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Eine Psychologin hilft Geflüchteten

Traumatisierte Kinder aus der Ukraine: „Das sollte nie jemand erleben müssen“

Ein Kind aus der Ukraine am Hauptbahnhof in Prag (Tschechien).

Das Leid der Menschen erfassen und es mit ihnen bewältigen. Teresa Ngigi, Traumaspezialistin der SOS-Kinderdörfer, tut dies an vielen Krisenorten der Welt. Als Freiwillige arbeitet sie derzeit an fünf Schulen in ihrem Wohnort Triest, um traumatisierten Kindern und Müttern zu helfen, die aus der Ukraine geflüchtet sind. Dabei setzt die gebürtige Nigerianerin auf die Schulung nicht hauptberuflicher Kräfte und auf Hilfestellungen für die erwachsenen Flüchtlinge, um möglichst viele Menschen, speziell Kinder, erreichen zu können. „Traumatisiert“, sagt Ngigi im Gespräch mit dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND), „sind sie alle.“

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Frau Ngigi, wenn wir über traumatisierte ukrainische Personen, insbesondere Kinder sprechen, über welche Größenordnung sprechen wir dann. Sind das Zehntausende, Hunderttausende?

Die Ukraine ist ein Land mit 7,5 Millionen Kindern. Und ich würde sagen, dass alle diese Kinder traumatischen Situationen ausgesetzt waren und sind. Selbst wenn ihnen direkt nichts widerfahren ist, wissen sie doch um das, was gerade passiert. Das reicht aus.

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Der Krieg als Verlust des Gefühls der Sicherheit und Geborgenheit im eigenen Land.

Ich will Ihnen ein Beispiel erzählen von einer 25-jährigen alleinerziehenden Mutter aus Kiew, die sich dafür entschied, mit ihrem fünf Jahre alten Kind in einem Zug aus der Ukraine zu fliehen. Ich fragte sie, ob sie und ihr Kind Bombardements oder Artilleriebeschuss ausgesetzt gewesen seien. Nein, sagte sie, aber ihr Sohn habe die Sirenen gehört und die Einschläge. Die Zugreise nach Polen dauerte dann geschlagene zwei Tage. Und sie reisten in einem Abteil, das für sechs Menschen ausgelegt war, in dem aber 20 Personen – acht Mütter und ihre Kinder – reisten. Reiner Stress. Danach ging es noch zwei weitere Tage bis nach Triest.

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Nach russischen Angaben haben sich alle ukrainischen Soldaten im Asow-Stahlwerk ergeben. Damit habe Russland die volle Kontrolle über Mariupol.

Eine Situation, in der die Nerven blank liegen.

Ich fragte sie, was sie ihrem Kind erzählt habe. Sie habe es beschützt, versicherte sie, ihm gesagt, es gehe auf ein Abenteuer, in die Ferien. Aber sie zitterte, als sie das erzählte, und war wirklich verzweifelt. Und durch diese Verzweiflung, während sie zugleich versuchte, ihren Sohn zu ermutigen, erfuhr dieser eine Belastung. Das ist nur ein Kind von 1,5 Millionen, die bisher aus der Ukraine vertrieben wurden. Sie sind alle belastet – direkt oder indirekt. Und meine große Sorge ist, wie sich das auf ihre Entwicklung auswirkt.

Wie erleben Sie die Kinder in Triest?

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Es ist hier eine kleinere Gruppe, ich sehe sie in den Schulen. Manche haben tieftraurige Gesichter. Manche sind gar nicht in der Lage, die neue Sprache zu erlernen – nachdem sie einem Trauma ausgesetzt waren, sind manche Kinder wie eingefroren. Sie sind noch in der Kampf-oder-Flucht-Reaktion, alle anderen Fähigkeiten sind stillgelegt. Ein solches Kind ist auch nicht in der Lage, mit anderen zu interagieren, denn sein Vertrauen wurde verletzt. Die Mütter weinen, sie wollen zurück nach Hause, und das Kind weiß nicht, wo es hingehört. Manche Kinder lockern sich, aber andere sind wirklich total isoliert.

„Was jetzt in der Ukraine passiert, ist auch in Syrien geschehen": Im Bürgerkrieg in Syrien bildete Teresa Ngigi in Syrien ein Krisen­interventions­team für traumatisierte Kriegskinder aus.

