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Ex-Wasserball-Nationalspieler

Hannes Schulz: „Vereine müssen auch in die Pflicht genommen werden“

Im Alter von 32 Jahren beendet Hannes Schulz seine Karriere im Wasser.

Im Alter von 32 Jahren beendet Hannes Schulz seine Karriere im Wasser.

Potsdam. Hannes Schulz war der erste deutsche Wasserball-A-Nationalspieler von einem Verein aus den neuen Bundesländern – 2009 gab er sein Debüt. Nun hat der langjährige Leistungsträger des Bundesligisten Potsdam Orcas seine Karriere im Alter von 32 Jahren beendet.

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Ihr Bein ist dick bandagiert und geschient. Was ist passiert?

Hannes Schulz: Das sieht echt fürchterlich aus, als müsste man mir das Bein amputieren (lacht). Ich bin mit dem Fahrrad in einer Straßenbahnschiene hängen geblieben und voll auf das Knie gestürzt. Ein Viertel vom Schleimbeutel, der über der Kniescheibe sitzt, musste rausgeschnitten werden. MRT und Röntgen waren aber okay.

Sie waren so lange im Hochleistungssport aktiv – hatten Sie schon jemals so eine unangenehme Verletzung?

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Nein, gar nicht. Ich bin seit meinen Wasserballanfängen 2003 verletzungsfrei durchgekommen. Klar, mal eine Stauchung am Finger oder der Hand, aber nichts Problematisches. Und kaum höre ich mit dem Leistungssport auf, legt’s einen so. Man, man, man (lacht).

Hannes Schulz prägte die Potsdam Orcas.

Hannes Schulz prägte die Potsdam Orcas.

Was werden Sie in einem Leben ohne Wasserball nicht vermissen?

Das viele Wegsein von der Familie, von Lisa (Ex-Volleyballerin Lisa Rühl, Anm. d. Red.) und unseren beiden Töchtern Line und Lilli.

Und was wird wiederum fehlen?

Dieser Teamspirit und das Zocken – Mann gegen Mann, Mannschaft gegen Mannschaft und dabei versuchen, zu gewinnen.

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In dieser Saison sprangen bei den Potsdam Orcas alte Haudegen wie Erik Miers und Matteo Dufour angesichts großer Personalprobleme noch mal ein. Was werden Sie machen, wenn der Anruf kommt und um Hilfe gebeten wird?

Die beiden sind ja noch regelmäßig im Wasser, was ja schon mal eine gute Grundlage ist. Inwieweit ich das künftig schaffe, sowohl vom Kopf her als auch beruflich und familiär, weiß ich nicht. Eigentlich habe ich für mich das Kapitel beendet. Aber na klar: Ich bin Potsdamer Junge und wenn Not am Mann sein sollte, werde ich tun, was möglich ist.

Die meisten Spiele, die zweitmeisten Tore

209 Spiele in der 1. Wasserball-Bundesliga bestritt Hannes Schulz für die Potsdam Orcas – eines mehr als der bisherige Rekordhalter Marc Langer. In der Erstliga-Torschützenliste des OSC liegt Schulz zusammen mit Matteo Dufour (beide 303 Treffer) hinter Spitzenreiter Tobias Lentz (319).

Dann könnten Sie Ihre Bilanzen weiter aufpolieren. Sie sind in Ihrem letzten Match alleiniger Bundesliga-Rekordspieler des OSC Potsdam geworden und sind in der Torschützenliste mit Dufour auf Position zwei gleichgezogen. Hatten Sie im Saisonverlauf mit diesen Marken geliebäugelt?

Nein, das war mir alles nicht bewusst bis vor dem letzten Spiel. Weil mir solche Zahlen auch nicht wichtig sind, sondern ich mich immer in den Dienst der Mannschaft gestellt habe. Ich habe nicht torgeil gespielt, habe lieber doch noch mal den Querpass gespielt, obwohl ich hätte schießen können. Aber am Ende ist es jetzt eine schöne Geschichte, dass ich und Matteo – ich war ja sein Trauzeuge – bei den Toren gleichauf sind. Es macht mich schon stolz, dass ich den Verein irgendwie mitprägen durfte.

