Wegen eines Datenlecks: IT-Experten fordern Sperrung von Heilberufsausweisen
Berlin. „Es gibt keine Einzelperson oder Stelle in Deutschland, die weiß, wo sich die 115.000 Heilberufsausweise aktuell befinden – ob bei einem Arzt oder einem Kriminellen“, sagte Martin Tschirsich, der für Recherchen des Chaos Computer Clubs zu dem Thema verantwortlich ist, dem „Handelsblatt“.
Der IT-Unternehmer und CCC-Mitglied Jens Ernst schätzt die Kosten der Rückholaktion allein bei Heilberufeausweisen auf rund 60 Millionen Euro.
IT-Experten decken Datenleck auf
Am Freitag hatten „Spiegel“ und NDR über die Sicherheitslücke berichtet. Demnach war es IT-Experten des CCC gelungen, sich einen Arztausweis, einen Praxisausweis und eine elektronische Gesundheitskarte jeweils über einen Dritten zu bestellen und an eine Wunschadresse liefern zu lassen. Die zuständige Gematik-Gesellschaft teilte daraufhin dem „Handelsblatt“ mit, dass die Ausgabe von Praxis- und Arztausweisen gestoppt worden sei.
Eine pauschale Kartensperre hält die Gematik nicht für notwendig. „Die Gematik wird zusammen mit den Kartenherausgebern prüfen, ob die gefundenen Schwachstellen bereits ausgenutzt wurden“, erklärte die Gesellschaft.
Mögliche Rückholung aller Praxisausweise
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), deren Landesorganisationen für die Ausgabe der Praxisausweise zuständig sind, nannte eine Rückholaktion aller Praxisausweise dennoch ein „gangbares Verfahren“, um „Sicherheit und Praktikabilität in ein sinnvolles Verhältnis zu bringen“. Eine erste Analyse der Bundesärztekammer kommt dem „Handelsblatt“ zufolge zu dem Ergebnis, dass „die Zahl von Anträgen mit einer nicht verifizierten Lieferadresse im einstelligen Bereich“ liegt.
Die sogenannte Telematikinfrastruktur (TI) soll das Gesundheitssystem vernetzen und demnächst auch Zugriff auf elektronische Patientenakten ermöglichen. Zugang zu diesem speziell gesicherten Netzwerk sollen nur befugte Teilnehmer wie Ärzte oder Praxen über besondere Chipkarten bekommen.
RND/dpa