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„Riesiges Problem“ Salzwasser

Bei Nord-Stream-Lecks spricht vieles für einen Anschlag – was wir bislang wissen

Vor zehn Jahren kamen die ersten Rohre für die 1200 Kilometer lange Nord-Stream Ostseepipeline in Lubmin an. Die Öffnung der zweiten Pipeline fordern Rügener Bürgermeister in der zweiten Version ihres Briefes nicht mehr explizit.

Aus Stahl, ummantelt mit Beton, bestehen die Röhren der Ostseepipelines Nord Stream 1 und 2. Offenbar wurden drei der vier Pipelinestränge schwer beschädigt.

Berlin. Es sind Nachrichten, die aufhorchen lassen: Am Montagmorgen machten Meldungen über einen plötzlichen und massiven Druckabfall in einer Röhre der Ostseepipeline Nord Stream 2 die Runde, am Abend dann wurden ähnliche Probleme auch in beiden Nord-Stream-1-Röhren bekannt. Kann das Zufall sein? Materialermüdung? Ein technischer Defekt?

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Möglich – aber unwahrscheinlich. Plausibler ist aus Sicht von Expertinnen und Experten eine gezielte Manipulation. Also ein Anschlag. Die Bundesregierung spricht derweil sogar von Erkenntnissen, dass es für die Schäden keine natürliche Ursache geben könne.

Zwei Lecks an der Gaspipeline Nord Stream 1 entdeckt

Die Ursache für die Lecks in der Ostsee bei Bornholm ist bisher unklar. Das Präsidialamt in Moskau schloss Sabotage nicht aus.

Noch ist vieles unklar und der Fall ähnlich undurchsichtig wie das Ostseewasser in 45 Metern Tiefe, wo die zwei Doppelröhren verlaufen. Ein Überblick darüber, was wir wissen und was nicht.

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Was ist gesichert?

In der Nacht zum Montag ist es zu einem starken Druckabfall in einer der beiden nie in Betrieb gegangenen Röhren der Pipeline Nord Stream 2 gekommen. Montagmittag meldeten dänische Behörden ein Leck südöstlich der Insel Bornholm. Die dänische Schifffahrtsbehörde richtete eine Sicherheitszone ein und verhängte ein Schifffahrtsverbot in einem Umkreis von fünf Seemeilen. Am Montagabend dann meldete die Betreibergesellschaft der Schwesterpipeline Nord Stream 1 ebenfalls einen starken Druckabfall – dieses Mal in beiden Röhren. Durch diese Pipeline ist noch bis Ende August Gas von Russland nach Deutschland geliefert worden. Inzwischen sind auch die Lecks in den Nord-Stream-1-Röhren entdeckt worden. Sie befinden sich ebenfalls bei Bornholm, allerdings nordöstlich der Insel, die näher an Schweden als an Dänemark liegt.

+++Alle Entwicklungen zum Krieg im Liveblog+++

Was sind die Auswirkungen der zerstörten Pipelines?

Kurzfristig sind die Konsequenzen gering, da seit Anfang September kein Gas mehr durch die Nord-Stream-Röhren geliefert wurde. Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit erwarte man nicht, teilt eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums mit. Die Speicherstände seien auch ohne russisches Gas kontinuierlich gestiegen, zuletzt auf 91 Prozent.

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Mittel- und langfristig können die Auswirkungen aber groß sein. Manche Hoffnung, dass die Gasgeschäfte nach einem Friedensschluss in der Ukraine oder einem Regimewechsel in Moskau wieder aufgenommen werden, dürfte sich nun erledigt haben. Wenn in großem Stil Salzwasser in die Pipeline eindringe, sei diese praktische irreparabel beschädigt, sagt ein Experte. „Dann bekommt man ein riesiges Problem mit Korrosion und die Pipeline ist hinüber.“ Angesichts der Geschwindigkeit des Druckabfalls müsse man damit rechnen, dass das schon passiert sei. Von Nord Stream hieß es, auf absehbare Zeit sei kein Betrieb mehr möglich.

