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Schluss mit meckern

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) beim Wahlkreisgespräch im Gemeindezentrum Langerwisch in Michendorf.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) beim Wahlkreisgespräch im Gemeindezentrum Langerwisch in Michendorf.

Liebe Leserin, lieber Leser,

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Freitag, 12.50 Uhr, eine empörte Leserin ist am Telefon und beschimpft mich für meinen Text über die Auftritte von Olaf Scholz in seinem Wahlkreis in Langerwisch und in der Bundes­pressekonferenz in Berlin. Sie stört sich an diesem Satz: „Die anderen in Langerwisch sorgen sich mehr um Einkommen und Wohlstand, um ihre Rente. 3,29 Euro koste Butter jetzt. Manche Senioren müssten auf den billigeren Frischkäse umsteigen. Die Bürokratie sei eine unerträgliche Last geworden, in der DDR sei manches besser gewesen.“

Wie ich dazu komme, so etwas zu schreiben, will die Anruferin wissen. Sie ist aufgeregt, spricht laut und lässt mich ganze vier Minuten nicht zu Wort kommen. Als sie einmal Luft holt, hake ich schnell ein, um zu fragen, warum ich nicht wiedergeben sollte, was Bürgerinnen und Bürger bei einem Treffen mit dem Bundeskanzler sagen. Das seien deren Sorgen und Klagen gewesen. Die Leserin ist irritiert. Ich hätte doch behauptet, dass die Butter 3,29 Euro kostet. Nein, habe ich nicht, antworte ich ihr. Ist auch egal, meint sie, auf jeden Fall hätte ich schreiben müssen, dass man auch Butter für 2,22 Euro bekommen kann.

Das ist aber auch ganz schön teuer, werfe ich schnell ein. Dann legt sie erst richtig los. Was eigentlich so schlimm daran sei, Frischkäse statt Butter zu essen, wenn das Geld nicht reiche. Und was das überhaupt heiße, in der DDR sei manches besser gewesen. Sie habe in der DDR gelebt und als Lebensmittel­verkäuferin im Konsum gearbeitet. Damals habe die Butter zwei Mark fuffzig gekostet und die Löhne seien viel niedriger gewesen. Für Bananen und Apfelsinen hätten die Menschen Schlange gestanden. Noch heute würden sie Menschen aus dem Ort nicht grüßen, weil sie Weihnachten von ihr oft keine Apfelsinen bekommen hätten. „Ich. Hatte. Sie. Nicht!“, ruft sie durchs Telefon.

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Bundeskanzler Olaf Scholz stellt sich den Fragen der Bürgerinnen und Bürger in seinem Wahlkreis.

Bundeskanzler Olaf Scholz stellt sich den Fragen der Bürgerinnen und Bürger in seinem Wahlkreis.

Heute sei alles im Überfluss da. Obst, Gemüse, Fleisch. Fleisch sei übrigens in der DDR viel teurer gewesen. Und in der DDR habe es auch nur eine – „EINE!“ – Sorte Schnittkäse gegeben. Das Haus, in das sie gezogen seien, sei total hinüber gewesen, und für einen Sack Zement hätten sie Stunden angestanden, als es mal wieder welchen gab. In den Urlaub seien sie so gut wie nie gefahren. Heute machten schon junge Menschen Weltreisen. „Und trotzdem wird immer nur gemeckert!“ Rente zu niedrig, Einkommen zu niedrig, Wohlstand gefährdet. Sie könne es nicht mehr hören.

Die Medien dürften nicht immer nur jene zitieren, die jammern. Dann habe sie bald keine Lust mehr, die Zeitung zu lesen. Ihr Mann übrigens auch nicht. Ich sage ihr, dass in Langerwisch niemand war, der etwas gelobt hat. „Das ist ja noch schlimmer!“ entfährt es ihr. Ob ich vielleicht mit ihr ein Interview führen könnte, frage ich sie. Nein, nein, nein. So gut könne sie sich nicht ausdrücken. Ich muss lachen. Sie dann auch.

