Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

 

Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Perfide Pläne für den Ernstfall: Inhaftierung von Ausländer und tausenden Bürgern

„Tag X“: Ein Netz von Lagern in der DDR

Die Baracken von Verlorenwasser bei Bad Belzig auf dem Areal des mutmaßlichen Isolierungslagers. Kleines Bild: Anordnung über Internierungslager für Ausländer.

Potsdam/Bad Belzig. Die Furcht vor dem „Tag X“ schwebte wie ein Damoklesschwert über den Mächtigen der DDR: Furcht vor einer inneren Krise, einer „Spannungsperiode“. Unter höchster Geheimhaltung bereiteten sie sich jahrzehntelang auf den Tag vor, an dem der „Vorbeugekomplex“ anlaufen sollte. Wahnwitzig-ausgeklügelte Pläne waren das, und sie hätten das Land mit einem Netz von Lagern überzogen. Die Inhaftierten: Menschen aus dem nicht-sozialistischen Ausland genauso wie Bürger der DDR.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Brisantes Dokument von der Stasi-Unterlagen-Behörde

Einer, der manche Aspekte sogar schwarz auf weiß dokumentieren kann, ist Peter Schultheiß, heute Stadtverordneter der Potsdamer Demokraten und nach der Wende Leitender Polizeidirektor der Stadt. Eines Tages bekam er von der Zweigstelle der Stasi-Unterlagen-Behörde ein Dokument übermittelt. Noch heute hütet er es zu Hause in seinen Unterlagen, weil es extrem brisant ist – vorausgesetzt, sein Inhalt wäre vor der Wende tatsächlich umgesetzt worden. Das mehrseitige Papier trägt den Titel „Über die Vorbereitung und Durchführung von Maßnahmen zur Errichtung von Internierungslagern und ihre Sicherstellung“. Unterzeichner: der Vorsitzende des DDR-Ministerrats, Willi Stoph. Die Anordnung trat am 1. Oktober 1980 in Kraft – „zum Schutze der Zivilpersonen in Kriegszeiten“.

Noch heute ist Schultheiß fassungslos angesichts dessen, was in dem Erlass angewiesen wurde. So hieß es: „Für die Durchführung von Maßnahmen zur Vervollkommnung und den Ausbau der Internierungslager, zur Ausführung von Verwaltungsarbeiten sowie zur Gewährleistung der Versorgung und Betreuung in den Lagern ist weitestgehend der Einsatz von Internierten vorgesehen.“ Geplant war zudem, die Internierten für Arbeiten außerhalb des Lagers einzusetzen. Wer aber waren diejenigen, die in die nicht näher benannten Lager verbracht werden sollten? Zielgruppe waren Ausländer, die sich zum Zeitpunkt des Ernstfalls in der DDR aufhielten, sowie die „an Transitstrecken erfassten Personen“. In der DDR, so steht es auf einer der hochspannenden Internet-Seiten der Stasi-Unterlagenbehörde nachzulesen, sollten 35 Internierungslager eingerichtet werden.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Gesammelten Namen nebst Adressen und Arbeitsstelle

Christian Booß ist wissenschaftlicher Projektkoordinator bei der Jahn-Behörde. Früher war er Journalist. 1999 drehte er für den ORB seinen Film „Den Feinden die Faust – die Wende in Potsdam“. Akribisch recherchierte er damals über die perfiden Planungen der DDR-Mächtigen, wobei Booß sein Augenmerk mehr auf die Isolierungslager richtete. Diese hatte die Führung für die eigene Bevölkerung vorgesehen. In den Panzerschränken der weit über 200 MfS-Kreisdienststellen lagen versiegelte Briefumschläge mit gesammelten Namen nebst Adressen und Arbeitsstelle griffbereit. Diese Papiere – zu öffnen auf ein zentrales Codewort hin – „würde den bewaffneten Verhaftungskomitees der Stasi den Weg zu DDR-Bürgern weisen, die, weil sie dem Staatssicherheitsdienst irgendwann unliebsam aufgefallen waren, zu Tausenden in Vorbeugehaft und Arbeitslager wandern sollten“, so die Information bei der Stasi-Unterlagenbehörde. Die Verhaftungswelle hätte innerhalb von ein bis zwei Tagen durchgezogen werden sollen. „Konspirativ aufgeklärte Objekte“ im ganzen Land sollten mit Stacheldraht und Wachtürmen umgeben werden: von der Dresdner Augustusburg bis hin zu LPGs.

Die Spur führt nach Verlorenwasser

In Potsdam, erzählt Booß, sei die Aktenlage über die erfassten Personen heute nur noch dünn. „Vieles wurde zerstört.“ Deshalb lässt sich heute auch schwer rekonstruieren, wo genau in der Region Isolierungslager geplant waren. Klar sind nur die Vorgaben zu DDR-Zeiten: Mindestens 50 Kilometer musste das Lager von der Grenze entfernt sein und verkehrsmäßig gut zu erreichen. Die Spur führte Booß dank mündlicher Hinweise nach Verlorenwasser nahe Bad Belzig: zu einem Barackenkomplex mitten in der Pampa, der einst von der Bereitschaftspolizei genutzt wurde. Hier hätte man im Ernstfall eine Zeltstadt eingerichtet und eingezäunt.

Ganz in der Nähe befand sich ein alter Truppenübungsplatz. Dort fand Booß zu seinem Erstaunen eine Kulisse für Häuserkampfübungen vor. Sogar eine Straßenbahn stand da. Ihre Endhaltestelle: „Platz der Einheit“. Auch das Brandenburger Tor aus Potsdam soll dort zu Ost-Zeiten in Kulissen-Kopie gestanden haben. Nach der Wende, so berichtet Booß, hätten es ABM-Kräfte allerdings wieder abgebaut. Bei den Übungen in der gespenstischen Szenerie schlüpfte ein Teil der Soldaten in die Rolle von Demonstranten, die schachmatt gesetzt werden sollten. Die Umsetzung des Gelernten gab es dann am 7. Oktober bei der Groß-Demo in der Potsdamer Innenstadt.

Die Pläne

Die Internierungslager für Ausländer waren für die ganze DDR geplant, unter anderem in Berlin ein Internierungslager für 855 Diplomaten und Korrespondenten, das vom MfS betrieben worden wäre; in den anderen Lagern hätte man MfS-Mitarbeiter für Verhöre eingesetzt.
Die Maßnahmen am „Tag X“ hätten zehntausende DDR-Bürger getroffen. Zur Festnahme waren 2955 vorgesehen, zur Isolierung waren es 10.726 Bürger, zur „verstärkten operativen Kontrolle und Überwachung“ 72.258 Personen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Von Ildiko Röd

Mehr aus Panorama regional

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.