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Frauenfußball-Bundesliga

Turbine Potsdams Pauline Deutsch: Hoffnungsträgerin auf der Überholspur

Pauline Deutsch (M.) ist nur schwer vom Ball zu trennen.

Pauline Deutsch (M.) ist nur schwer vom Ball zu trennen.

Neuruppin/Potsdam. Bundesliga-Debüt, Einsatz im Pokalfinale vor über 17 000 Zuschauern, Zweitliga-Aufstieg, EM-Nominierung: Pauline Deutsch muss sich manchmal selbst kneifen. Es sei kaum zu realisieren, was in der jüngeren Vergangenheit alles passiert ist. Hinter der 17-jährigen Fußballerin liegen turbulente und aufregende Tage. Wochen. Ja sogar Monate. Die stehen der gebürtigen Neuruppinerin auch jetzt bevor, aktuell befindet sich Deutsch in Tschechien, wo am Montag die U19-Europameisterschaft gestartet ist. Im östlichen Teil des Nachbarlandes will der zweitälteste weibliche Nachwuchs des Deutschen Fußball Bundes (DFB) nach der internationalen Krone greifen – womöglich mit Hilfe der Treffsicherheit der talentierten Angreiferin vom 1. FFC Turbine Potsdam.

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„Zuletzt ging wirklich alles ganz schnell“, sagt Pauline Deutsch, die das Fußball-Abc unter Wilfried Wild und später Britta Schlüter beim MSV Neuruppin erlernte. Bei der MAZ-Mini-EM 2016 in der Fontanestadt ließ die Offensivkraft bereits ihre Klasse aufblitzen – damals titelte die Märkischen Allgemeine Zeitung: „Pauline ist von den Jungs nicht zu stoppen.“ Dank starker Leistungen im Volksparkstadion weckte Deutsch wenig später auch über die Kreisgrenzen hinaus Interesse. Bei der Hallenlandesmeisterschaft in Cottbus wurde Sabine Seidel, als Landestrainerin für die Entwicklung des Frauen- und Mädchenfußballs in Brandenburg entscheidend verantwortlich, auf das Juwel im MSV-Trikot aufmerksam. Dem Ruf der Potsdamer Eliteschule des Sports folgte Deutsch letztlich 2017, zur 8. Klasse – ein neuer Lebensabschnitt begann.

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In der Landeshauptstadt gab es keine Startschwierigkeiten, den Spagat zwischen Schule und Sport konnte und kann Pauline Deutsch bis heute problemlos meistern: „Mir gefällt es sehr gut auf der Sportschule, das Internat ist top, die Erzieher sehr nett. Ich fühle mich perfekt aufgehoben.“ Zumal sich am Luftschiffhafen vieles um das runde Leder dreht. Und bei der Nachwuchsturbine merkt man, dass jeder Tag ohne Fußball ein verschenkter ist. „Der Sprung auf die Sportschule war damals schon besonders, aber überhaupt nicht mit dem zu vergleichen, was zuletzt abging“, betont Deutsch. Nach den Nachwuchsjahren in der U15 und der U17-Bundesliga, war die Torjägerin in der abgelaufenen Spielzeit für die zweite Turbine-Mannschaft in der Regionalliga eingeplant. Dort erzielte sie in zwölf Partien starke 17 Tore – und wurde dafür belohnt.

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Für das Bundesliga-Heimspiel gegen den 1. FC Köln am 2. April beorderte Cheftrainer Sofian Chahed, beim Traditionsverein mittlerweile entlassen, die Teenagerin in den Erstliga-Kader. „Ich habe einmal die Woche bei der ersten Mannschaft mittrainiert, aber nie daran gedacht, dass ich schon in dieser Saison irgendeine Rolle spielen kann. Als ich aber zum offiziellen Medizincheck musste, um eine Spielberechtigung zu bekommen, wusste ich, dass hier gerade Träume in Erfüllung gehen“, erklärt Deutsch. Zum Debüt im Profiteam kam es zwei Wochen später – ausgerechnet im Halbfinale des DFB-Pokals bei Bayer 04 Leverkusen. In Minute 77 schmiss Chahed das Potsdamer Talent ins kalte Wasser, wegen der Verlängerung durfte Pauline Deutsch 43 Minuten Vollgas geben und nach dem aus Gästesicht erfolgreichen Elfmeterschießen mit ihren Teamkolleginnen ausgelassen feiern. „So ein wichtiges Spiel – und ich dabei. Ich hätte mich auch getraut, an den Elfmeterpunkt zu treten, bin eine sichere Schützin“, verrät die Frau mit der Nummer 15. Kurios: Ein eigenes Trikot gab es für Pauline Deutsch noch nicht, sie trug das von der im Winter nach Zürich verliehenen Marie Höbinger, der Name wurde überklebt.