Nein, sie seien einfache Leute, ihr Mann sei Klauenpfleger gewesen – ein schwerer Beruf. Aber sie seien mit allem zufrieden. Die Krankenkasse trage ihre Behandlungen, die Supermarktregale seien voll. Ich könnte auch alles aufschreiben, was sie gesagt habe, aber nicht mit ihrem Namen. Den verrate sie mir nicht. Sonntags backe sie übrigens immer Kuchen. Muss man nicht kaufen, kann man selbst machen. Ich könnte vorbeikommen, sagt sie und gibt mir ihre Adresse.

Und die Zeitung bestelle sie natürlich nicht ab. Das habe sie nur gesagt, weil sie sich so geärgert habe. Man müsse ja wissen, was los ist in der Welt, auch wenn es einem nicht gefällt. Und dieses Internet habe sie nicht. Will sie auch nicht mehr haben. Wie ich sie in dem Text denn beschreiben soll, frage ich sie nach 18 Minuten Powertelefonat noch. „Frau aus Treuenbrietzen, 85 Jahre alt. Und Grüße von meinem Mann, der ist 88.“ Ein Highlight des Tages.

Spahn nennt Bundeskanzler Scholz einen „Meister der Selbstzufriedenheit“

Unionsfraktionsvize Jens Spahn hat Olaf Scholz als einen „Meister der Selbstzufriedenheit“ bezeichnet. Dies sei in der jetzigen Krise unangemessen.

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Machtpoker

Die Bürgerinnen und Bürger sind schlau.

Olaf Scholz,

Bundeskanzler, in seiner Sommerpressekonferenz

Der Bundeskanzler sagt, er glaube nicht daran, dass es angesichts mehrerer aktueller Krisen im Land zu Unruhen komme. Verfassungsschützer und Kabinettsmitglieder hatten erklärt, dass sie damit rechnen, dass Rechts­extreme und Corona-„Querdenker“ die steigenden Preise als neues Mobilisierungsthema für massive Demonstrationen nutzen werden. Scholz sagt aber, die Menschen machten sich nichts vor. „Sie wissen, dass das jetzt nicht ganz einfach wird und dass nicht alle Probleme, die auf uns zukommen, in unserer Hand liegen.“ Damit meint er den Gaslieferstopp von Kremlchef Wladimir Putin. Der Kanzler reicht den Bürgern und Bürgerinnen die Hand: „Ich bin mir ganz sicher, dass wir uns unterhaken und dass das die deutsche Antwort auf eine solche Herausforderung sein wird.“ Die Frage ist allerdings, ob er das so formuliert, weil er wirklich von Weitsicht und Klugheit der Bürger überzeugt ist, oder ob er mit dieser Charmeoffensive erst einmal Punkte machen will. Denn wer will nicht schlau sein oder vom Bundeskanzler so genannt werden? Vielleicht denkt der eine oder die andere doch noch einmal nach, bevor man sich von Rechtsextremen vereinnahmen lässt.

Olaf Scholz bei seiner ersten Sommerpressekonferenz als Bundeskanzler in der Bundes­pressekonferenz.

Olaf Scholz bei seiner ersten Sommerpressekonferenz als Bundeskanzler in der Bundes­pressekonferenz.

 

Wie unsere Leserinnen und Leser auf die Lage schauen

An dieser Stelle geben wir Ihnen das Wort.

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Hans-Dieter Genrich aus Hannover zum Interview mit Ex-Wirtschaftsminister Peter Altmaier (RND+):

