Journalistin Sarah Oswald (rechts) befragt RBB-Programmdirektor Jan Schulte-Kellinghaus im Studio der "Abendschau".

Berlin. Wie berichtet man als Journalistin oder Journalist über einen Skandal, der sich unmittelbar im eigenen Haus ereignet hat? Möglicherweise so, wie es die Redaktionen des RBB am Montag getan haben.

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Mögliche Vetternwirtschaft, falsche Spesenabrechnungen, Gebührenverschwendung: Die Vorwürfe gegen die zurückgetretene RBB-Intendantin Patricia Schlesinger wiegen inzwischen so schwer, dass sie längst mehr sind als ein kleiner Skandal in einer kleinen Rundfunkanstalt. Die Enthüllungen, die insbesondere das Magazin „Business Insider“ vorangetrieben hatte, rücken nicht nur den RBB in ein schlechtes Licht – sondern auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Ganzes.

Ein Ruf, den es jetzt zu retten gilt – und das bestenfalls mit aufrichtigem Journalismus. Gesagt, getan: In zahlreichen Sendungen des RBB war der Fall Schlesinger am Montag Thema – am Abend um 20.15 Uhr strahlte der Sender eine Sondersendung zum Thema aus. Die Moderatorinnen und Moderatoren im Studio fanden teils drastische Worte für die Ereignisse im eigenen Haus. Beiträge und Anmoderationen waren geprägt von persönlichen Anekdoten und Gefühlen, und: Die Journalistinnen und Journalisten nahmen auch ihre eigenen Vorgesetzten in die Mangel. Höhepunkt der Interviews: die Rücktrittsfrage an den eigenen Chef.

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Persönliche Anekdoten, persönlicher Frust

Den wohl bemerkenswertesten Auftritt hatte am Montag „Abendschau“-Moderatorin Sarah Oswald. „Während im Programm gespart werden musste, wurde in der Chefetage investiert“, gibt die Journalistin bereits in der Anmoderation den Ton der Sendung vor. Später berichtet Oswald von persönlichen Erlebnissen ihrer Kolleginnen und Kollegen: Alle Augen richteten sich nun „auf uns“, so die Moderatorin. Das gehe nicht spurlos an den Beschäftigten vorbei: „Vor unserem Gebäude (...) wurden heute Kolleginnen und Kollegen von anderen Sendern interviewt. Wir wurden gefragt, was wir zu alledem sagen. ‚Albtraum‘ ist ein Wort, das ich heute gehört habe.“

Es folgt ein Beitrag, bei dem Zuschauerinnen und Zuschauer des RBB auf der Straße interviewt werden. Sie lassen ihrem Frust freien Lauf. Schlesinger sei kein gutes Vorbild, sagt ein Mann. „Wenn man dann hört, dass die Volontäre schlecht bezahlt werden, und man sich dann teure Autos leistet und selber die Gehälter erhöht, finde ich das einfach unmoralisch“, fährt er fort. Ein Sprecher aus dem Off schildert sein ganz persönliches Empfinden: Es sei „bedrückend, es macht traurig, allein schon bei einer kurzen Umfrage so viele enttäuschte Zuschauerinnen und Zuschauer, Berlinerinnen und Berliner zu hören“, so der Journalist.

Der bemerkenswerteste Teil der Sendung ist ein Interview mit dem RBB-Programmdirektor Jan Schulte-Kellinghaus. Oswald macht gleich in der zweiten Frage klar, was ihr Chef von diesem Gespräch zu erwarten hat: „Wir als Mitarbeitende gehen (...) nicht zimperlich mit Ihnen um, weil wir uns natürlich auch die Frage stellen: Sie als Programmdirektor sind ja auch Teil der Geschäftsleitung. Und Sie haben von alldem nichts mitbekommen?“ Schulte-Kellinghaus verweist auf ein unabhängiges Compliance-Verfahren.

Dem eigenen Chef die Rücktrittsfrage stellen

Oswald hakt nach: „Aber das klingt immer alles danach, ‚wir gründen einen Kreis und reden ganz lange drüber‘. Warum wird denn nicht jetzt einfach alles auf den Tisch gepackt? Sie sagen‘s ja immer: Wir brauchen Transparenz. Wir versuchen ja auch, eine Sendung hinzubekommen, und es fällt uns nicht leicht, eine Berichterstattung hinzubekommen. Weil diese Transparenz, die Sie uns versprechen, gibt es einfach nicht.“ Schulte-Kellinghaus antwortet kleinlaut: „Ja, aber die stellen wir jetzt her.“ Das sei die Arbeit der nächsten Tage und Wochen.