„Was jetzt in der Ukraine passiert, ist auch in Syrien geschehen": Im Bürgerkrieg in Syrien bildete Teresa Ngigi in Syrien ein Krisen­interventions­team für traumatisierte Kriegskinder aus.

Gibt es denn genug therapeutische Fachkräfte, um die Herkulesaufgabe einer traumatisierten Generation zu bewältigen – allen Kindern zu helfen?

Meine Kollegen der SOS-Kinderdörfer in der Ukraine tun alles, um so viele Kinder wie möglich zu erreichen. Wenn sie nicht in die Gebiete kommen, leisten sie psychologische Hilfe per Telefon oder Internet. Auch in den Nachbarländern leisten wir und andere Organisationen psychologische Hilfe. Dennoch: Es ist sehr schwer, sich vorzustellen, dass wir alle Probleme lösen, die das Kriegstrauma bei den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen hervorgerufen hat. Aber wir, ich und die freiwilligen Helfer hier in Triest, müssen unsere Ärmel hochkrempeln und anpacken. In dieser begrenzten Umgebung will und kann ich etwas verändern. Meine Kollegen können den Müttern, Großmüttern und Tanten Werkzeuge für psychologische Erste Hilfe an die Hand geben, um mit dem Erlebten sowie der Notlage, in der Fremde sein zu müssen, zurechtzukommen. Es geht um Rituale, für sich selbst Sorge zu tragen, um zur Ruhe zu kommen und das dann an die Kinder weiterzugeben.

Ein Gefühl der Sicherheit wird wiederbelebt.

Kinder schauen zu den Erwachsenen auf. Das ist wie ein Spiegel. Sie erwarten, beim Erwachsenen Antworten auf ihre Fragen zu finden. Wenn sie den Erwachsenen beunruhigt oder traumatisiert vorfinden, ist der Quell ihrer Sicherheit versiegt. Sie können sich nicht mehr aufgehoben fühlen. Dagegen arbeiten wir an. Und obwohl es als Tropfen im Ozean erscheint, ist es immerhin ein Tropfen im Ozean.

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Welche „Werkzeuge“ geben Sie den Müttern?

Diese psychologische Erste Hilfe ist ähnlich wie richtige Erste Hilfe, wo man – nachdem man sich die Knie aufgeschürft hat – Desinfektionsmittel und Pflaster auf die Wunde gibt. Die Traumatisierten verlieren die Hoffnung, die Lebensfreude, den Sinn im Leben, die einfachsten Dinge werden unglaublich schwer. Wir klären die traumatisierte Mutter über die Dynamik eines Traumas auf, seinen Einfluss auf das Leben. Wir lehren sie, den Zusammenhang zwischen der Unmöglichkeit, morgens aufzustehen, und dem, was ihnen widerfahren ist, zu verstehen. Die Betroffene, die das versteht, will sich nicht länger lähmen lassen. Und sie tut etwas, was für sie von Bedeutung ist – beispielsweise nimmt sie eine Dusche. Das klingt banal, ist aber ein bedeutender Erfolg. Man lehrt die Traumatisierten, sich zu erden – einen tiefen Atemzug zu nehmen und um sich herum die Dinge wahrzunehmen und zu benennen, um den Kopf zur Ruhe zu bringen. Und wir trainieren sie, soziale Unterstützung zu suchen: „Streck die Hand nach jemand anderem aus, verbinde dich, bleib nicht isoliert.“ Vorteilhaft ist dabei, wenn es, wie hier in Triest, schon eine kleine ukrainische Gemeinschaft gibt und Verbindungen entstehen können. Und dann helfen wir den Geflüchteten auch, ihre Probleme zu sortieren. Nicht alle der unzähligen Probleme können auf einmal gelöst werden. Wir helfen ihnen, diejenigen Probleme ausfindig zu machen, die gleich erfolgreich lösbar sind.

„Wir sagen: ‚Streck die Hand nach jemandem aus‘“

Also schaffen Sie Ordnung.

Ja. Und dann Normalität. Beispielsweise einen Ort, wo Kinder singen, malen, miteinander spielen, Kind sein können. Das hat sich als sehr hilfreich erwiesen. Was wächst, ist das Verbundenheits­gefühl. Sie kämpfen immer noch mit ihrer Situation, aber sie sind verbunden.

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Kommen die Lehrer in den Schulen mit den neuen Kindern klar?