Große Ehre: Nach dem DFB-Pokalfinale hielt Pauline Deutsch einen Plausch mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Große Ehre: Nach dem DFB-Pokalfinale hielt Pauline Deutsch einen Plausch mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Die Höhepunkte für Pauline Deutsch sollten aber erst noch kommen: Ihre Bundesliga-Premiere feierte sie am 7. Mai gegen Eintracht Frankfurt (0:2), beim Saisonfinale bei den Frauen des FC Bayern München (0:5) stand sie eine Woche danach erneut im Kader. Und das Endspiel um den DFB-Pokal im Kölner Rhein Energie Stadion gegen den VfL Wolfsburg, wo 17 531 Fans am 28. Mai auf die Ränge strömten, wird eh nicht mehr aus dem Gedächtnis verschwinden: „Das ist das bisher größte Highlight, manche Spielerinnen stehen erst mit 30 Jahren in so einem Finale, manche überhaupt nie. Dass ich das bereits mit 17 Jahren geschafft habe, macht mich stolz.“ Fleiß, Ehrgeiz, Siegeswille – jene Eigenschaften stehen für Pauline Deutsch, die auch außerhalb des Trainings gerne mal eine Extraeinheit einlegt – so wie ihr Vorbild, der mehrfache Weltfußballer Cristiano Ronaldo: „Er ist inspirierend, seine Mentalität beeindruckt mich. Er will sich immer verbessern und gibt nie auf. Ich bin auch Fan von Real Madrid und Manchester United, wo er gespielt hat und spielt.“

Gespielt und getroffen hat Pauline Deutsch auch jüngst erst wieder, als sie die Turbine-Reserve mit einem Doppelpack zurück in die 2. Bundesliga schoss. Nach der 0:1-Hinspielniederlage beim Hamburger SV gewannen die Potsdamerinnen das Rückspiel mit 4:0. Wie oft die Torjägerin im kommenden Jahr aber mit ihren Aufstiegsheldinnen auflaufen darf, steht noch in den Sternen – eingeplant ist sie unter dem neuen Turbine-Cheftrainer Sebastian Middeke nämlich in der Bundesliga-Elf. "Pauline hat einen Drei-Jahres-Vertrag unterschrieben und sich damit ihren Traum erfüllt", sagt Mutter Melissa voller Stolz. Einen anderen, den eines vierjährigen Vollstipendiums in den USA, legte sie trotz des konkret vorliegenden Angebotes für Turbine ad acta. Dass aus ihrer Tochter mal eine richtig gute Fußballerin wird, machte sich aber bereits im Kindesalter bemerkbar: "Seit sie laufen konnte, hatte sie einen Ball am Fuß. Mit Puppen hat Pauline nie gespielt, immer musste es ein Ball sein." Dass man die Familie oder alte Freunde – etwas Kontakt zum MSV besteht noch – immer seltener sieht, gehört eben dazu, sagt Pauline Deutsch. Daher weiß sie die Zeit mit ihren Liebsten umso mehr zu schätzen: "Ich bin meinen Eltern unglaublich dankbar, sie kutschieren mich viel umher, kommen zu den Spielen und sind unterstützend an meiner Seite."

EM-Finale am 9. Juli ist das große Ziel

Das nächste Mal hoffentlich am 9. Juli, erklärt die Zwölftklässlerin, die 2023 ihr Abitur in der Tasche haben will. „Da ist das EM-Finale, da würden Mama und Papa zugucken kommen.“ Erst einmal muss das DFB-Team um U19-Trainerin Kathrin Peter aber die Gruppenphase mit England, Norwegen und Auftaktgegner Schweden überstehen – der Start missglückte, mit 0:2 unterlag man den Skandinavierinnen, Deutsch spielte in der zweiten Halbzeit 45 Minuten und zeigte eine gute Leistung. „Pauli“, die sich im Turnierverlauf mit Turbine-Mitspielerin Alisa Grincenco ein Zimmer teilt, gibt sich trotzdem optimistisch: „Ich will Europameisterin werden.“ Um nach Bundesliga-Debüt, Einsatz im Pokalfinale vor über 17 000 Zuschauern sowie Zweitliga-Aufstieg das nächste große Ding auf der Überholspur einzusammeln.

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Von Marius Böttcher

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