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Der Frust der RBB-Beschäftigten ist deutlich in Oswalds Interviewführung spürbar. Erneut kommt die Journalistin auf die Sparpläne des Senders zu sprechen – es geht um die Bonuszahlungen an Intendantin Schlesinger. „Es wurde uns immer wieder gesagt, es muss gekürzt werden. Es wurden Sendungen eingestellt. Warum wurde dann dieses Bonisystem nicht auf den Prüfstand gestellt?“ Später fragt Oswald, ob Schlesinger die Bonuszahlungen auch für das Erreichen von Einsparzielen erhalten habe. Schulte-Kellinghaus bejaht, dass auch die Erreichung von Budgetvorgaben dabei eine Rolle spiele. Oswald atmet schwer und fährt fort.

Schließlich stellt die Moderatorin sogar die Rücktrittsfrage an ihren eigenen Vorgesetzten: „Muss es nicht noch mehr personelle Konsequenzen geben, auch in der Geschäftsleitung? Sie sind damals zum Beispiel auch mit Patricia Schlesinger gemeinsam an den Start gegangen.“ Schulte-Kellinghaus antwortet, vergleichsweise offen: „Das kann gut sein, dass am Ende rauskommt, dass die Geschäftsleitung das nicht richtig gemacht hat und eine andere Geschäftsleitung her muss.“

Brandenburger Kollegen berichten nüchtern

Doch es gibt innerhalb des RBB auch andere Wege, journalistisch mit der Situation umzugehen. Zeitgleich zur Berliner „Abendschau“ läuft im Fernsehprogramm des Senders „Brandenburg aktuell“ – für die Zuschauerschaft im Nachbarbundesland.

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Moderator Marc Langebeck entscheidet sich an diesem Montag für eine vergleichsweise nüchterne Betrachtung der Ereignisse. In der Anmoderation sagt der Journalist: „Von der größten Vertrauenskrise im RBB ist die Rede“ – auf eine persönliche Einschätzung der Lage verzichtet er.

Auch ein Interview mit RBB-Programmdirektor Kellinghaus, in diesem Fall voraufgezeichnet per Videoschalte, verläuft deutlich weniger konfrontativ. Doch die Rücktrittsfrage stellt auch Langebeck: „Welchen persönlichen Schritt werden Sie als Nächstes gehen, um die Akzeptanz bei den Beitragszahlenden, aber auch den Zuschauenden und Zuhörenden wiederherzustellen?“ Schulte-Kellinghaus antwortet: „Im Moment geht‘s nicht um mein persönliches Schicksal, im Moment geht‘s um Aufklärung und um Transparenz. Und wenn es dann Sinn macht zu sagen, da muss dann ein neuer Programmdirektor her, auch das.“

Exklusiveinblick in Schlesingers Luxusbüro

Am Abend läuft im RBB zur Primetime schließlich eine Spezialsendung zu den Vorfällen im eigenen Haus. Raiko Thal moderiert die Sendung und macht gleich in der Anmoderation deutlich: „Ich begrüße Sie zu einem ‚RBB Spezial‘, von dem ich in meiner Tätigkeit für den RBB wohl nie gedacht hätte, es moderieren zu müssen – und glauben Sie mir, ich bin betroffen und entsetzt gleichermaßen.“

Beiträge in der Sendung werfen die Frage auf, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Kurz darauf zeigt die Kamera exklusive Einblicke in das ehemalige Büro Schlesingers – inklusive dem teuren Parkettboden, über den zuletzt die „Bild“ kritisch berichtet hatte. „Ökologisch hochwertiges Parkett aus Italien, vorgeölt, knapp 17.000 Euro“, kommentiert die Stimme aus dem Off. Gezeigt wird zudem eine „mit Pflanzen begrünte Wand mit automatischer Bewässerung.“ Kostenpunkt: rund 7500 Euro. Und dann schwenkt die Kamera auf graue Sofas mit roten Kissen, auf einem davon steht der Spruch „Soft und kantig“. Mehr als 22.000 Euro sollen die Möbelstücke gekostet haben.