„Peter Altmaier hatte zu wenig Mut. Er war in seinen Positionen eher der Verwalter als der Gestalter in Zukunftsfragen. Seine vielfältigen Auftritte in den Talkshows waren unterhaltsam – er blieb nie eine Antwort schuldig, stellte sich ausgesprochen selbstsicher für alle Jobs ein gutes Zeugnis aus. So auch in diesem Interview: In Sachen Energiewende wurde er nach seinen Worten 2019 entweder durch SPD-Politiker oder in Bayern bei der Umsetzung der Stromleitungen von Nord nach Süd sowie bei der nötigen Installation von neuen Windrädern durch die dortige Landesregierung ausgebremst. Ebenso wurde er nach seinen Worten 2019 in Sachen LNG-Terminals durch die Industrie ausgebremst, weil zu teuer. Angedachte Anstoß­finanzierungen vom Bund wurden von Brüssel im ersten Anlauf abgelehnt. Ich will sagen, Herr Altmaier hat formal all diese Themen nur angestoßen – „gebrannt“ hat er dafür nicht. Die fahrlässigen Versäumnisse von Herrn Altmaier in Sachen Russen-Gas sind umso dramatischer, wenn er zum Ende des Interviews selbst feststellt: Seit der Annexion der Krim 2014 war klar, wie Putin denkt.“

Langjährige Freunde: Wladimir Putin 2005 zu Besuch beim damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Langjährige Freunde: Wladimir Putin 2005 zu Besuch beim damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Rasmus Helt aus Hamburg zum Kommentar zu Gerhard Schröder:

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„Die Analyse von Kristina Dunz trägt leider einen viel zu polemischen Charakter. Zum einen erscheint es ziemlich unredlich, bei Menschen, die sich für die friedliche Lösung eines Konfliktes engagieren, davon zu sprechen, dass diese angeblich anderen gegenüber „verfallen“ seien. Zum anderen zielt der Vorwurf gegenüber dem Kreml bei der Gasturbine etwas ins Leere, da man bei einem Handelskrieg nicht erwarten darf, dass einem der erklärte Kontrahent auch noch mit freudigen Zugeständnissen anstatt einer Gegenwehr antwortet. Deshalb bleibt das Engagement des Altkanzlers in jedem Fall richtig, da die meisten Kriege in der Geschichte immer am Verhandlungstisch beendet wurden. Die so dringend benötigte neue europäische Sicherheitsarchitektur dürfte ebenso unter Ausschluss eines so großen Landes wie Russland kaum funktionieren.“

Manfred Reschke aus Neustadt am Rübenberge zum Kommentar zu Agrarminister Özdemir:

„Frau Dunz kritisiert Herrn Agrarminister Özdemir mit den negativ belegten Wörtern wie Trauerspiel und Rolle rückwärts. Das klingt altklug und ist unangemessen. Es geht um die Abwägung, die Hungernöte von Menschen in den ärmsten Ländern der Welt zu lindern oder ein Programm zum Schutz von Insekten befristet auszusetzen? Ein Trauerspiel ist es deswegen schon nicht, weil eine Schutzwirkung für die Insekten nur vermutet wird, aber wissenschaftlich nicht nachgewiesen ist. Eine neue Studie aus Frankreich sieht den Klimawandel als Hauptursache für das Insektensterben. Der Insektenrückgang ist ein weltweites Phänomen, auch in Naturschutz­gebieten und in den ausgedehnten Wäldern und unbewohnten Gebieten dieser Erde. Da nur auf 20 Prozent der Erdoberfläche Landwirtschaft betrieben wird, sollte uns dies doch allein von der Größenordnung her nachdenklich machen. Dass nun eine kurzfristige Verschiebung der Stilllegung der Produktion von 4 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche eine solche Diskussion auslöst, das ist das eigentliche Trauerspiel.“

Elisabeth Krause aus Lehrte zum selben Thema::

„Schämen Sie sich, Herr Özdemir, und mit Ihnen die ganze Grünen-Partei. Sie haben Hoffnungen geweckt, Versprechen nicht eingehalten und ihre Wähler betrogen.“

 

Das ist auch noch lesenswert

Matthias Koch über die Krim

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Karl Doemens über Trump: Das lautstarke Schweigen eines Großmauls

Steven Geyer über den Fall Schlesinger (RND+)

 

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Das Autorenteam dieses Newsletters meldet sich am Dienstag wieder. Dann berichtet mein Kollege Markus Decker. Bis dahin!

Herzlich

Ihre Kristina Dunz

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