Analyse

Für Irans Mullahs tickt die Uhr

Irans Staatspräsident Ebrahim Raisi erinnerte Anfang November an die Revolution von 1979 und an deren Anführer, den Ayatollah Khomeini (Abbildung rechts).

Irans Staatspräsident Ebrahim Raisi erinnerte Anfang November an die Revolution von 1979 und an deren Anführer, den Ayatollah Khomeini (Abbildung rechts).

Verbissener denn je ringen die im Iran herrschenden bärtigen alten Männer um ihre Macht. Es ist ein Kampf an immer mehr Fronten.

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  • Mit Drohnenlieferungen an Russland mischen die Mullahs sich ein in den Ukraine-Konflikt.
  • Mit Raketenangriffen auf Kurden im Irak schaffen sie neue Spannungen im Nahen Osten.
  • Zugleich lassen sie regimekritische Menschen im ganzen Land inhaftieren – oder gleich auf der Straße brutal zusammenschießen. Jungen Leuten im Iran werden dieser Tage Gummigeschosse ins Gesicht gefeuert, viele verlieren dabei ein Auge; die Mullahs setzen darauf, dass jemand, dem dies widerfährt, kein zweites Mal zum Protest auf die Straße geht.

Doch es ist wie verhext. Je wütender Irans Regime in diesen Tagen um sich schlägt, umso größer wird die Zahl der Flammen, die es löschen muss.

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Fußball zwischen Fundamentalismus und Feuerwerk

Irans Wirtschaftskrise wächst, die Realeinkommen fallen, die Inflation liegt bei 40 Prozent. Und jetzt haben die Mullahs auch noch ein Fußball-Problem: Irans Elf in Katar solidarisiert sich mit den Regimegegnern in der Heimat. Dass das Regime vorab Trainer und Kapitän zu Verhören einbestellen ließ, hat nicht geholfen. Am Montag weigerten sich die Spieler, im Stadion die iranische Nationalhymne mitzusingen. Der iranische Staatssender unterbrach an dieser Stelle die Live-Übertragung aus Katar.

Keiner singt die Hymne mit: Die iranische Nationalmannschaft setzte am Montag vor ihrem Spiel gegen England ein stummes Zeichen des Protests gegen die Zustände im eigenen Land.

Keiner singt die Hymne mit: Die iranische Nationalmannschaft setzte am Montag vor ihrem Spiel gegen England ein stummes Zeichen des Protests gegen die Zustände im eigenen Land.

Mit dem Thema Fußball hatte das Regime schon immer Schwierigkeiten. Nach der Revolution im Jahr 1979 sollte die Sportart komplett als unislamisch verboten werden. An dieser Stelle aber stieß im fußballvernarrten Iran der Fundamentalismus an Grenzen. Die entscheidenden Herren behalfen sich damit, jahrzehntelang zumindest den Frauen das Betreten von Fußballstadien zu verbieten.

Nach dieser verspannten Vorgeschichte wirkte es unecht, als die Mullahs soeben mit großer Geste zum WM-Start ein Feuerwerk in Teheran spendierten. Es ist der nervöse Versuch der Herrschenden, die Massen noch irgendwie hinter sich zu scharen.

Iran und die Protestbewegung: Der besondere WM-Auftritt gegen England

Am zweiten Tag der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 bestreitet Iran sein erstes Gruppenspiel gegen England. Das sportliche Ergebnis ist dabei nachrangig.

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Die Wahrheit ist: Irans Mullahs überschätzen sich. Im eigenen Land sind sie angefochtener denn je. Und weltweit überdehnen sie gerade ihre Möglichkeiten. Die Einmischung in den Ukraine-Konflikt zum Beispiel könnte nach hinten losgehen. Glaubt Teheran wirklich, es werde zu einem kriegsentscheidenden Waffenbruder Russlands aufsteigen? Gerade hat Israel, das sich lange zurückhielt im Ukraine-Konflikt, erkennen lassen, dass es künftig helfen will, mit neuer Abwehrtechnik iranische Drohnen rechtzeitig abstürzen zu lassen. Dem Regime in Teheran droht die technologische Entzauberung.

Zwei kolossale historische Fehler

Kontraproduktiv ist auch Irans harter Kurs gegen den Westen beim Versuch, eigene Atomwaffen herzustellen. Teheran könnte, wenn es nach den Regeln der Atomaufsicht spielen würde, nicht nur die Sanktionen hinter sich lassen. Es könnte binnen kurzer Frist aufsteigen zu ungeahntem neuen Wohlstand, als Exporteur von Flüssiggas. Bei den Mullahs aber wiegt der Hass auf den Westen schwerer als alle ökonomische Vernunft. Den Preis für diese verquere Politik Teherans zahlen die derzeit in Armut abstürzenden ehemaligen Mittelschichten im Iran.

Wohin führt dieses Zusammenrücken? Russlands Präsident Wladimir Putin und Irans Präsident Ebrahim Raisi im Juli dieses Jahres in Teheran.

Wohin führt dieses Zusammenrücken? Russlands Präsident Wladimir Putin und Irans Präsident Ebrahim Raisi im Juli dieses Jahres in Teheran.

Zu besichtigen sind zwei kolossale historische Fehler. Der Iran setzt mit Russland aufs falsche Pferd, ebenso wie Russland mit dem Iran. Was, wenn bald eine neue iranische oder eine neue russische Revolution in Gang kommt? So wie die Dinge liegen, könnte die eine Bewegung auch die andere befeuern. Schon jetzt gibt der bewundernswerte Widerstand im Iran auch im weithin apathischen Russland vielen Menschen zu denken.

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Noch weiß niemand, wann und wo es zuerst eine historische Wende geben wird. Am Ende müssten auch Teile der bewaffneten Kräfte sich auf die Seite der Reformer stellen, das macht die Dinge in solchen Fällen stets kompliziert. Morsch aber sind beide Systeme. Und im Iran erscheint ein Machtwechsel mehr denn je nur noch als Frage der Zeit. Die jetzt auf den Straßen sichtbare neue Generation wird jedenfalls nicht mehr den Mummenschanz jener machtbesessenen Männer mitmachen, deren fundamentalistische Religionsauslegung stets nur ihre hemmungslose eigene Herrschsucht bemänteln sollte.

Dieser Schleier ist inzwischen gelüftet. Für Irans Mullahs tickt seither die Uhr.

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