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Auch der Chefredakteur des Magazins „Business Insider“, das mit seinen Recherchen die Vorwürfe überhaupt erst ins Rollen gebracht hatte, wird interviewt. Es folgen Gespräche mit dem RBB-Pressesprecher, mit Hagen Brandstäter, dem geschäftsführenden Intendanten der Anstalt sowie mit Friederike von Kirchbach, Vorsitzende des RBB-Rundfunkrats. Sie muss sich die Frage stellen lassen, ob das Kontrollgremium der Anstalt in letzter Zeit zu unkritisch gewesen sei.

Lob im Netz

Die journalistische Aufarbeitung im RBB kommt bei Beobachterinnen und Beobachtern in den sozialen Netzwerken gut an. „Wie der RBB im eigenen Programm mit Sondersendung, Interviews, Schwerpunkten den Schlesinger-Rücktritt ausleuchtet, verdient Anerkennung und ist alles andere als gewöhnlich“, kommentiert etwa der Journalist Alexander Dinger („Welt“). Daniel Bouhs vom SWR, früher auch für das RBB-Medienmagazin tätig, kommentiert: „Nur so geht‘s. Zeigen und erklären, was ist. Auch und gerade im eigenen Haus. Eine gute Aktion.“

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Auch die Berichterstattung in „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ wird gelobt. Die vom NDR produzierten Sendungen hatten in den vergangenen Tagen immer wieder über die Vorwürfe gegen Schlesinger berichtet. Am Montagabend wurde Medienjournalist Stefan Niggemeier zugeschaltet, der sich für Veränderungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk aussprach.

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Es gehe zum Beispiel nicht, dass zwar die Intendantengehälter öffentlich gemacht würden, gleichzeitig aber darüber hinaus Absprachen getroffen würden, so Niggemeier. Hier müsse mehr Transparenz her.

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Journalisten sorgen für Transparenz

Die journalistische Aufarbeitung des Skandals in den öffentlich-rechtlichen Sendern ist bei Weitem kein selbstverständlicher Schritt. Nicht selten halten Medienhäuser schlechte Nachrichten aus dem eigenen Haus in der eigenen Berichterstattung eher klein.

Ein Beispiel dafür war zuletzt etwa der Rauswurf des früheren „Bild“-Chefs Julian Reichelt beim Verlag Axel Springer, über den zahlreiche Medien berichtet hatten. Die „Bild“-Zeitung selbst hatte das Thema jedoch einzig in einer kleinen Meldung mit der Überschrift „Wechsel in der ‚Bild‘-Chefredaktion“ aufgegriffen.

Auch im Programm des RBB war der Fall Schlesinger in den vergangenen Tagen nicht gerade überpräsent. Zwar wurde mehrfach in Nachrichtenbeiträgen über den Fall berichtet, die ganz große Berichterstattung folgte aber erst mit dem Rücktritt als RBB-Intendantin. Am 5. August hatte die „Abendschau“ in einem vergleichsweise nüchternen Beitrag den Rücktritt Schlesingers als ARD-Vorsitzende aufgegriffen. Noch am Sonntagabend war in der „Abendschau“ der Brand im Grunewald Aufmacher, es folgten eher bunte Themen – vom Schlesinger-Skandal kein Wort.

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Bereits seit Wochen ist Schlesinger derweil Thema im hauseigenen „Medienmagazin“, das im RBB-Radiosender Radio eins läuft. Hier wurde bereits am 16. Juli über Vorwürfe gegen die RBB-Intendantin berichtet, interviewt wurde die Vorsitzende des Rundfunkrats Friederike von Kirchbach.

Am 30. Juli wurde schließlich über Schlesingers Dienstwagenaffäre berichtet. Journalist Jörg Wagner befragte den hauseigenen Pressesprecher Justus Demmer sowie den Berlin-Brandenburger DJV-Chef Steffen Grimberg.

Man könnte sagen: Die Transparenzoffensive, die sich die Verantwortlichen des RBB nun auf die Fahne schreiben, gibt es durchaus. Vorangetrieben wird sie jedoch weniger durch die Chefetage der Anstalt – sondern durch die kritische Arbeit der eigenen Journalistinnen und Journalisten.

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