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„Häufiger und intensiver“

Neue Studie zu Hitzewellen: Klimawandel­folgen werden unterschätzt

Eine Hitzewelle hat im Mai Indien erfasst.

Über 39 Grad Celsius in Paris, fast 38 Grad in London, mehr als 40 Grad in der Schweiz. Auch im Süden Deutschlands: Temperaturrekorde. 2003 litt Europa unter einer besonders starken Hitzewelle. Bereits in den Jahren 2010 und 2011 gab es erneut eine Reihe von Extremwetter­ereignissen. Besonders kalte Winter in Nord- und Westeuropa, Starkregen im östlichen Mitteleuropa, eine Hitzewelle in Osteuropa, Trockenheit in weiten Teilen Europas. Das jüngste Beispiel: Indien. Dort war der März der heißeste seit Beginn der Aufzeichnung vor 122 Jahren. Auch in Pakistan wurden Rekordtemperaturen gemessen.

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Und das ist erst der Anfang. Bereits bei einer Erderwärmung von mehr als 1,5 Grad Celsius nimmt das Risiko von solchen Klimaextremen weiter zu. Sie finden häufiger statt und werden intensiver. Dazu zählt nicht nur Hitze, sondern auch Starkregen, Dürren, Wirbel­stürme und Rück­gänge von Schnee und Eis. So beschreibt es der Weltklimarat. Eine neue Studie bestätigt nun, dass Extremwetter klimawandelbedingt zunimmt – und die Auswirkungen unterschätzt werden.

Gerade, wenn es um hohe Temperaturen geht. „Wir können ganz klar sagen, dass Hitzewellen durch den Klimawandel häufiger und intensiver werden“, betont etwa Studienautorin Friederike Otto. Es bestehe kein Zweifel, dass der Klimawandel ein absoluter Gamechanger sei. Das Ausmaß der Auswirkungen werde von Regierungen, Ökonomen und Versicherern aber unterschätzt, betont die Klimaforscherin gemeinsam mit weiteren Forschenden des Imperial College London und der Universität Oxford. Die Untersuchung ist im Fachmagazin „Environmental Research: Climate“ veröffentlicht worden.

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Von Sibirien bis Australien: Regional zeigen sich deutliche Klimawandel­folgen

Auch wenn die weltweiten Auswirkungen durch Extremwetter insgesamt nur schwer zu beziffern seien – Beispiele für die dramatischen Auswirkungen gebe es auf regionaler Ebene viele. So sei etwa die beispiellose Hitzewelle in Sibirien vor zwei Jahren ohne den menschengemachten Klimawandel unmöglich gewesen. Hitzewellen seien häufiger und intensiver geworden und direkt für Zehntausende Todesfälle weltweit verantwortlich, schreiben die Forschenden. Dieser Einfluss werde aufgrund von großen Mängeln in der Datenlage bislang höchstwahrscheinlich deutlich unterschätzt.

Was eine einzige Hitzewelle anrichten kann, zeigt auch das Beispiel Australien im Jahr 2009, wie Klimaforscher und Studienautor Luke Harrington berichtet. Temperaturrekorde weit über 40 Grad Celsius wurden dort zwischenzeitlich gemessen. Es kam zu Stromausfällen in größeren Städten, in der Folge auch diversen Zugausfällen. Auch wenn es schwierig sei, konkrete Zahlen zu nennen: Es sei davon auszugehen, dass mindestens 500 Menschen hitzebedingt starben und 3000 im Krankenhaus versorgt werden mussten.

Auch Europa trifft die Erderwärmung, wie Analysen des Weltklimarats zeigen. Der Kontinent erwärmt sich schneller als der globale Durchschnitt. Extreme Temperaturen treffen dann insbesondere den Süden Europas: die Iberische Halbinsel, aber auch Mitteleuropa einschließlich des Alpenraumes, die Ostküste der Adria und Südgriechenland. Folgen sind zum Beispiel Wüstenbildung, Wasserknappheit und Waldbrände.

Hitzestress gefährdet die Gesundheit

Aber auch die Gesundheit steht auf dem Spiel. Die Zahl der Todesfälle und Menschen, die in Europa durch Hitzestress gefährdet sind, steigt bei einer Erderwärmung um drei Grad im Vergleich zu 1,5 Grad beispielsweise auf das Zwei- bis Dreifache. Davon geht der Weltklimarat aus. Ein Großteil Europas müsse sich zudem auf „erhebliche Verluste in der landwirtschaftlichen Produktion“ einstellen.

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Auch der Norden Europas ist vom Klimawandel nicht ausgenommen, wenngleich er sich anders zeigt. Die jährlichen Niederschläge nehmen dort insgesamt zu. Aber während im Winter eher mehr Regen fällt, werden die Sommer ebenfalls tendenziell trockener. Hitzewellen werden auch dort häufiger, intensiver und dauern länger an. Bei viel Niederschlag drohen Überschwemmungen. Für Deutschland betonen Forschende beispielsweise, dass Orte, die an Küsten gelegen sind, besonders anfällig sind. Aber auch Städte, wo sich eher Hitze staut.

Mehr Wetterdaten und Klimawandel­forschung nötig – weltweit

Wir haben bislang keinen vollständigen und detaillierten Überblick darüber, welche Auswirkungen der Klimawandel bereits heute hat.

Friederike Otto, Klimaforscherin

Nicht überall lässt sich der Zusammenhang mit dem Klimawandel allerdings so eindeutig nachweisen wie bei Hitzewellen: So spiele etwa bei tropischen Wirbelstürmen die Region und das jeweilige Ereignis eine Rolle dabei, wie stark man diesen den Klimawandel als Ursache zuschreiben könne, heißt es in der Studie. Für eine bessere Erforschung der Zusammenhänge seien dringend transparente Informationen und Wetterdaten aus vielen Ländern notwendig. Bislang gebe es große Lücken.

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Wie wurde die Studie gemacht?

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hatten auf Basis des aktuellen Berichts des Weltklimarats (IPCC) und etlicher weiterer Studien analysiert, inwieweit konkrete Extremwetterereignisse wie Hitzewellen, extreme Niederschläge, Waldbrände, tropische Wirbelstürme und Dürren eindeutig auf den Einfluss des Klimawandels zurückgeführt werden können. Das nennt sich Attributionsforschung – ein Zweig der Klimawissenschaft, der rapide Fortschritte macht. Die Erkenntnisse seien gewissermaßen „Preisschilder“ für die verschiedensten Auswirkungen des Klimawandels, die Konsequenzen für die notwendige Begrenzung der Erderwärmung und die Anpassung an das veränderte Klima hätten, schreiben die Autorinnen und Autoren.

So behindere etwa Korruption in Südafrika die Finanzierung meteorologischer Stationen. Im dürregeplagten Somalia hätten ungeordnete Regierungswechsel zu einer Unterbrechung der Messungen geführt. In Polen und vielen anderen Ländern wiederum seien Wetterdaten nur gegen hohe Gebühren verfügbar.

„Wir haben bislang keinen vollständigen und detaillierten Überblick darüber, welche Auswirkungen der Klimawandel bereits heute hat“, betont Klimaforscherin Otto. Es gebe aber mittlerweile die Werkzeuge und das Verständnis, um einen solchen Überblick zu erarbeiten – und dies müsse unbedingt auch weltweit geschehen. „Sonst enthalten wir Ländern das Wissen vor, wie sie ihre knappen Mittel am besten nutzen können und die Menschen sich am besten und sichersten an den Klimawandel anpassen können.“

RND/she/dpa

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