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Mammutaufgaben für die Polizei

Neuer Vorsitzender der Polizeigewerkschaft: „Werden womöglich Spannungen auf den Straßen erleben“

Der neue GdP-Bundesvorsitzende Jochen Kopelke.

Der neue GdP-Bundesvorsitzende Jochen Kopelke.

Berlin. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) hat einen neuen Bundesvorsitzenden. Die letzte Amtszeit des bisherigen Vorsitzenden Oliver Malchow endete am Montag nach neun Jahren an der Spitze der größten deutschen Polizeigewerkschaft mit Standing Ovations Hunderter Gewerkschaftsmitglieder beim GdP-Bundeskongress in Berlin. Als neuer Vorsitzender wurde am Montagabend mit 86,61 Prozent der Stimmen der 38-jährige Bremer Jochen Kopelke gewählt.

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„Ich schätze sein gewerkschaftliches und soziales Engagement und seine fachliche Kompetenz in polizeilichen Themen“, sagte der langjährige Gewerkschaftschef Malchow, der Kopelke als seinen Nachfolger vorgeschlagen hatte, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) vor dem GdP-Kongress. Außerdem sei Kopelke schon lange in der gewerkschaftlichen Arbeit verwurzelt.

Eine Polizistin zeigt am Rande einer Pressekonferenz drei verschiedene Bodycams.

Wenn die Kamera einfach aus bleibt – was bringen Bodycams bei der deutschen Polizei?

Elf Polizisten, ein toter Jugendlicher, der nach Polizeiangaben mit einem Messer auf die Einsatzkräfte losgegangen war. Doch obwohl die Beamten Bodycams trugen, gibt es keine Videoaufnahmen von dem in der vergangenen Woche in Dortmund eskalierten Einsatz. Das ist kein Einzelfall.

Vom Streifendienst zum Büroleiter des Bremer Innensenators

Mit 38-Jahren ist Kopelke nun der jüngste Bundesvorsitzende in der Geschichte der GdP. Zuvor war er von 2014 bis 2017 bereits der jüngste Landesvorsitzende der Gewerkschaft in Bremen. Kopelke blickt jedoch nicht nur in der GdP bereits auf eine steile Karriere zurück: 2005 begann er seine Ausbildung im gehobenen Polizeivollzugsdienst in Bremen. Nach der Ausbildung arbeitete er ab 2008 zunächst bei der Bremer Bereitschaftspolizei – „der klassische Einstieg“, wie Kopelke im Gespräch mit dem RND sagt. 2011 wechselte Kopelke dann zur Schutzpolizei – fuhr in einem Bremer Stadtteil Streife im Schichtdienst.

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Der verheiratete Vater zweier Kinder trat schon zum Ausbildungsbeginn in die Gewerkschaft der Polizei ein. 2014 ließ er sich von der Arbeit bei der Schutzpolizei freistellen, kümmerte sich bis 2017 im Gesamtpersonalrat des Landes Bremen um die Belange der Beamten und Beschäftigten und war parallel dazu auch GdP-Landesvorsitzender.

Jochen Kopelke unterhält sich nach einem Grußwort der Bundesinnenministerin mit Nancy Faeser (SPD).

Jochen Kopelke unterhält sich nach einem Grußwort der Bundesinnenministerin mit Nancy Faeser (SPD).

Abstecher ins Gesundheitsressort

Anschließend besuchte Kopelke einen Aufstiegslehrgang für den Höheren Dienst, arbeitete beim Bremer Landeskriminalamt und schließlich als Polizeiführer vom Dienst in der Leitstelle der Polizei Bremen – bis die Corona-Pandemie begann und Kopelke in das Bremer Gesundheitsministerium wechselte. „Im Gesundheitsressort lief eine Flut an Informationen zusammen, ein bisschen wie in der Leitstelle und im Lagezentrum der Polizei“, erklärt Kopelke. „Deshalb wurde ich als Polizist ins Gesundheitsministerium abgeordnet, um dort ein Lagezentrum aufzubauen und dieser Pandemie eine Struktur im Verwaltungsapparat zu geben.“

Nach elf Monaten beorderte die Polizei Kopelke zurück – nun in den Präsidialstab des Bremer Polizeipräsidenten. Das nächste Karrieresprungbrett für den jungen Beamten: Anfang 2021 verließ der das Bremer Polizeipräsidium erneut und leitet seitdem das Büro des Bremer Innensenators Ulrich Mäurer. Mit seinem derzeitigen Chef verbindet Kopelke auch das Parteibuch: Wie seine beiden Vorgänger an der Spitze der GdP ist der 38-Jährige Mitglied der SPD.