Viermal in Folge hatten Sie mit den Orcas Bronze in der deutschen Meisterschaft gewonnen. Zum Abschluss wurde es jetzt nach vielen personellen Herausforderungen Platz fünf.

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Es war ein Jahr des Umbruchs, in dem der Verein versucht hat, gleich viele junge Talente, die wir ja nachweislich haben, im Männerteam zu integrieren. Ich glaube, zwischendurch haben alle gemerkt, dass es für die Jüngeren dann doch zu viel war. Es gab für sie teilweise die Mehrfachbelastung mit U16, U18 und Männer. Verstärkt wurde die Problematik durch Verletzungen, Corona, Krankheiten. Ich wollte diese Saison eigentlich schon nicht mehr so stark in vorderster Front stehen, hatte auch das Kapitänsamt an Ferdinand Korbel abgegeben. Aber durch die Personallage war ich dann doch gezwungen, viel zu spielen.

Ist dieser Abschluss einer, mit dem Sie leben können?

Ja. Unter den Voraussetzungen Fünfter zu werden, war gut. Streckenweise hat uns das keiner zugetraut, sondern wir wurden eher Richtung Abstieg gesehen. Aber ich hätte natürlich gerne noch mal die Chance gehabt, um eine Medaille zu spielen. Hätten wir mit dieser Mannschaft Kontinuität in Training und Spielen gehabt wie am Ende, als wir unsere Qualität bewiesen haben, wäre auch sicherlich noch mehr möglich gewesen.

Schwimmerisch und spielerisch bewies Hannes Schulz viele Qualitäten.

Schwimmerisch und spielerisch bewies Hannes Schulz viele Qualitäten.

Wie bewerten Sie die Gesamtentwicklung der Orcas?

Der Verein hat sich ein großes Stück weiterentwickelt. Ich war damals der Pionier für Wasserball an der Potsdamer Sportschule, inzwischen ist unser Sport dort fest etabliert, was für die Förderung extrem wichtig ist. Wir sind aus einem starken Jugendverein auch zu einem starken Männerclub gewachsen. Tolle Erfolge, gestiegene Reputation. Unseren Höhepunkt hatten wir vorige Saison erreicht, als wir im Halbfinale nur 6:9 gegen den deutschen Rekordmeister Wasserfreunde Spandau verloren haben. Da waren wir so nah an der einst so weit entfernten Spitze dran wie noch nie, waren mit vielen Spielern im semiprofessionellen bis professionellen Bereich aufgestellt. Dann hat der Verein aus unterschiedlichen Gründen entschieden, wieder einen anderen Weg einzuschlagen.

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Konnten Sie das nachvollziehen?

Ich hätte mir einen nicht so harten Schnitt, sondern eher einen Zwischenstep beim Kaderumbau gewünscht, aber man kann auch verstehen, dass das mit den finanziellen Mitteln schwierig ist. Jetzt bin ich gespannt, ob mit den vielen jungen Talenten wieder die Kurve bekommen wird, damit es wieder Richtung Medaillenränge geht. Grundsätzlich denke ich, dass der OSC eine gute Adresse im deutschen Wasserball ist und es auch bleiben wird.

Sie sprachen vom Zwischenstep. Sie selbst haben ihn von 2011 bis 2014 bei den Wasserfreunden Spandau gemacht. Welchen Blick haben Sie auf diese Zeit?

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich bin da zweimal deutscher Meister und zweimal Pokalsieger geworden, durfte Champions League spielen – das war natürlich ganz schön. Leider bekam ich dann am Ende nicht mehr viel Einsatzzeit und habe daraufhin den Verein verlassen. Danach kam mit Petar Kovacevic ein neuer Trainer, mit dem ich sehr gerne zusammengearbeitet hätte. Vielleicht wäre es gut gewesen, da doch noch zu bleiben, um zu gucken, was eventuell gegangen wäre. Aber so wie ich es gemacht habe, zurück zu Potsdam zu kommen, hier bei der Familie zu sein und dank Abteilungsleiter Andreas Ehrl und Trainer Alexander Tchigir viele Möglichkeiten durch den OSC zu erhalten, war eine gute Entscheidung. Das hat sich auch darin gezeigt, dass ich es wieder in die Nationalmannschaft geschafft hatte.