Warum war überhaupt Gas in den ungenutzten Pipelines?

Die Gaslieferung von Russland nach Deutschland funktioniert nur unter hohem Druck – etwa 105 Bar liegen in den Pipelines an. Zum Vergleich: Bei einem Autoreifen sind es für gewöhnlich 2,5 Bar. Um diesen Druck zu erreichen, müssen die Pipelines ständig mit Gas gefüllt sein. Nur so kommt das Volumen, das an der einen Seite hineingepumpt wird, an der anderen auch wieder heraus. In der Vorbereitung der nie erfolgten Inbetriebnahme waren auch die Nord-Stream-2-Röhren mit Gas befüllt worden. Das Gas verblieb auch nach dem Stopp des Genehmigungsverfahrens im Zuge des russischen Angriffs auf die Ukraine in der Pipeline.

Ist ein technischer Defekt möglich?

Theoretisch ja. Die Pipelines bestehen aus verschweißten Stahlrohren, die zusätzlich mit Beton ummantelt sind. Die Schweißnähte sind auf den hohen Betriebsdruck sowie viele Nutzungsjahre ausgelegt und entsprechend stabil. Aber natürlich könnte bei den Verlegearbeiten auch ein Fehler passiert sein, sagt ein Experte aus der Gasbranche. Dass allerdings bei drei Pipelines an nur einem Tag Schweißnähte reißen, hält der Experte für nahezu ausgeschlossen. „So viele Zufälle gibt es nicht.“

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Laut Regierungssprecher Steffen Hebestreit hat die Bundesregierung inzwischen Erkenntnisse, dass es „keine natürliche Ursache für diesen Vorfall geben kann“, wie er am Mittwoch mitteilte. Auf die Frage, ob es sich um einen Anschlag handele, sagte Regierungssprecher Steffen Hebestreit am Mittwoch in Berlin aber: „Ich würde das im Augenblick gar nicht beschreiben.“

Eine denkbare Ursache wäre auch die ungewollte Explosion von Weltkriegsmunition, mit der die Ostsee nach wie vor hoch belastet ist. Allerdings wurde die Pipelinetrasse vor Beginn der Bauarbeiten von Altlasten befreit, außerdem sprechen die unterschiedlichen Orte der Leckagen dagegen. Insider gehen deshalb von einem Sabotageakt aus. Auch in der Bundesregierung hält man dieses Szenario für das wahrscheinlichste. Schwedische und dänische Seismologen berichten derweil von Unterwasserexplosionen am Montag im Gebiet der Pipelinelecks.

Wer kommt als Täter infrage?

Das ist bislang Spekulation. Wegen der großen Wassertiefe scheiden Hobbytaucher oder militante Umweltschützerinnen oder -schützer nach Einschätzung von Sicherheitsbehörden aus. Für einen solchen Anschlag brauche man militärische Fähigkeiten, heißt es. Vieles spreche für einen staatlichen Akteur.

Bei der Frage, wer ein Interesse an der Zerstörung der Pipelines haben könnte, herrscht bislang großes Achselzucken. Theoretisch käme die Ukraine in Frage, allerdings hat das Land derzeit andere Sorgen, und es schien zuletzt weitgehend sicher, dass bis Kriegsende kein Gas mehr durch die Pipelines fließt. Russland gilt als weiterer möglicher Urheber, allerdings würde sich das Regime dadurch einer Handlungsoption berauben, was eigentlich wenig Sinn ergibt. Manch einer spekuliert deshalb über eine False-Flag-Aktion, also dass der Kreml den Anschlag veranlasst habe, um ihn Kiew in die Schuhe zu schieben. Wieder andere glauben, die zerstörten Pipelines seien nur ein weiterer Baustein in Wladimir Putins Plan, möglichst viel Chaos in Europa zu stiften und die Preise ein letzten Mal in die Höhe zu treiben. Um bis zu zehn Prozent stiegen die Großhandelspreise für Erdgas am Dienstag zeitweise, am Nachmittag aber sanken die Kurse wieder.

