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Reaktion auf Krieg und Sanktionen

So steht Siemens nach dem Rückzug aus Russland da

Vor allem das Zuggeschäft von Siemens ist vom Abschied aus Russland betroffen.

München. Finanz­­presse­­konferenzen nehmen dieser Tage unübliche Verläufe. So dankt Siemens-Chef Roland Busch zur Vorlage von Quartalszahlen erst einmal seinem ukrainischen Mitarbeiter Andrej. Der Nachname des Siemens-Sicherheitschefs in der Ukraine bleibt unerwähnt, um ihn nicht zu einem identifizierbaren Ziel für russische Aggressoren zu machen. Andrej harre in einem Keller aus und helfe, die 180 Beschäftigte starke Siemens-Belegschaft und deren Familien in der Ukraine in Sicherheit zu bringen sowie Konvois in den Westen zu organisieren, erzählt Busch. Auch Siemens selbst handelt. „Wir haben die schwere Entscheidung getroffen, unser Geschäft in Russland vollständig einzustellen“, erklärt der Siemens-Chef. Das hinterlässt Spuren in der diesjährigen Konzernbilanz.

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Nachdem Siemens beim Einmarsch Russlands in der Ukraine politisch verhängten Sanktionen folgend schon Neugeschäft mit und Lieferungen nach Russland eingestellt hatte, werden nun auch alle Aktivitäten in Russland selbst abgewickelt. Einzige Ausnahme ist Medizintechnik der Beteiligung Siemens Healthineers. Beim Mutterkonzern sind nun rund 3000 Beschäftigte vor Ort vom Komplettrückzug betroffen.

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Geschäftlich geht es für Siemens um ein überschaubares Prozent des Jahresumsatzes, also etwa eine Milliarde Euro. Zugleich müssen 4 Milliarden Euro Auftragseingang vor allem für Bahngeschäfte storniert und 200 Millionen Euro schon verbuchter Umsatz zurückgebucht werden. Vor allem aber kostet der Komplettrückzug, unter anderem für ein Eisenbahnwerk in Russland, Abschreibungen im Umfang von erst einmal 600 Millionen Euro. Weitere Abschreibungen von bis zu einer halben Milliarde Euro könnten folgen, warnt Siemens-Finanzchef Ralf Thomas.

Ob Siemens ohne immer weiter verschärfte Sanktionen von sich aus so weit gegangen wäre, ist unklar. Offene Märkte und Austausch seien prinzipiell ein guter Weg, findet Busch. Und schlechter, als die Idee von Handel durch Wandel zu verteufeln, sei, gar nicht miteinander zu handeln oder zu reden. Siemens ist seit 170 Jahren in Russland aktiv. Der Abschied fällt erkennbar nicht leicht.

Andererseits müssen die Münchner deshalb nun nicht einmal ihre Prognosen für das Geschäftsjahr 2021/22 (zum 30. September) revidieren. Denn vor allem die digitalen Kerngeschäfte des Konzerns laufen bislang trotz neuer Corona-Lockdowns in China mit Druck auf Lieferketten prächtig. „Ich bin sehr zufrieden mit unseren strategischen Initiativen“, betont Busch. Zudem stehen im zweiten Geschäfts­halbjahr Verkäufe von ausrangierten Siemens-Töchtern an, die gut 2 Milliarden Euro Transaktions­gewinne bringen dürften. Das könnte die negativen Einmaleffekte des Russland-Abschieds auf Konzernebene ungefähr ausgleichen.

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Rekordauftragsbestand trotz Russland-Abschied

Dessen ungeachtet sitzt Siemens aktuell auf einem Rekord­auftrags­bestand von 94 Milliarden Euro und damit rund 20 Milliarden Euro mehr als vor Jahresfrist. Die Umsätze sind zur Hälfte des Geschäftsjahrs um 8 Prozent auf 33,5 Milliarden Euro geklettert, der Vorsteuergewinn um rund 200 Millionen auf 4,2 Milliarden Euro. Der Konzern profitiert auf globaler Ebene von seiner Konzentration auf Digitalgeschäfte mit immer höherem Softwareanteil. So sorgt Siemens-Software auf Basis künstlicher Intelligenz mittlerweile dafür, dass Pflanzen in italienischen Unterseefarmen in einigen Metern Tiefe besser wachsen. „Wir wollen auch zum führenden Software­anbieter für digitale Stromnetze werden“, erklärt Busch.

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An einer Stelle profitiert Siemens auch vom Krieg in der Ukraine, der die Gefahr von Cyberangriffen auch im Westen auf eine neue Stufe gehoben hat. „Cybersicherheit ist ein Muss und eine Geschäftschance“, bekennt der Konzernchef. Speziell für Stromversorger hat Siemens dazu in Kanada nun ein Zentrum für Cybersicherheit aufgebaut.

Absatzmarkt China

Der Komplettrückzug von immer mehr westlichen Firmen aus Russland lenkt den Blick auf ein drohendes anderes Problem dieser Art. Das sind China und dessen Ansprüche auf den Inselstaat Taiwan, die notfalls auch mit Gewalt durchgesetzt werden sollen. Mit China ist die deutsche Wirtschaft weit mehr verflochten als mit Russland, wo ein Abschied zwar wehtut, aber vielfach relativ leicht verkraftbar ist. Dazu hat sich nun Siemens-Chef Roland Busch geäußert. Bei China gehe es um ganz andere Absatzdimensionen, die je nach Unternehmen 20 oder sogar 40 Prozent des Geschäfts betreffen können, stellt er klar. „Der Markt ist so groß, da kommen wir nicht drum herum“, bemerkt Busch zu China als Absatzmarkt. Anders sei es bei China als Zulieferer. Da gebe es ungesunde Abhängigkeiten, die rasch beseitigt gehörten.

Vor tiefgreifenden Entscheidungen steht dagegen der ausgegliederte Zweitkonzern Siemens Energy mit seinem Kraftwerks­geschäft. Dort sorgt seit gut einem Jahr ausgerechnet die Windkraft als technologische Zukunft für nicht nur anhaltende, sondern eskalierende Verluste. Der Mutterkonzern ist an Siemens Energy noch zu einem Viertel beteiligt und schaut nun erwartungsvoll auf den dortigen Kapitalmarkttag am 24. Mai. „Das wird wegweisend“, verspricht Thomas. Genauer wurde er nicht. Aber es kann eigentlich nur um eine teure Komplett­übernahme von Siemens Gamesa gehen. Siemens Energy hält derzeit zwei Drittel dieser spanischen Windkraft­tochter.

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