Boris Palmer holt absolute Mehrheit

OB-Wahl in Tübingen: Triumph des trotzigen Bürgermeisters

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer steht vor seiner dritten Amtszeit (Archivbild).

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer steht vor seiner dritten Amtszeit (Archivbild).

Stuttgart. Er hat es wieder einmal geschafft. Gegen die eigene Partei. Obwohl er seit Jahren mit Pöbeleien bei vielen Menschen Kopfschütteln erntet. Obwohl eine Corona-Infektion seinen Wahlkampf in der wichtigsten Phase lähmte. Boris Palmer, 50 Jahre alt, bleibt Oberbürgermeister von Tübingen, für eine weitere, dritte Amtszeit. Palmer hat diesmal alles auf eine Karte und sich am Sonntag gegen seine Konkurrenten durchgesetzt, sechs an der Zahl, im Alleingang. Hätte er im ersten Wahlgang verloren, so seine Ankündigung, hätte er die Politik an den Nagel gehängt. Nun ist klar: weitere acht Jahre.

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Als er um 19.48 Uhr vor dem Rathaus Interviews gibt, in einem Anzug mit einem Hauch von Grün, macht der neue, alte Oberbürgermeister erstmal klar: Palmer wird Palmer bleiben. „Warum sollte ein Oberbürgermeister, der zum dritten Mal mit Mehrheit gewählt wird, seinen Stil ändern?“, sagt er den Journalisten. Er gibt sich ruhig und abgeklärt, aber man merkt: Palmer strotzt vor Selbstbewusstsein, noch mehr als bisher.

Es war ein außergewöhnlicher Wahlkampf: Palmer kämpfte gegen die eigene Partei, als unabhängiger Kandidat. Der bundesweit bekannte Politiker hat es sich so sehr verscherzt mit den Grünen, dass seine Mitgliedschaft bis Ende 2023 ruht. Immer wiederkehrende Tabubrüche und Rassismusvorwürfe stehen im Raum. Die Grünen wollen im kommenden Jahr mit ihm Gespräche führen, wie er „zukünftig kontroverse innerparteiliche Meinungen äußern könnte unter Beachtung der Grundsätze und Ordnung der Partei“. Das kann er nun gelassen angehen.

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Seine grüne Konkurrentin Ulrike Baumgärtner (Grüne, 22 Prozent) lässt Palmer bei der OB-Wahl weit hinter sich. Auch Sofie Geisel (SPD, von der FDP unterstützt) bringt es nur auf 21,4 Prozent der Stimmen. Palmer sei eben eng verwurzelt mit Tübingen, erklärt sich Geisel im Anschluss das Ergebnis. „Da kommen zwei Frauen nicht dagegen an.“ Und das, obwohl Palmer zuletzt im Wahlkampf noch einen klaren Wettbewerbsnachteil hatte - er infizierte sich in der entscheidenden Phase mit dem Coronavirus. An Talkrunden konnte er nur digital teilnehmen. Erst Samstag fiel der Test wieder negativ aus.

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Aber es ist auch sonst alles andere als eine normale Oberbürgermeisterwahl in Tübingen. Bereits am späten Nachmittag versammeln sich Hunderte Bürger auf dem Marktplatz, sie haben sich Bier, Wein und Snacks mitgebracht, warten gemeinsam auf die Verkündung der Ergebnisse. Übertragungswagen stehen am Marktplatz, Kameras sind aufgebaut. Lokalpolitik als Event: Palmer-Public-Viewing.

Popularität durch Polarisierung, das ist das Prinzip Palmer. Und das spürt man auch in dieser Menge vor dem hell erleuchteten Rathaus. Jedes Mal, wenn die Auszählung eines weiteren Wahllokals bekanntgegeben wird und sich die Tendenz zur absoluten Mehrheit verfestigt, jubeln und klatschen viele im Publikum. Auch als Palmer sich am Fenster seines Büros blicken lässt, um ein Foto seiner Fans für Facebook zu schießen, ist die Meute begeistert.

Jubel und Buhrufe

Palmer ist ein Promi, ob man ihn nun mag oder nicht. Es gibt auch laute Buhrufe aus der Menge. „Schande, dass ein Rassist gewählt wird!“, schreit ein junger Kerl, als so gut wie klar ist, dass der 50-Jährige gewinnen wird. Jetzt steige er in die „Position des Sonnenkönigs“ auf, sagt ein anderer, der sich nicht zu Palmers Fanclub zählt.

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Seinen Gegnern gilt Palmer seit jeher als egomanisch und rechthaberisch. Immer wieder provozierte er in der Vergangenheit, schlug mit seinen Äußerungen bundesweite Wellen, sitzt regelmäßig deshalb in den großen Polit-Talkshows. Deshalb ist heute wohl kein Oberbürgermeister einer vergleichbar großen Stadt wie Tübingen so bekannt wie er. Manchmal hat man den Eindruck, Palmer braucht den Widerhall, den Streit. Im Wahlkampf jedenfalls sparte er sich Eklats. Es ging um Tübinger Themen, und viele Tübinger meinen, er hat die Stadt enorm vorangebracht in den vergangenen 16 Jahren.

Anhänger feiern ihn als unbequemen Querkopf. Unter seinen Unterstützern sind gut vernetzte Mediziner, Künstler wie Dieter Thomas Kuhn und viele Unternehmer. Und ihnen sind - anders als bei den Grünen - die Taten Palmers offensichtlich wichtiger als seine manchmal missratenen Worte. Auch die prominente Tübinger Ärztin Lisa Federle ist zum Rathaus gekommen, um zu fiebern und zu feiern, sie ordnet sich klar ins Team Boris ein. Palmer habe in der Corona-Krise super angepackt, sei kompetent, erfahren und ein ehrlicher Charakter. Aber sie räumt auch ein, dass Palmer Macken hat: „Wenn er ab und zu die Gosch' halten würde, wäre es gut.“

RND/dpa

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