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Wie geht es jetzt weiter?

Dänische und deutsche Spezialisten haben damit begonnen, die Unglücksstelle zu untersuchen. Auf einem Video der dänischen Marine ist zu sehen, wie aufsteigende Gasblasen über einem der Lecks das Meer zum brodeln bringen. Auch das Regime in Moskau forderte eine Untersuchung. „Das ist eine absolut nie dagewesene Situation, die einer schnellen Aufklärung bedarf“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Dienstag.

Was bedeutet das für die Umwelt?

Nach Einschätzungen von Umweltschützern sind Auswirkungen auf das Ökosystem anders als bei einer Ölpest begrenzt, das sich Methan in Wasser löst oder einfach in die Luft aufsteigt. Lediglich im direkten Umfeld des Lecks könnten Meerestiere an Sauerstoffmangel verenden, hieß es. Für das Klima allerdings sind die Lecks eine zusätzliche Belastung. Methan gilt als Klimakiller, in der Atmosphäre ist seine Wirkung zehn Mal schädlicher als die von CO2.

Experte für maritime Sicherheit geht von Sabotage an Nord Stream-Pipelines aus

„Wenn man sich die Komplexität anguckt, dann muss man schon davon ausgehen, dass es sich hier um einen staatlichen Akteur handelt“, sagt Experte Peters.

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Auch das Bundesumweltministerium sieht keine größere Gefahr für die Meeresumwelt in der Ostsee. „Die Lecks in den Nord-Stream-Pipelines stellen nach unserem derzeitigen Kenntnisstand keine erhebliche Gefahr für die Meeresumwelt der Ostsee dar“, heißt es auf RND-Anfrage. „Dies lehrt die Erfahrung aus der Nordsee: Nach Bohrungen der Öl- und Gasindustrie kam es auch dort zu Methanaustritten, nach denen keine unmittelbaren Folgen für die Meeresumwelt nachgewiesen wurden.“ Auch das Ministerium weist aber auf die deutlich klimaschädlichere Wirkung hin.

Wie steht es um die Sicherheit der deutschen Energie-Infrastruktur?

Die Nord-Stream-Leckagen werfen ein Schlaglicht auf eine Frage, die in der Politik schon länger diskutiert wird: Wie verwundbar ist die kritische Infrastruktur - gerade im Energiebereich?

Die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) warnt: „Die momentane Lage führt uns vor Augen, wie verletzlich wir und unsere Infrastruktur sind. Je länger und brutaler der russische Überfall auf die Ukraine andauert, desto größer ist auch die Gefahr, dass es zu solch enthemmten Anschlägen kommt.“ Es sei nicht auszuschließen, dass die „von Russland gelenkt“ würden, um die europäischen Märkte zu erschüttern, sagte die FDP-Politikerin. „Wir müssen uns auch deswegen schnellstmöglich aus der Abhängigkeit von russischen Rohstoffen befreien“, forderte sie.

Auch der CDU-Verteidigungsexperte Roderich Kiesewetter vermutet Russland hinter den Lecks. „Nach allem, was wir wissen, kann es sich bei den Lecks in den Pipelines Nord Stream I und II fast nur um einen gezielten staatlich veranlassten Sabotageakt handeln“, sagte Kiesewetter dem RND. Aus sicherheitspolitischer Perspektive diene ein solcher Sabotageakt der Abschreckung und Bedrohung. „Es ist deshalb wahrscheinlich, dass Russland auf diese Weise versucht, einerseits Verunsicherung in der europäischen Bevölkerung zu schüren und anderseits auf staatlicher Ebene ein weiteres Mal auf die Bedrohungsmöglichkeit durch den Angriff auf kritische Infrastruktur hinweist“, glaubt der CDU-Politiker. Es sei deshalb wichtig, „mit kluger Kommunikation unsere Bevölkerung über das Vorgehen in dem hybriden Krieg zu sensibilisieren und die Resilienz zu stärken“, forderte Kiesewetter.

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