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„In die SPD bin ich erst 2013 eingetreten“, sagt Kopelke dem RND. „Als Polizeibeamter läuft in der Arbeiterpartei SPD nicht automatisch alles perfekt. Ich selbst habe eine große Nähe zu sozialdemokratischen Ideen – teils findet man diese Ideen auch in der GdP wieder“, sagt er. Politische Neutralität sei in der Gewerkschaft jedoch sehr wichtig. „Es geht uns um die Sache, nicht um das Parteibuch“, so Kopelke.

Emotionaler Abschied: Nach neun Jahren an der Spitze der GdP eröffnete Oliver Malchow am Montag zum letzten Mal als Vorsitzender den Bundeskongress der Gewerkschaft.

Emotionaler Abschied: Nach neun Jahren an der Spitze der GdP eröffnete Oliver Malchow am Montag zum letzten Mal als Vorsitzender den Bundeskongress der Gewerkschaft.

Große „Anpacker-Themen“

In der GdP läutet der neue Bundesvorsitzende nun einen Generationenwechsel ein - das Durchschnittsalter auf dem Gewerkschaftskongress liegt bei 49 Jahren. „Das ist eine große Herausforderung. Wir müssen uns nicht nur nach Lebensalter, sondern auch nach Dienstalter und Erfahrung verjüngen“, sagte er. Viel wichtiger sei aber der „Blick ins Gelände“: „Wie steht es um die Polizeien der Länder und des Bundes? Es liegen große Anpacker-Themen vor uns.“ Kopelke geht es um die Digitalisierung der Polizei, bei der der Mensch nicht vergessen werden dürfe. Um Fachkräftemangel, um physische und psychische Belastung. „Viele belastende Polizeieinsätze, seien es Einsätze wegen Beziehungsgewalt, oder bei schweren Verkehrsunfällen, brauchen anschließend eine psychologische Begleitung“, erklärt Kopelke.

„Die Notwendigkeit, dafür Hilfsangebote zur Seite zu stellen, wurde erkannt“, sagte er. „Aber da gibt es noch viel Luft nach oben in der Frage, wie man die Arbeitsfähigkeit der Menschen eigentlich richtig wiederherstellt, die zunehmend Schlimmstes erleben.“

Kopelke will mahnen, dass die Standards der Polizei trotz Fachkräftemangels hoch bleiben, „weil auch der Anspruch an die Polizei hoch bleiben wird.“ Und er will darauf drängen, dass die Polizistinnen und Polizisten gut ausgestattet sind. „Selbst wenn es genug Personal gäbe, verfügen die Kolleginnen und Kollegen hierzulande noch immer nicht alle über eine nach modernen Maßstäben sichere Ausstattung, zum Beispiel genug Schutzwesten und Funkgeräte“, beklagt Kopelke.

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Vorbereitung für Krieg und Krise

„Wir werden zudem die Frage, wie man sich als Sicherheitsbehörden für eine Krise oder einen Krieg in Europa aufstellen muss, ganz oben auf die Tagesordnung setzen“, erklärt er. „Es hilft uns nicht, festzustellen, dass auf einmal der Strom weg ist und kein Polizist mehr funken kann.“ Das sei eine der Mammutaufgaben der nächsten Monate.

Es gebe nach wie vor einen Schwerpunkt bei der Terrorismusbekämpfung, erklärt Kopelke, „wir werden zudem womöglich Spannungen auf den Straßen erleben, vor dem Hintergrund einer offenbar zunehmenden gesellschaftlichen Spaltung.“

Angesichts einer „womöglich zunehmenden sozialen Spaltung und nicht auszuschließender Unruhen auf den Straßen“ werde die Gewerkschaft immer wieder in der Öffentlichkeit ihre Stimme erheben. „Die öffentliche Meinungsäußerung, also ein hierzulande fundamentales demokratisches Recht, ist ganz sicher kein Freibrief für Angriffe auf Beschäftigte des öffentlichen Dienstes –egal, wie aufgeheizt die Stimmungslage ist.“

Der Einsatz für die Interessen der und 200.000 GdP-Mitglieder wird Kopelke schon in den nächsten Tagen aus dem Kongresshotel am Rande des Stadtteils Neukölln ins Herz des politischen Berlins führen. Am Donnerstag wird er im Kanzleramt mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zusammentreffen. Scholz hat Vertreter von Gewerkschaften und Wirtschaftsverbänden im Rahmen der „Konzertierten Aktion“ zum Gespräch geladen. Auch mit der für die Bundespolizei zuständigen Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) will sich Kopelke bald treffen.

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Und auch über ein Treffen mit Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) würde er sich freuen. „Ich hätte da Redebedarf“, sagt Kopelke und lacht. Einem Bericht der „Welt“ zufolge hat Innenministerin Faeser Lindner kürzlich in einem Brief vorgeworfen, er blockiere die Finanzierung der Pensionsanhebung für Polizisten, auf die die Ampel-Parteien sich in ihrem Koalitionsvertrag geeinigt hatten.

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