Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Folgen noch deutlich sichtbar

Ein Jahr nach der Flut in Kordel: „Wir leben in einem toten Dorf“

Ein Regionalzug steht im Bahnhof von Kordel nahe Trier bei der Flut Mitte Juli 2021 im Wasser.

Kordel. Das alte Leben ist in Kordel noch lange nicht zurück. Fast ein Jahr ist die Flutkatastrophe her, die den Ort an der Kyll am 14./15. Juli 2021 so hart getroffen hat. Die Folgen sind noch vielerorts sichtbar. Der bisherige Kindergarten: leer. Im Jugend- und Gemeindehaus: Estrich raus. Das Bahnhofsgebäude: innen kaputt. Das Altenheim: unbewohnt. Der Friseur: im Container. Die Pizzeria: zu. Und Geschäfte: aufgegeben. „Die Leute sagen zu mir: Wir leben in einem toten Dorf“, erzählt Ortsbürgermeister Medard Roth (parteilos). „Ich sehe es genauso.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Kordel mit seinen 2300 Einwohnern (Kreis Trier-Saarburg) sei vor der Katastrophe „mal ein wunderschönes, gut funktionierendes Dorf gewesen“. Das Dorf funktioniere noch nicht wieder. Und die Menschen, die wieder in ihren Häusern wohnten, lebten zum Großteil noch mit Schäden. „Sie wohnen zum Beispiel in den Obergeschossen, bei einigen fehlen noch Heizungen.“ Viele hätten auf Gas umgestellt.

Bis 60 Millionen Euro Schaden allein in einem Dorf

Bei der Hochwasserkatastrophe vom vergangenen Sommer war die Kyll nach extremem Regen bei Kordel von 70 Zentimetern auf gut sechs Meter gestiegen. 225 Häuser standen im Wasser - rund 600 Personen waren betroffen. Schon früh sei das Altenheim evakuiert worden. „Sonst wären da Tote zu verzeichnen gewesen.“ Rund 180 Familien hätten keine Versicherung gehabt. Der Schaden im Dorf werde auf 50 bis 60 Millionen Euro geschätzt, sagt der Ortsbürgermeister.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

„Hier waren die Untergeschosse alle weg“, zeigt Roth bei einer Tour durch seinen Ort. „Und hier schwammen die Öltanks rum.“ Und dort, sagt er weiter, sei die Mauer weggerissen worden und das Wasser in den Kindergarten geflutet. Die Kita-Kinder seien derzeit in der Grundschule untergebracht und sollten bis Ende des Jahres beim Sportplatz in Container ziehen - bis klar sei, ob der alte Kindergarten saniert oder neu gebaut werde.

Malerisch im Kylltal liegt die Gemeinde Kordel. Vor einem Jahr wurden 225 Häuser und viele Straßen von der Flut überschwemmt. Noch immer lebt ein Großteil der Einwohner mit den Schäden der Flut.

Malerisch im Kylltal liegt die Gemeinde Kordel. Vor einem Jahr wurden 225 Häuser und viele Straßen von der Flut überschwemmt. Noch immer lebt ein Großteil der Einwohner mit den Schäden der Flut.

Bewohnerin: „Ich werde oft nachts wach und denke an die Kinder“

Das Thema treibt Roth (72) besonders um. „Ich werde oft nachts wach und denke an die Kinder.“ Ebenso wie das Jugend- und Vereinshaus, das noch länger nicht genutzt werden könne. „Hier wurde geprobt und geübt, hier war so ein Zentrum, jetzt ist hier nichts“, sagt er. Die Wohnhäuser sehen heute aber von außen meist wieder gut aus. „Alle Leute arbeiten und sind dran.“ Es gebe aber auch welche, die weggezogen seien, berichtet er.

Die Inhaberin des Friseursalons „hair & more“ in Kordel, Meike Weinand, lebt noch mit einer Notlösung: einem Friseurladen im Container. „Wir haben alle einen Container-Koller: Es hieß vier bis sechs Monate Übergangslösung, jetzt ist es ein Jahr. Wir haben keinen Bock mehr“, sagt sie. Im August soll sie endlich in ein nahe gelegenes Gebäude umziehen können. Wegen Geldfragen liege sie immer noch im Clinch mit ihrer Versicherung.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Roth schaut auch mit Sorgen in die Zukunft, denn mit der Flut sind „viele Tonnen Kies“ rund um Kordel angeschwemmt worden - und damit ist das Flussbett höher geworden. „Natürlich muss das weg“, sagt er. Der zuständige Kreis Trier-Saarburg müsse „rasch“ dafür sorgen, dass ausgebaggert werde und die Kyll-Ufer sauber blieben. „Ich befürchte sonst, dass beim nächsten Schub der Wasserstand im Dorf noch viel höher wird.“

Auch Gehölze sollten entfernt werden. Schon seit Jahren sage er, dies seien keine wertvollen Biotope. „Das wollen die alle ja nicht hören. Wir sind ja bloß die dummen, kleinen Ortsbürgermeister“, schimpft Roth auf die Bürokratie.

Die Menschen im Dorf hätten heute Angst, wenn es heftig regne. „Sie rufen mich dann an und fragen: Was kommt da auf uns zu?“ Kordel liege eben in einem engen Tal. „Wir können ja nicht 200 Häuser abreißen, die Leute müssen ja irgendwo wohnen.“

Keine Handwerker und kein Material

Am Jahrestag der Katastrophe am 15. Juli wird Roth nach Trier-Ehrang zu einer Gedenkveranstaltung gehen. Die Einwohner dort, unterhalb von Kordel, hat das Kyll-Hochwasser auch hart erwischt. „Bei uns waren fast 700 Häuser mit etwa 4500 Menschen betroffen“, sagt Ortsvorsteher Bertrand Adams (CDU). Also quasi die Hälfte der rund 9800 Einwohner.

Viele seien noch nicht in ihren Häusern zurück. Auch, weil sich Schäden oft erst im Nachhinein zeigten. „Ich habe gerade von einem Haus gehört, da müssen sie die Kellerdecke rausholen, weil sie voll Öl ist.“ Es werde immer noch viel gearbeitet. Problematisch sei aber: „Die Leute kriegen keine Handwerker und kein Material.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Für viele seien die Anträge bei der Investitions- und Strukturbank (ISB), die die Zahlungen aus dem mit rund 30 Milliarden Euro ausgestatteten Wiederaufbaufonds von Bund und Ländern übernimmt, eine Herausforderung, viele warteten auf Geld. „Schnell und unbürokratisch - das geht in Deutschland nicht“, sagt der Ortsvorsteher.

Im Ort gebe es daher eine Anlaufstelle mit Beratung. Der Zusammenhalt im Stadtteil sei „unheimlich stark“, berichtet Adams. „Die Stimmung im Ort ist: Wir schaffen das.“ Die Stimmung sei jetzt „eher positiv“. „Bei all den Ärgernissen, die man hat: Die Stimmung ist nicht mehr so gedrückt.“

RND/dpa

Mehr aus Panorama

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Spiele entdecken