Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Kämpfe im Donbass

Sinkende Moral auch bei ukrainischen Soldaten: Der Abnutzungskampf fordert Selenskyj

Auf diesem vom Pressebüro des ukrainischen Präsidenten zur Verfügung gestellten Foto hört Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, einen Bericht eines Soldaten nahe der Frontlinie in der Region Donezk.

Auf diesem vom Pressebüro des ukrainischen Präsidenten zur Verfügung gestellten Foto hört Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, einen Bericht eines Soldaten nahe der Frontlinie in der Region Donezk.

Die „maximale Kampfkraft“ russischer Truppen sei nun im Donbass versammelt, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in der vergangenen Woche in einer Videobotschaft. Am Mittwoch sprach er dann von einer der schwersten Schlachten des Krieges, die seine Truppen bei Sjewjerodonezk im Donbass kämpfen müssten. Selenskyj, der in den ersten Kriegsmonaten stark auf positive Botschaften setzte, macht jetzt immer eindringlicher auf die schwierige Lage im Osten des Landes aufmerksam.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Die Konzentration auf Sjewjerodonezk sieht Markus Reisner, Oberst des österreichischen Bundesheers, als Fehler: Die Wichtigkeit der Stadt ergebe sich aus ihrer Größe von rund 100.000 Einwohnern, militärstrategisch sei es aber nicht sinnvoll, die Stadt zu halten. „Material und Menschen dort reinzuwerfen ist eigentlich eine Katastrophe“, sagt der Militärexperte im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

+++ Alle Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine im Liveblog +++

Reisner sieht den Krieg in seiner dritten Phase angelangt. In den ersten fünf Wochen habe die Ukraine die russischen Truppen erfolgreich zurückgedrängt und Kiew verteidigt. Danach habe es in der zweiten Phase eine Konsolidierung der russischen Truppen gegeben, die dritte Phase sei durch die Abnutzungskämpfe und Umfassung im Donbass gekennzeichnet. „Die Strategie Russlands hat sich von einem schnellen zu einem langsameren Vorgehen verschoben“, erklärt Reisner. Solange die Ukraine die russische Artillerie, also großkalibrige Geschütze und Raketen­werfer, nicht brechen könne, sei der Abnutzungskampf nicht zu stoppen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ukrainische Soldaten beschweren sich

Das macht sich auch in der Truppenmoral bemerkbar. Zu Kriegsbeginn gab es zahlreiche Berichte über Motivationsprobleme der russischen Kräfte, mittlerweile äußern aber auch ukrainische Soldaten ihre Unzufriedenheit mit der Lage. Reisner zählt 19 Videos mit Dutzenden Soldaten in den sozialen Netzwerken, die er als echt einschätzt. „Sie sagen in den Videos, dass es bei ihnen jetzt einfach nicht mehr geht, und sie fordern Unterstützung aus dem Westen der Ukraine“, berichtet der Militärexperte. In einem der Videos sind knapp 30 Männer zu sehen, einer von ihnen verliest eine rund einminütige Botschaft. Offenbar beschweren sie sich, wie „Kanonenfutter“ behandelt worden zu sein. Selenskyj verspreche, dass man alles tun wolle, um das Leben von Soldaten zu retten, halte das aber nicht, heißt es dazu in einem Telegram-Kanal. Zwar sei eine Gegenoffensive an der Grenze der Regionen Mykolajiw und Cherson gelungen. „Aber zu welchem Preis haben wir diesen Erfolg erzielt?“

Die sinkende Moral liegt laut Reisner auch daran, dass Russland es verstehe, die Elitetruppen, die in der Ostukraine stationiert sind, zu binden – und dann weniger gut ausgebildete Truppen aus dem Westen des Landes in Kämpfe zu verwickeln. „Wenn die Schlacht im Donbass verloren geht, wäre das die zweite große Niederlage nach Mariupol. Das wäre ein enormer Erfolg, den die russische Propaganda ausnutzen kann und der den Kampfeswillen der Ukraine noch weiter drücken wird.“

Reisner vermutet, dass sich Stimmen mehren werden, die die ukrainische Strategie infrage stellen. „Viele werden erkennen, dass es möglicherweise ein Fehler war, sich im einge­kesselten Gebiet im Donbass zu verkämpfen, anstatt sich auf eine starke Verteidigungslinie zurückzuziehen und diese zu halten.“ Eine solche Linie könne beispielsweise der Dnjepr darstellen, der für russische Truppen nur schwer zu überqueren sei.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ein weiterer Vorteil Russlands: „Deren Truppen rotieren in einem Rhythmus von fünf Tagen. Sie kämpfen, dann gibt es eine kurze Feuerpause, in der neue Soldaten in den Einsatz geschickt werden.“ Diese Pausen würden im Ausland verwundert beobachtet werden und manchmal gar als Erfolg der Ukraine ausgelegt werden. „Aber im Gegenteil ist das positiv für Russland, die ukrainischen Truppen sind hingegen rund um die Uhr im Einsatz“, erklärt Reisner.

