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1. FC Union Berlin

Baumgartl: „Man baut einen Schutzpanzer auf, vor Medien, vor allen. Das ist einfach so“

Hier bin ich wieder: Timo Baumgartl hat die Chemotherapie hinter sich und will über das Aufbautraining wieder ins Team rücken.

Hier bin ich wieder: Timo Baumgartl hat die Chemotherapie hinter sich und will über das Aufbautraining wieder ins Team rücken.

Berlin. Als Timo Baumgartl am Mittwochmittag das kleine Pressezentrum im Stadion An der Alten Försterei betritt, tut er das mit einem Lächeln und, wichtiger fast, in schwarzer Trainingshose und rotem Trainingsshirt, beide bedruckt mit dem Emblem des 1. FC Union. Es ist also gleich zu erkennen, dass der Profifußballer Timo Baumgartl zu diesem Termin erscheint. Einerseits. Andererseits ist der Innenverteidiger des Berliner Bundesligisten inzwischen längst mehr als bloß ein Abwehrspieler, der über Stammplätze und den nächsten Gegner referieren kann. Timo Baumgartl ist seit wenigen Monaten auch Anti-Krebs-Kämpfer, Botschafter und Influencer. "Es ist wichtig zu zeigen, dass so eine Krankheit vor allem junge Menschen trifft", sagt Baumgartl, als das Pressegespräch beginnt.

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Die Krankheit. Das ist in Baumgartls Fall Krebs – Hodenkrebs. Im Mai teilten ihm die Ärzte die Diagnose mit. Der Schock war groß. Eine reine Vorsorge-Untersuchung hätte es sein sollen, als er damals die Praxis aufsuchte. Beschwerden habe er keine gehabt, sagt Baumgartl. Reine Routine, wie Baumgartl es seit 2019 gewohnt ist, als ihm sein damaliger Club PSV Eindhoven wie dem gesamten Kader das Angebot zum Check machte. Seither also Vorsorge, immer „um die Sommermonate herum“, immer „vorm Urlaub“, erzählt Baumgartl. Zehn Minuten dauere das Prozedere. „Normalerweise geht man rein, raus und gut ist. Diesmal leider nicht.“

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Dieses Mal, Anfang Mai, war da ein Tumor, bösartig. Kurz darauf musste Baumgartl zur OP, danach folgte die Chemo. An der Charité setzten sie ihm einen Schnitt, ein bis zwei Zentimeter groß, auf der rechten Brustseite und bauten ihm einen Portkatheter auf den Muskel. Über diesen Zugang in eine Vene erhielt Baumgartl die nötigen Medikamente. Insgesamt 18 Tage lag er im Krankenhaus, zwölf Stunden täglich Chemo. Nach sechs Tagen durfte er 16 Tage Pause machen, dann wieder sechs Tage Chemo. 16 Tage Pause. Sechs Tage Chemo. 16 Tage Pause. Sechs Tage Chemo.

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Baumgartl ist 26 Jahre jung. Bisher hat er vor allem die Sonnenseiten des Lebens kennengelernt, abgesehen vielleicht vom Abstieg mit dem VfB Stuttgart 2019 in der Relegation gegen Union, seinem heutigen Arbeitgeber. Aber was bedeutet schon ein Abstieg in die 2. Liga im Vergleich zur Diagnose Krebs? „Krebs assoziiert man natürlich auch mit Sterblichkeit“, sagt Baumgartl. Zwangsläufig müsse man sich damit auseinandersetzen, „was ist, wenn man nicht mehr da ist.“ Das sei nicht einfach gewesen, er habe viel geweint.

Als 26-jähriger Leistungssportler sei er davon ausgegangen, gesund zu sein. „Ich hatte keine Probleme, nichts gemerkt. Das kam für mich aus dem heiteren Himmel.“ Die dunklen Wolken zogen vor allem dann auf, wenn er im Krankenhaus lag. „Die schlimmsten Tage“ seien das gewesen, „weil die Zeit einfach nicht vergeht.“ Da half Baumgartl auch die vom Union-Busfahrer geliehene Playstation wenig. Dafür: Joggen. Selbst während der Chemo-Phasen sei er morgens um 7 Uhr aufgestanden, um fünf Kilometer zu laufen. Und nach anschließender zwölfstündiger Chemo habe er abends Stabilisationsübungen gemacht, dazu Stretching und Yoga.

Mit Müdigkeit und Übelkeit, ja damit hatte er schon zu kämpfen, erzählt Baumgartl, aber auf der Onkologie-Station habe er auch andere Menschen gesehen, „die sich nicht mehr richtig bewegen können“, „die apathisch 24 Stunden gegen die Wand schauen.“ Mental habe ihn das mitgenommen. Was ihm half? Unter anderem psychologische Beratung („alles andere macht keinen Sinn“) und seine Freundin, mit der er auf Usedom war und in Österreich. An sechs Tagen wanderten sie zusammen 120 Kilometer. „Ich hab mich gefreut über die Sachen, die ich machen konnte.“ Und dann war da „der Gedanke, Bundesliga wieder zu spielen, auf dem Platz zu stehen.“

Seit vergangener Woche ist Timo Baumgartl tatsächlich wieder zurück auf dem Platz. Aufbautraining, er will sich wieder ins Team kämpfen. Aber auch neben dem Platz hat er eine Mission. Er will zeigen, „dass man sich nicht verstecken muss mit so einer Diagnose.“

Sich nicht verstecken müssen, Krankheiten offenlegen, über vermeintliche Schwächen sprechen – das ist in der Welt des oft aalglatten Profifußballs mitunter schwer, weil alles, was Höchstleistungen im Weg steht, gerne beiseite geschoben wird. Baumgartl gibt das gerne zu: „Als Fußballer ist es schon so, dass man die Emotionen, beispielsweise bei Interviews, immer runterfahren muss. Man sollte nicht das sagen, was man denkt.“ Man lebe in einer Art Blase, alles werde organisiert, „man kümmert sich um nicht viel.“ Dafür baue man einen Schutzpanzer auf, „vor Medien, vor allen. Das ist einfach so. Das gehört zum Fußball dazu. Das habe ich auch gemacht.“ Bis der Hodenkrebs kam. „In der Zeit habe ich gelernt, dass Emotionen zu zeigen, auch ein Zeichen von Stärke sein kann.“ Man darf ihm das gerne glauben.

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