Was sind Ihre schönsten Erinnerungen an die Zeit mit der DSV-Kappe?

Die Europameisterschaft 2018 in Barcelona: Mein erstes großes Turnier mit der Männer-Nationalmannschaft, das tolle Ambiente, die Familie auf der Tribüne – das war etwas ganz Besonderes. Wir haben dazu als Neunter ein gutes Turnier gespielt. Das war das absolute Highlight. Danach kommt der Weltcup 2018 in Berlin, wo wir das Spiel um Platz drei erst im Fünfmeterschießen verloren haben, aber Top-Nationen bezwungen oder zumindest sehr geärgert hatten.

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Für Olympia und eine Weltmeisterschaft hat es nicht gereicht. Wie sehr schmerzt das im Rückblick?

Sehr, das hängt bitter nach und wird auch wohl immer so bleiben. Beim Olympia-Qualifikationsturnier 2021 in Rotterdam waren wir nicht auf den Punkt fit, es hatte einfach nicht gepasst – dabei hätten wir das Potenzial für Tokio gehabt. Und dass ich 2019 für die WM in Südkorea als Letzter vor dem finalen Kaderstrich ausgebootet worden bin, nagt weiter an mir. Bis heute habe ich kein Verständnis dafür und viele meiner Wegbegleiter von mir auch nicht. Ich hatte damals hier in Potsdam beim Vier-Nationen-Turnier sehr gut gespielt und wurde trotzdem nicht berücksichtigt – das ärgert mich.

Hannes Schulz spielte für Deutschland unter anderem beim Vier-Nationen-Turnier 2019 im heimischen blu-Bad.

Hannes Schulz spielte für Deutschland unter anderem beim Vier-Nationen-Turnier 2019 im heimischen blu-Bad.

Welche Zukunft sehen Sie für den deutschen Wasserball?

Er braucht Zeit und es gibt leider kein Zaubermittel für den Erfolg. Jetzt ist ein großer Umbruch passiert, nur ein paar Erfahrene machen weiter. Wir Alten konnten den Jüngeren mit der Qualifikation für die EM und WM noch einen ereignisreichen Sommer bescheren – dort können sie internationale Erfahrungen sammeln und sich neue Führungsspieler herauskristallisieren. Mit Petar Porobic (international erfolgreicher Coach aus Montenegro, Anm. d. Red.) wurde ein guter Schleifer als neuer Bundestrainer geholt. Aber die Vereine müssen auch in die Pflicht genommen werden.

Inwiefern?

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Wir müssen mehr zurück zum eigenen deutschen Nachwuchs, dass die eigenen Talente spielen und nicht nur auf Legionäre gesetzt wird – gerade bei den internationalen Spielen. Aber die deutschen Talente müssen dann auch die Chance beim Schopfe packen und ordentlich trainieren. Ich wünsche mir Geduld, dass eine Entwicklung stattfinden kann und die Jungen, wenn es noch nicht gleich läuft, nicht sofort eins auf den Deckel bekommen.

Parallel zum Leistungssport hatten Sie die berufliche Zukunft vorangetrieben. Sie arbeiten jetzt als Lehrer für Sport und Geografie am Einstein-Gymnasium in Potsdam.

Damit schließt sich für mich ein Kreis. Ich war von der siebten bis zur zehnten Klasse selbst dort Schüler, ehe ich wegen des Wasserballs auf die Sportschule gewechselt bin. Wir sind drei ehemalige Schüler, die jetzt am Einstein-Gymnasium lehren und Kollegen von denjenigen sind, die uns damals schon unterrichteten. Da kommen schon mal ein paar witzige Geschichten von einst auf den Tisch.

Welche in Ihrem Fall?

Zum Beispiel, dass ich nicht immer ganz so frisch aussah, wenn ich morgens nach dem Wasser-Frühtraining dann im Unterricht saß (lacht).

Von Tobias Gutsche

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