Die Lehrer wissen manchmal nicht, wie sie vorgehen sollen. Und auch da unterstützen wir. Und umgekehrt ermutigen wir die Mütter, mit den Lehrern zu reden.

Ist ein Durchkommen zu den Traumatisierten immer möglich? Auch dann, wenn ein Kind dabei war, als es etwa beim Raketenangriff auf den Bahnhof von Kramatorsk die vielen zerfetzten Toten gesehen hat? Oder erleben musste, wie die eigene Mutter vergewaltigt wurde?

Niemand sollte jemals solchen Situationen ausgesetzt sein. Was jetzt in der Ukraine passiert, ist aber auch in Syrien geschehen, wo ich länger gearbeitet habe, auch in Äthiopien und in Afghanistan und im Irak – und es ist durch nichts zu rechtfertigen. In Syrien war da ein kleiner neunjähriger Junge, den wir mit seiner elfjährigen Schwester in ein Kinderdorf-Programm aufgenommen hatten. Er nahm mich eines Tages bei der Hand und zog mich zu seinem Haus, um mir etwas in seinem Zimmer zu zeigen. Dort holte er ein Objekt unter seinem Bett hervor. „Was ist das, Ahmed?“, fragte ich. Er sagte: „Eine Bombe, die ich gebaut habe.“ Ich fragte: „Was willst du damit?“ Er sagte: „Mir fehlt noch Chlor – dann sprenge ich alles in die Luft.“ Ich drückte ihn fest an mich, ganz lange, und dann setzten wir uns hin und unterhielten uns. „Ich bin müde von diesem Krieg, er macht mich krank“, sagte Ahmed. „Er raubt uns unsere Eltern, er raubt uns alles, was wir haben. Ich will, dass alle zugrunde gehen!“ Und ich erfuhr, dass Ahmed Zeuge geworden war, wie seine Eltern durch eine Bombardierung ums Leben gekommen waren. Dinge hatte er gesehen, die niemand, erst recht kein Kind, jemals sehen sollte.

„Niemand  sollte jemals solchen Situationen ausgesetzt sein“: Am Morgen des 10. April 2022 schlugen mehrere russische Raketen mit Streumunition auf dem vornehmlich mit Tausenden Müttern und Kindern bevölkerten Bahnhof der ukrainischen Stadt Kramatorsk ein. Mindestens 40 Menschen wurden getötet, Hunderte zum Teil schwer verletzt.

„Niemand sollte jemals solchen Situationen ausgesetzt sein“: Am Morgen des 10. April 2022 schlugen mehrere russische Raketen mit Streumunition auf dem vornehmlich mit Tausenden Müttern und Kindern bevölkerten Bahnhof der ukrainischen Stadt Kramatorsk ein. Mindestens 40 Menschen wurden getötet, Hunderte zum Teil schwer verletzt.

Da braucht es deutlich mehr an individueller Zuwendung.

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Ein Kind, das so etwas erlebt hat, braucht fokussierte Zuwendung eines Therapeuten, um mit dem Trauma fertigzuwerden. Als ich damals mit Ahmed zu tun hatte, fanden die Bombardements nach wie vor statt. Nachts hörten wir die Einschläge und die Gebäude zitterten jedes Mal wie Laub an Bäumen. Und so erlebte dieses Kind dieses Trauma jede Nacht wieder und wieder und wieder. Wenn wir Erwachsene so etwas erleben, dann messen wir dem Geschehenen eine Bedeutung bei, wir ordnen es ein. Das ist einem Kind nicht möglich. Alle Gewissheiten sind zerschlagen. Und doch ist da Hoffnung. Ich habe Situationen erlebt, wo, wenn es uns gelang, gesunde Beziehungen und eine sichere Umgebung zu schaffen, die Kinder uns wieder vertrauten. Das ist möglich.

Auch für Ahmed?

Auch Ahmed vertraute uns wieder. Wir haben viel mit ihm gearbeitet, bis er eines Tages kam und sagte: „Wir können diese Bombe jetzt zerstören. Ich muss das nicht mehr tun.“ Das war der Beginn der Heilung.

„Das Fundament des Lebens mit stärkeren Ziegelsteinen neu bauen“

Ist es möglich, dass das Trauma eines Tages zu ihm zurückkehrt?

Ein Kind wie Ahmed ist natürlich weiterhin fragil. So viel wurde ihm weggenommen. Alles musste neu aufgebaut werden. Das ist nicht eines Tages plötzlich wieder gut. Es ist ein dauerhaftes Heilen, für das dauerhafte Beziehungen gebraucht werden. Wir wenden viel Zeit und Mühe auf, dass unser Betreuungspersonal die Fähigkeiten besitzt, die die Kinder brauchen. Denn wenn ein solcher Prozess unterbrochen wird, wird das Kind unweigerlich retraumatisiert. Beständigkeit ist wichtig, wir nennen das den „Schutzfaktor“. So dass das zerstörte Fundament des Lebens mit umso stärkeren Ziegelsteinen neu gebaut werden kann.

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Sind die russischen Täter, die diese extrem grausamen Dinge verrichten, von denen wir hören, auch traumatisiert?

Wir sagen: „Verletzte Menschen verletzen Menschen.“ Man kann nur geben, was man in sich trägt. Diese Taten sind widerlich, sie sollten nie geschehen sein und geschehen. Aber – ohne je rechtfertigen zu wollen, was so jemand getan hat – ich frage mich, welches Trauma ein solcher Täter mit sich herumträgt. Schauen Sie sich Diktatoren wie Hitler an – er hatte als Heranwachsender viele Probleme. Schauen Sie sich einige unserer Staatslenker heute an. Wenn Sie Knötchen im Haar haben, kommen die in den Kamm. Damit will ich sagen, dass all die ungelösten Probleme eines Tages nach außen kommen. Mein Wunsch: Staatslenker sollten ihre Traumata überwunden haben, bevor sie Staatslenker werden. Wenn sie mit ihrer Traumatisierung in die Staatsführung kommen, passiert genau das, was wir jetzt erleben. Dabei will ich das gar nicht auf politische Führungspersonen beschränken. Das gilt auch für die Leiter von Organisationen und Unternehmen. Viele Chefs tragen ihr Unbewältigtes an die Mitarbeiter weiter: Verletzte Menschen verletzen Menschen.

Stimmt es Sie manchmal traurig oder verzweifelt, dass sie zwar einigen Kindern neuen Mut geben können, dass es aber zurzeit unter den 7,5 Millionen ukrainischen Kindern so viele gibt, die buchstäblich hilflos sind und mit ihrem Schicksal selbst klarkommen müssen, denen Sie und Ihre Kollegen nicht helfen können?

Manchmal fühlt man sich schon klein und machtlos, weil die schlimme Situation so groß ist und man nur sein bisschen tun kann. Aber ich weigere mich, mich auf das zu fokussieren, was ich nicht tun kann. Ich will es diesem riesigen Gebirge, das ich nicht erklimmen kann, nicht erlauben, mich davon abzuhalten, auf den Hügel zu wandern, den ich zu bewältigen vermag. Ich kenne meine Grenzen. Wenn ich zwei Müttern helfe, will ich nicht parallel dazu an die Tausenden denken, denen ich nicht beistehen kann, weil ich nicht an sie herankomme. Ich sage immer: Statt auf die Dunkelheit zu fluchen, will ich eine Kerze anzünden.

In Triest arbeitet die SOS-Kinderdorf-Traumaspezialistin ehrenamtlich mit Geflüchteten: Sie will den Müttern  und Kindern zeigen, „dass es möglich ist, die Fesseln zu sprengen, die sie daran hindern, voll und ganz lebendig zu sein“.

In Triest arbeitet die SOS-Kinderdorf-Traumaspezialistin ehrenamtlich mit Geflüchteten: Sie will den Müttern und Kindern zeigen, „dass es möglich ist, die Fesseln zu sprengen, die sie daran hindern, voll und ganz lebendig zu sein“.

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Teresa W. Ngigi ist Psychologin der SOS-Kinderdörfer. Als Expertin für traumabezogene Fürsorge ist sie in zahlreichen Ländern aktiv. Unter anderem bildete sie in Syrien ein Krisen­interventions­team für traumatisierte Kriegskinder aus. Ngigi stammt aus Kenia und lebt nun mit ihrer Familie in Triest in Italien. Zu ihren Büchern gehören „Breaking the Cycle – the Role of Auntie Rosie in Trauma Informed Care“ und „Trauma and Adoption“. Ihr Hauptziel im Leben ist es, „das Leben der Menschen zu verändern und ihnen Hoffnung zu geben, dass es möglich ist, die Fesseln zu sprengen, die sie daran hindern, voll und ganz lebendig zu sein“.

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