Selenskyj innenpolitisch unter Druck

Nicht nur militärisch, auch politisch kann sich die Lage in der Ukraine verschärfen. Roderich Kiesewetter, Obmann der Union im Auswärtigen Ausschuss, beobachtet mit Sorge, dass Selenskyj zunehmend innenpolitisch unter Druck gerät, wie er im Gespräch mit dem RND sagt. Seine Beliebtheit bei der ukrainischen Bevölkerung speise sich daraus, dass Selenskyj als Korruptionsbekämpfer gewählt worden sei und durchaus Erfolge auf diesem Gebiet vorweisen könne.

„Aufgrund der ausbleibenden Erfolge wird der Druck auf ihn jetzt größer. Nach den Kriegsverbrechen in Butscha, Irpin und anderen Orten werden die Forderungen größer, keinerlei Zugeständnisse mehr an Russland zu machen und weder auf Krim noch auf Nato‑Mitgliedschaft zu verzichten, Zugeständnisse für die Selenskyj zu Beginn des Krieges noch Verhandlungsbereitschaft zeigte“, sagt Kiesewetter. „Wir laufen Gefahr, in Deutschland und der EU einen proeuropäischen Mann als Präsidenten zu verlieren, der dann durch die alten Eliten ersetzt wird.“ Auch Militärexperte Reisner sagt, es gebe Gerüchte um die Zukunft Selenskyjs. Möglicherweise mache das Militär Druck.

Wie kleine Dörfer in der Ukraine unter dem russischen Einmarsch leiden

Russland behauptet, es sei auf einer Mission zur „Befreiung“ des Donbass, der seit 2014 teilweise von Separatisten kontrolliert wird.

Die schwierige Lage im Donbass zeigt sich für Reisner auch darin, dass die russischen Besatzer die Lage gut im Griff hätten. Aufstände der Bevölkerung seien kaum noch zu beobachten. In früheren Phasen des Kriegs wurden insbesondere aus Cherson in den sozialen Medien Videos von demonstrierenden Einwohnern geteilt. Selbst bei russischen Schüssen zeigten sie sich angstfrei.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Laut Reisner habe Russland mit Unterstützungslieferungen in die besetzten Gebiete die Bevölkerung auf seine Seite gezogen. Die Bevölkerung erhalte propagandawirksam Nahrung und medizinische Versorgung, aber zum Beispiel auch Kinderspielzeuge. „Das läuft nach dem klassischen Muster: Die Hand, die mich füttert, beiße ich nicht.“ Ein mögliches Referendum im Donbass könne die russischen Bemühungen, in den Gebieten eine eigene Staatlichkeit auszubauen, weiter vorantreiben.

Waffenlieferungen stocken: Der Bundessicherheitsrat entscheidet nicht

Für Außenpolitiker Kiesewetter hätte das aber keine Auswirkungen auf die deutsche Haltung zu Waffenlieferungen. „Ein Referendum im Donbass wäre eindeutig völkerrechtswidrig.“ Wenn Putin ukrainische Angriffe im Donbass dann als Eingriff auf Staatsgebiet werten würde, sei das offensichtlich nur ein konstruierter Grund für weitere Aktionen. Deshalb sei eine westliche Zurückhaltung auch der falsche Weg: „Warum sollten wir zurückstecken? Sich jetzt einschüchtern zu lassen schreibt nur fest, dass weitere Kriegsverbrechen geschehen.“

Stattdessen erneuert Kiesewetter seine Forderung nach schnellen und umfangreichen Waffenlieferungen an die Ukraine: „Olaf Scholz hat mit seiner Zeitenwende-Rede Erwartungen geweckt, die nicht erfüllt werden. Die bisherigen Ringtauschverfahren sind zu aufwendig und zu langwierig.“ Zwar habe die Bundesregierung Waffenlieferungen zugesagt, der Bundes­sicherheitsrat, der solche Lieferungen genehmigen muss, fälle mit seinem Vorsitzenden Olaf Scholz im Moment aber keine Entscheidungen. Das deutsche Zögern erhöhe den Druck in der Ukraine weiter – während im Ausland der Krieg langsam aus den Schlagzeilen ver­schwinde, wie Kiesewetter befürchtet. „Wie in Syrien oder Libyen sinkt im Westen nach einiger Zeit das Interesse, und damit ist auch die Unterstützung gefährdet. Das spielt Putin in die Hände.“

Für die kommenden Monate hält Militärexperte Reisner das folgende Szenario für realistisch: Russland könne bis zum Spätsommer den Donbass für sich gewinnen. Dann würden die beiden Kriegsparteien die Stellungen halten. „Für die Ukraine ist es dann wichtig, seine im Land verbliebenen 35 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner durch den Winter zu bringen“, beschreibt der Militärexperte den weiteren Verlauf. Möglicherweise gebe es dann auch auf beiden Seiten Verhandlungsbereitschaft, um sich eine Pause von den Abnutzungs­kämpfen zu verschaffen. Zum Frieden führt das nach Einschätzung von Reisner jedoch nicht: „Nach der Konsolidierung der Truppen ist mit Frühjahrsoffensiven zu rechnen.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue RND-App für Android und iOS herunter

Mehr aus Politik

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen